Wir müssen reden "Mit dem kann ich machen, was ich will, ohne dass es sich wehrt"

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Lederpeitsche und Latextanga: Warum ist Fetisch so aufregend? "Ich kann meinen Partner zum Objekt machen", antwortet der Sexualforscher Ulrich Clement. Das Sexgespräch Von

ZEIT ONLINE: Fetischismus wird in der Popkultur und Mode häufig zitiert: Von der Bondage-Comic-Figur Sweet Gwendoline über den Latexanzug von Catwoman bis hin zu Madonna, die intensiv mit der Bilderwelt des Fetischismus spielt. Aber wie viele Fetischisten gibt es überhaupt?

Ulrich Clement: Es gibt kaum Zahlen über die Verbreitung, weil Fetischisten in der Regel keine Hilfe suchen. Man muss ja unterscheiden, ob jemand auf ein bestimmtes Objekt oder Material so festgelegt ist, dass er oder sie nur dadurch Lust erleben kann. Das ist sehr selten. Was aber zunimmt sind die Fälle, in denen jemand seinen Fetisch in die alltägliche Sexualität einbezieht. Fetischismus ist eine Art Lifestyle geworden, der expandiert und weit in die Normalität hineinreicht. Es gibt Partys, auf denen sich ganz normale Leute mit High Heels, Bondage-Klamotten und Hundeleinen stilisieren und sexualisieren.

ZEIT ONLINE: Worin genau besteht dann eigentlich ein Fetisch?

Clement: Fetischismus beschreibt die sexuelle Besetzung eines unbelebten Objekts. Das können Materialien sein wie Leder und Latex oder bestimmte Kleidungsstücke oder auch Körperteile. Diese werden dann erotisiert und vom Kontext abstrahiert. Der Reiz der eben erwähnten Partys dagegen besteht darin, Fremdheit herzustellen. Es handelt sich dabei um eine Maskerade, hinter der ein Christian zum Ledermann und eine Steffi zur Latexlady wird. Beim Fetischismus wird eine Person nicht mehr als vollständige Person gesehen, sondern ein Teilbereich wird herausgenommen – etwa der Hintern oder die Geschlechtsteile – und der wird dann erotisch überhöht, und durch Schmuck oder auch Piercings besonders betont. Das Spiel mit der Fremdheit besteht darin, dass man dem anderen nicht mehr immer nur als vertrautem Partner in die Augen guckt, sondern ihn auch ein Stück weit zum Objekt machen kann.

ZEIT ONLINE: Aber ist es nicht ein entscheidender Unterschied, ob jemand an seiner Partnerin, die er liebt und begehrt, bestimmte Partien zum Beispiel mit Schmuck oder Kleidung betont, oder ob ihn dieser Schmuck oder diese Kleidung auch völlig unabhängig von der Partnerin, unabhängig von dem bestimmten Menschen dahinter, erregt?

Clement: Nehmen wir das Beispiel eines Wäsche-Fetischisten. Der geht durch die Wäscheabteilung und kauft sich ein Negligé – oder er klaut gar eines, weil es gebraucht sein soll – und onaniert hinein. Die sexuelle Aktivität ist hier unabhängig von einer Person.

ZEIT ONLINE: Es ist nicht so ganz einfach nachzuvollziehen, wodurch hier die Erregung entsteht. Es handelt sich schließlich nur um ein Objekt.

Clement: Das ist genau der Witz. So ein Ding guckt nicht zurück. Es ist ein Schutz, es schafft Distanz. Ein anderer Mensch wäre nicht steuerbar, er reagiert, er geht womöglich auf den anderen zu. Das fetischisierte Objekt hingegen ist manipulierbar. Mit dem kann ich machen, was ich will, ohne dass es sich wehrt. Wenn jemand Intimitäts- oder Potenzprobleme hat, kann das sehr geeignet sein.

ZEIT ONLINE: Ersetzt so ein Fetisch dann den Partner?

Clement: Man muss bei diesen ungewöhnlichen Vorlieben wieder unterscheiden zwischen Menschen, die sie in ihre Sexualität integrieren, und anderen, die ausschließlich auf ihr Objekt angewiesen sind und etwa nur eine Erektion bekommen können, wenn sie Leder riechen. Letzteres ist eine starke Einengung, auf die man gegebenenfalls therapeutisch einwirken kann oder muss, weil dann eine lebendige Beziehung nicht möglich ist. Das andere ist einfach eine Anreicherung meiner sexuellen Optionen.

ZEIT ONLINE: Stimmt es eigentlich, dass Füße einen überproportionalen Anteil haben unter allen Körperteilen, die zum Fetisch erhoben werden?

Clement: Nein, Brüste, Po, Genitalien sind die Favoriten, aber Füße fallen einfach besonders auf. Schuhe sind übrigens auch recht beliebt, meistens getragene.

ZEIT ONLINE: Warum finden einige Menschen ausgerechnet das so attraktiv?

Clement: Der Fußgeruch stellt indirekt einen menschlichen Kontakt her, aber ohne die Mühsal, mit dieser Person tatsächlich in Kontakt treten zu müssen.

ZEIT ONLINE: Hat der berühmte Schuhtick vieler Frauen auch etwas damit zu tun?

Clement: Natürlich!

ZEIT ONLINE: Natürlich?

Clement: In der Regel bezieht sich dieser sogenannte Tick auf Schuhe mit Absätzen. Die Frau, die solche Schuhe trägt, stilisiert sich in eine bestimmte Rolle und spielt damit. Deshalb sind es auch meist elegante Schuhe, mit denen eine bestimmte Form des Weiblichen betont wird. Turnschuhe sind viel schlechter erotisierbar.

ZEIT ONLINE: Warum?

Clement: Weil sie geschlechtsneutral sind und deshalb keine erotische Einladung hergeben.

ZEIT ONLINE: Liegt es auch an dem wackeligen Gang, den man als Frau auf hohen Absätzen beinahe zwangsläufig bekommt, dass Schuhe so beliebt sind?

Clement: Das ist eine andere Geschichte. Dieser spezielle Gang, sagen Verhaltensbiologen, aktiviert bei Männern das Beuteschema: Die lädt ein und kann nicht weglaufen. Außerdem führen hohe Absätze zu einer leichten Wirbelsäulenkrümmung, die bewirkt, dass der Hintern etwas mehr herausragt – ein primärer Reiz, auf den viele Männer ansprechen. Und Frauen können damit spielen.

ZEIT ONLINE: Wie entsteht eigentlich ein Fetisch?

Clement: Eine mögliche Erklärung ist, dass es in der Kindheit eine prägende Situation gab, eine Demütigung beispielsweise oder eine erotische Situation. Wir Therapeuten sind immer froh, wenn wir eine solche Prägung finden können. Oft findet man aber keine. Letztlich kann man auch nie wissen, ob diese Geschichten auch tatsächlich prägend waren, oder ob sie im Nachhinein als Plausibilisierungen herangezogen werden.

ZEIT ONLINE: Interessant ist in diesem Zusammenhang ja die Frage: Wie entstehen eigentlich meine sexuellen Vorlieben?

Clement: Die kurze Antwort lautet: Unsere sexuellen Präferenzen werden früh festgelegt, man kriegt sie danach nicht mehr weg, aber man kann etwas dazu entwickeln. Wenn jemand beispielsweise einen Leder-Fetisch entwickelt hat, dann kann diese Prägung später in den Hintergrund treten, sie bleibt aber gewissermaßen im Stand-by-Modus aktivierbar. Er kann aber eine andere Option hinzuentwickeln, etwa in einer Therapie lernen, auch nackte Haut zu mögen oder eine ganze Person.

ZEIT ONLINE: Was wir in der Pubertät sexuell schätzen lernen, werden wir also ein Leben lang mögen?

Clement: Ja, aber das bedeutet nicht, dass die Entwicklung damit abgeschlossen wäre. Sonst wären wir Sexualtherapeuten im Übrigen auch in einer beschäftigungslosen Situation. Aber wenn es die Bereitschaft gibt, etwas erotisch zu besetzen, bleibt diese Bereitschaft. Wie drängend sie ist und wie häufig sie aktiviert wird, das kann sich verändern.

ZEIT ONLINE: Betrifft Fetischismus mehr Männer als Frauen?

Clement: Nicht auf den von mir erwähnten Lack-und-Leder-Partys. Da gibt es genauso viele Frauen. Aber die wirklich auf einen Fetisch festgelegten sind fast ausschließlich Männer. Männer, die unsicher sind, mit einer Frau in Kontakt zu treten, einer Frau gegenüber zu sagen, was sie wollen, sich auszutauschen und auch – im übertragenen Sinne – potent aufzutreten. Sie suchen nach einem Umweg, um ihre Sexualität leben zu können.

ZEIT ONLINE: Eigentlich passt der Fetisch doch perfekt in unsere Zeit. Wir sind von Dingen umgeben, die wir begehren, sexy finden oder lieben. Und opfern wir nicht viel Geld und Zeit, um sie zu bekommen?

Clement: Das ist nicht so neu. Menschen umgeben sich immer schon mit Objekten, die mit Bedeutung aufgeladen werden. Beim sexuellen Fetisch ist diese Bedeutungsaufladung eben sexuell. Bei anderen Dingen wie einem Auto geht es um Status – und manchmal auch um eine Phallussymbolik, also sogar wieder um eine sexuelle Aufladung. Wobei das nicht unmittelbar zu verstehen ist, schließlich bekommt man als Mann beim Autofahren nicht dauernd eine Erektion. Aber das Bedeutungsfeld ist sehr wohl entsprechend besetzt.

ZEIT ONLINE: Können Sie diese Bedeutungsaufladung näher erklären?

Clement: Das Auto dient dabei als erweitertes Ich. Wenn ich in einem Achtzylinder sitze, der röhrt, spüre ich die Vibrationen. Das ist sehr körperlich. Und man kann sich größer, stärker, maskuliner, mithin potenter fühlen.

Kommentare

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In diesem Text sind ungefähr 10 Aufschreie eingebaut, die die progressive Frau jetzt liefern müsste. Allein das hier:

Das ist eine andere Geschichte. Dieser spezielle Gang, sagen Verhaltensbiologen, aktiviert bei Männern das Beuteschema: Die lädt ein und kann nicht weglaufen. Außerdem führen hohe Absätze zu einer leichten Wirbelsäulenkrümmung, die bewirkt, dass der Hintern etwas mehr herausragt – ein primärer Reiz, auf den viele Männer ansprechen. Und Frauen können damit spielen.

Das sieht ja verdammt noch mal so aus, als ob sich Frauen hier als willige Primatenbeute verkleiden. Das kann aber gar nicht sein. Weil Frauen bekanntlich enge Klamotten und Co. nur deswegen anziehen, um sich selbst oder der Freundin zu gefallen. Aber dass Miniröcke und Fetischschuhe übergestreift werden, um aufzureizen? Das ist gegen jede Gut-Propaganda, das ist gegen die Grünen gerichtet und gegen alle Legginsträgerinnen mit Röcken bis zum Anschlag und darüber hinaus. Das ist Teufelszeug, um es mit einem Wort zu sagen.

Ich bitte, diese Sätze in Ihrem Text zu schwärzen. Oder den Text selbst als Schreib-Fetisch zu deklarieren. Danke!

Das Selbstgefühl attraktiv zu sein bleibt ohne Bestätigung durch andere Menschen unvollendet. Es bleiben Zweifel die durch die eindeutige Aufmerksamkeit möglichst fremder Menschen reduziert werden. Daraus kann auch eine Art Sichtverhältnisse entstehen was ggf. zu einer noch stärkeren Selbstpräsentation führt. Insoweit ist z.B. körüerbetonte Kleidung auch ein Werben um Aufmerksamkeit allerdings dürfen die Umworbenen dies nicht falsch oder überinterpretieren.

Hingabe synthetisch, entmenschlicht, autoerotisch, akzeptiert.
Fetisch hat eine Entsprechung im Sehen und Gesehen werden. Wir haben es alle vielleicht schon mal probiert. Man hält eine Camera auf einen TV und filmt, was die Camera filmt. Wenn der Musiker seine Gitarre an die Box hält, entsteht Musik die nur den gerade gespielten Ton wiedergibt und ihn „zieht“. Es hat etwas mit dem Spiegel zu tun und der Glattheit des Bildes. Fetisch ist eine Mischung aus sich selbst gespiegelt und das erzeugt mit erotischer Komponente eine Art Kunstrausch, also man hat nicht Verkehr, sondern es ist autoerotisch und geht ganz klar nur im Hirn los.
Dabei haben beide Partner eine Art Selbst-Meltdown. Das Ich löst sich auf, der Sekundäreffekt von Sex. Ohne Liebe sozusagen künstlich erzeugt. Hingabe total. Der es mit sich machen lässt und der, der es macht. Beide erleben einen Reiz auf Messers Schneide sozusagen. Entmenschlicht. Wie eine synthetische Droge.

Da spricht doch ganz der Therapeut. Als ob die Freude an der Lust eine Krankheit wäre, die es unbedingt zu kurieren gälte.

An der Fetisch-Szene fällt mir vor Allem auf, dass da die Leute, im Vergleich zum Alltagsleben, relativ ungehemmt miteinander umgehen. Man muss sich nicht mehr den tausenden Regeln der Gesellschaft unterwerfen, sondern nur noch den Regeln des individuellen gegenseitigen Einverständnisses. Dort kann man geradeaus über Dinge reden, die man sonst besser verschweigt. Das ist alles Andere als verklemmt und pathologisch, das ist aufrichtig, ehrlich und deswegen auch entspannend und erholend. Urlaub von der Tabu-geplagten Welt, sozusagen.