Endlich Vintage! Die Zärtlichkeit der Hormone

© Nora Philipp/photocase.de

Das Phänomen ist nicht neu. War es – 1979? Hier erzählt jetzt Mutti: Wir gingen auf eine Party (heute: Hausparty), Einladung bei einer damals sogenannten Landkommune (heute: aufgelöst) – bestehend aus diversen Paaren und diversen Kindern inmitten diverser Hühner. Es war ein Jahr, bevor im Ehebett des einen Paares vom Ehemann ein Mann gefunden wurde, der nicht er war, und nur wenige Tage, bevor nebenan das Dach wegflog, weil der Hausherr das Abendessen nicht von seiner Hausfrau rechtzeitig auf dem Tisch angerichtet fand (so fortschrittlich war es eben doch nicht). Alle Paare sind natürlich längst geschieden und es ist aus und vorbei mit dieser grünen Idylle. Ich trug zur Party einen engen schwarzen Rock mit Higheels, die man damals Pumps nannte, und dazu ein weißes fast ärmelloses Blüschen, sowie, zugegeben, Lippenrot. Rock und Blüschen von meiner Mutti. Haarschnitt von Cut in der Kings Road in London. Es war pures Glück, dass ich da lebend rauskam.

Wir kamen in das Zimmer und die Frauen, die in ihren weiten Gewändern indischen Ursprungs zusammenhockten. Sie blickten hoch, wobei ihre in die Augen wellenden Ponys zur Seite fielen, und ihre Blicke wanderten an mir hoch und runter, als sei ich eine Dose, die man aufschlitzen wollte. Soviel zu Frauensolidarität.

Wer Freundinnen hat, braucht keine Feinde, heißt es, und das ist sehr ungerecht, es gibt ja schließlich auch Freundinnen, die bleiben. Nicht alle. Bei anderen ist es vorbei, sofern man auch nur einmal die falschen Schuhe anhat. Die Schuhe (Frisur, Rock, Bluse, Lipstick) können aus vielen Gründen falsch sein, unter allen Gründen aber immer haben zwei Gründe die Nase vorn: 

1. Falsch wegen Hässlichkeit: Man trägt das falsche Label, bei Schuhen zu viel Absatz oder zu wenig, die falsche Spitze, beim Rouge die falsche, weil nicht angesagte Farbe. Dann ist man eine Niete. 

2. Andersrum falsch: Weil der Absatz gerade super angesagt ist, die Farbe cool, das Label völlig korrekt, aber doch falsch, falsch, falsch. Weil es einfach die wundervollsten Schuhe sind, die man sich denken kann, oder der schärfste Rock. Dann ist man Konkurrenz. 

Im ersteren Fall wird man spontan verachtet, im zweiten Fall zutiefst gehasst.

Männer werden dies mit Staunen lesen, wo Männer in meinem Alter doch höchstens mal den Bauchansatz vergleichen ("Du, der hat doch mehr zugelegt als ich?"), wahlweise den Haaransatz ("Du, der hat doch mehr Glatze als ich, oder?"), und dann das Ergebnis des Vergleichs ganz schnell vergessen. Wozu sich erregen? Keine Ahnung, ob Frauen diese Frage für sich beantworten könnten oder wollen. Es könnte ja etwas herauskommen, das dem Blick auf unangenehme Tatsachen lenkt. Auf Neid zum Beispiel.

Tabuthema! Warum sind Frauen so neidisch, wieso gibt es den buchstäblichen Zickenkrieg, wieso sind so viele Frauen darauf versessen, andere Frauen zu beißen, sie wegzuhacken, ihnen die Typen abzujagen, das Leben so gut wie möglich schwer zu machen? Und wir möchten jetzt einmal nichts vom Elektra-Syndrom hören. Wir lehnen es ab, in jeder Frau die süße Kleine sehen, die ständig darauf aus ist, ihrer Mutti den Papa abspenstig zu machen. Und kein Wort bitte mehr von den Biologen, die so gerne dozieren, dass Frauen eigentlich immer auf der Suche nach Frischsperma sind und jeden anderen weiblichen Unterleib verscheuchen. Richtig ist, Frauen machen es sich gegenseitig oft nicht einfach. Und dann ist das vorbei. Weg.

Eine Frage der Hormone? Ein Nachlassen des aufgepeitschten Kopulierungswillens? Jedenfalls: super relaxing, so als Lebensart. Man hat eine Schwelle überschritten und ist in Sicherheit.

Da kann es passieren, dass man an einer Pariser Kreuzung steht, neben einer anderen Lady in diesem, nun, Alter, und sie sagt: "Madame, vous êtes ravissante!" Wie bitte? Entzückend? An der Kreuzung?

Ist zunächst ungewohnt. Manch einer mag zucken, im Sinne von: Was will die? Lesbisch, oder was? Dann passiert es wieder, es wird so ein munterer Begleittakt des Lebens. Allegro Vivace! Man geht so aneinander vorbei, zwei Vintage-Ladies, und lächelt sich zu. Soll heißen: Tolles Kostüm! Im Sinne von, tja, Du auch, aber wir lassen uns nicht scheuchen. Oder: Man steht an einem Tresen, wie neulich in Florenz, rührt in seinem Cappuccino und die Blicke kreuzen sich. Hauch eines Lächelns. Heißt: Wahnsinns-Outfit! Es ist so, als wäre man Mitglied in einem Club. Endlich Vintage!

Man schaut, und sieht plötzlich, voller Anerkennung, wie sich die älteren Ladies in Schale geschmissen haben. Weißer Duffelcoat, darüber die gleißende Brille – darauf muss man erst mal kommen! Gestern im Café: kurz geschnittener Bob, schwarzes Etui-Kleid, dazu Lackslipper auf daumenhohem Krepp. War bestimmt über 60, und hatte vermutlich ein kleines Fußproblem, aber doch gelöst im Stil eines sagenumwobenen Brothel Creeper, da ist noch dieser Hauch von Punk und Verwegenheit. Man denkt das alles erfüllt von Zärtlichkeit. Es geht ja um nichts mehr, außer darum, sich selber zu gefallen.

Natürlich gibt es immer noch einige, die diesen Zeitpunkt irgendwie verpasst haben. Vorsicht ist geboten, wenn jemand anhaltend aufkreischt, wenn man sich was Schönes übergeworfen hat. Macht den Soundcheck! Aber was soll's. Die richtige Haltung wäre: Zick dich doch!

Gerade kommt eine Mail von meinem Sohn. Ermutigungsmails gehören ja zum Alter wie die Falten. Diesmal: Hundertjährige feiert Geburtstag mit einer kleinen Runde Sharkdiving nach dem Skydiving. Outfit? Natürlich einer der in diesem Jahr so angesagten Overalls. Rot kommt besonders gut.

Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ich als Frau kenne Zickenkrieg eigentlich fast nur von Erzählungen. Er herrscht nicht überall und auch nicht überall gleich stark.
Jetzt zu meiner Theorie der Ursachen: Frauen müssen nämlich eigentlich gar nicht in Konurrenz zueinander treten, wenn es um Nachwuchs geht. Um die Fortpflanzung zu sichern, braucht es viel weniger Männer als Frauen, weil ein Mann ja hintereinanderweg Kinder machen kann und eine Frau nur alle neun Monate eins. Trotzdem sind ungefähr gleich viel Männer wie Frauen da. D. h. eigentlich sind die Männer zueinander in Konkurrenz. Sind sie auch, wenn die Geschlechteranzahl ungefähr ausgeglichen ist. Das Ding ist, dass das Männliche und Weibliche in Gruppen immer zum Ausgleich tendiert: Das heißt in reinen oder überwiegenden Frauengruppen tritt dann genau diese Konkurrenz irgendwann zutage. Genauso werden einige Männer in reinen Männergruppen irgendwann emotional und rührselig. Man könnte aber auch einfach sagen, dass wenn halt nur Frauen da sind, dann ist die oben beschriebene Situation, in der im Prinzip zu viele Männer pro Frau da sind nicht mehr gegeben und dann fängt halt die Konkurrenz auch unter Frauen an.
Ich will sagen, in ausgeglichen gemischten Gruppen, tritt diese Zickensituation eher nicht auf - erst wenn die Frauen überhand nehmen.

Meine Theorie: Viele Frauen sehen sich mit unrealistischen Schönheitsidealen konfrontiert, denen nicht mal Models entsprechen können, denn selbst bei ihnen wird mit Photoshop nachgeholfen. Es gehört schon fast zum guten Ton seinen eigenen Körper nicht zu mögen. Manche finden das sehr irritierend wenn jemand seinen Körper mag obwohl er "Mängel" hat. Bei einer schönen Frau reagieren manche mit "Die hat so perfekte Beine, ich hasse sie dafür!". Wie eine Frau sich in ihrem Körper fühlt scheint die andere Frau mit ihrem eigenen Körperbild zu konfrontieren. Anstatt darüber zu reflektieren reagieren einige leider abwehrend. Schönheitsideale werden zum Glück hinterfragt, dennoch können wir leider nicht einfach unsere Sozialisierung umschreiben.