Andersrum ist auch nicht besser Der ganz normale Wahnsinn

© Annette Kociemski

Als ich noch davon ausging, heterosexuell zu sein, musste ich mich mit 50 Prozent der Weltbevölkerung messen. Damals, als eine von etwa 3,61 Milliarden Frauen, verfiel ich auf die innovative Idee, ausschließlich schwarz zu tragen, um hervorzustechen. Mit mittelprächtigem Erfolg, schließlich wussten schon Grzimek und Brehm: Es ist der bunteste Pfau, der die größte Aufmerksamkeit bekommt. Deshalb werten sich Menschen mit pinkfarbenen Haarsträhnen und tiefergelegten Vierrädern auf, machen Burlesquekurse, besuchen Talk- und Castingshows und braten ausschließlich handmassierte und mit Bier getränkte Kühe, die sie mit im Himalaya geklopftem Ursalz würzen. Tief in sich drin spürt nämlich jeder: "Normal sein" ist kein Kompliment. "Normal sein" heißt Durchschnitt sein und Durchschnitt sucks.

Viele normale Menschen sehnen sich danach, anders zu sein – und das am liebsten in Gruppen mit anderen, in deren Mitte sie sich wiederum total normal fühlen können. Auf diesem wundervollen Gefühl individueller Normalität fußen Rudel lallender Strohhutträger am Ballermann ebenso wie patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes, verschwurbelt daherredende Literaturmenschen auf Buchmessen und auch die Nudistenvereinigung Südharz. Oder großformatige Lesbenfestivals.

Wie strapaziös diese Massennormalität ist, merke ich jedes Frühjahr, wenn ich mich auf einem derartigen Festival unter 4.000 andere Lesben mische. Das großgruppenweise Auftauchen sogenannter Gleichgesinnter löst bei mir nichts als Panik aus. Ich meine: 4.000! Lesbische! Frauen! Die trinken und lachen und tanzen und flirten. Da ist Panik durchaus angemessen. Denn bei 4.000 Lesben muss jede cooler, bunter und lässiger sein als die andere, mich eingeschlossen. Ein echter Gewaltakt. Warum 4.000 lesbische Frauen im Frühjahr an die Ostsee strömen? Wegen der Chance, an jedem Sandkorn eine potenzielle Geliebte zu treffen. Gelingt ja im heterosexuell geprägten Alltag eher selten.

Das Schaulaufen am Ostseestrand dauert von frühmorgens bis spätnachts. Was mich angeht, fühle ich mich am Ende des Festivals wie nach einer mehrwöchigen Grippe: angenehm wattig im Kopf und urlaubsreif. Das mag für heterosexuelle Menschen komisch klingen, schließlich sind sie ihr Leben lang fast ausschließlich von Gleichgesinnten umgeben, von potenziellen Sexual- und Lebenspartnern und von Konkurrenten um die Aufmerksamkeit des Zielobjektes. Bei mir sind es nur vier Tage pro Jahr. Und nur 4.000 Lesben. So gesehen ein Klacks. Aber mir ist diese Normalität zu anstrengend.

Soziologisch gesehen ist das normal, was in einer Gesellschaft als selbstverständlich gilt. Was dem Verhalten der Mehrheit entspricht, und was richtig sein muss, weil es schließlich alle tun. Dumm nur, dass es ausschließlich vom Umfeld abhängt, was die Menschen als selbstverständlich empfinden. Sitzt man im Bikini in einer deutschen Sauna, ist der Rauswurf vorprogrammiert. Genauso wie ohne im Schwimmbad. Und eingefleischte Fußballfans finden es abnorm, wenn 22 Frauen in Kniestrümpfen einem Ball hinterher jagen, aber: Es wird auch nicht normaler, wenn 22 Männer das Gleiche tun.

Natürlich wird auf dem Festival auch Fußball gespielt, gleich neben den Wakeboarderinnen am Strand und der Yogagruppe. Symbiosen im Partnerlook flanieren händchenhaltend den Deich entlang, Mädelscliquen in neonfarbenen Gruppenshirts trinken Hochprozentiges aus winzigen Flaschen, Bandgroupies lauern am roten Teppich, höchst feminine Femmes wetzen die Nägel und androgyne Butches tun, als würde sie das alles nichts angehen. Alles wie im wahren Leben. Die Besucherinnen, die nicht wegen der Frauen, sondern ausschließlich wegen der Konzerte gekommen sind, werden selbstverständlich integriert. Das ist hier völlig normal.

Kommentare

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Ich bin heterosexuell und seit 20 Jahren glücklich verheiratet. Mag also sein, dass ich daher rede wie der Blinde von den Farben.

Allerdings will man als Mensch/Frau ja nicht nur in sexueller Hinsicht ankommen, sondern auch in anderen Bereichen.

Und da kann ich nur sagen: Es ist ungemein befreiend, wenn man sich selbst gestattet, authentisch und damit "echt" zu sein. Ich verstelle mich nicht mehr und wer damit nicht zurecht kommt, der hat halt Pech gehabt.

Das heißt nicht, dass ich nicht rücksichtsvoll und empathisch bin. Aber ich mute mir selbst nicht mehr zu, mich zu verbiegen, um andere zufrieden zu stellen.

Whitney Houston hat viele Schmarrn-Lieder gesungen, aber das kitschige "Greatest Love" ist einfach nur wahr. Die größte Liebe sollte man für sich selbst empfinden und zwar nicht in egoistischer Hinsicht, das überhaupt nicht, sondern in Sache Würde.

Ich halte das Bewahren der eigenen Würde für das Wesentlichste überhaupt und die Würde lässt es nicht zu, für die anderen den Kaschperl zu machen und sich zu verbiegen, nur um gut anzukommen.

Ich bin nie davon ausgegangen, heterosexuell zu sein (ich weiß gar nicht, wie man auf den Gedanken kommt ;)), also bedeutet für mich lesbisch sein normal sein. Schon seit meiner Kindheit habe ich mich für Frauen interessiert, nicht für Männer. Ich war schon in meine Grundschullehrerin verliebt und später dann auch in andere Lehrerinnen, Mitschülerinnen, Freundinnen (die nicht lesbisch waren) usw.

Ja, einmal im Jahr auf dem LFT (LesbenFrühlingsTreffen) ist es anders als in der für uns eher langweiligen heterosexuellen Welt. Während man sich normalerweise - da ist es schon wieder, das normal - Männchen angucken muss, die hinter Weibchen her sind, oder Weibchen, die hinter Männchen her sind, sind wir auf dem LFT "unter uns".

Ich stelle mir dann manchmal vor, wie es wäre, wenn es immer so wäre, wenn die Verhältnisse umgekehrt wären, 90% Lesben und nur 10% Heteras, wäre das wirklich besser? Gut, wir würden uns in der Tat "normaler" fühlen, aber ich stimme Tania Witte darin absolut zu: Das ist nicht unbedingt erstrebenswert.

Ich fand es eigentlich immer schon gut, dass ich lesbisch geboren bin und deshalb etwas Besonderes bin, nicht das normale Einerlei. Natürlich kann ich nichts dafür, dass ich so besonders bin, es ist genau dasselbe wie meine Haarfarbe oder meine Augenfarbe. Man ist eben, wer und wie man ist. Aber trotzdem hat es mir immer gefallen.

Als ich das erste Mal auf einem LFT war, war ich absolut überwältigt, endlich einmal nur unter Lesben zu sein. Was für ein Erlebnis! Aber sehr schnell stellte ich dann fest, dass es auch nichts anderes ist. Es gibt attraktive Femmes (vielen Dank an Euch für den netten Anblick :)) und männlich aussehende Butches, aber die meisten von uns sehen doch ziemlich ähnlich aus. Wie eine normale Lesbe eben. Da gibt es keine großen Unterschiede.

Es gibt Unternehmerinnen und Verkäuferinnen, Sportlerinnen und Rollenspielanhängerinnen, Studentinnen und Rentnerinnen - wie überall. Wir waren schon immer normal, nur wurde es uns nicht erlaubt. Wir wurden hingestellt, als wären wir irgendwelche Missgeburten. Und das fanden heterosexuelle Menschen dann wieder "normal".

Normalität ist wirklich ein sehr fragwürdiger Begriff. Danke, Tania, für diesen Artikel, der das aufzeigt. *daumen hoch*