Gesellschaftskritik Mehr als ein Busenwunder

© Justin Lane / dpa

Keine Interviews. Das war ihre Prämisse, vielleicht war es sogar ihre Überlebensstrategie. Dem grellsten Scheinwerferlicht trotzte sie durch beharrliches Schweigen. Ihre Blicke, ihre Posen, ihre provokanten Outfits, maßgeschneidert und aus feinsten Stoffen, mussten der Welt genügen. Ungehörige Fragen nach Liebschaften, persönlichen Krisen und ihrem Leben abseits des Rampenlichts ließ sie nicht zu. Eine unautorisierte Biografie, die vorgab, intime Einblicke in ihr Inneres gewähren zu können, blieb gänzlich unkommentiert.  

Die Sorge um ihre Privatsphäre kam nicht von ungefähr. Als jüngstes Mitglied einer milliardenschweren Hoteliersfamilie wuchs sie schon unter den gierigen Blicken der Öffentlichkeit auf. Mit wenigen Monaten beherrschte sie das Katz-und-Maus-Spiel der Paparazzi bereits perfekt. Und klagte nie, dass ein Spiel mit Stöckchen und Kauknochen ihr vielleicht angemessener wäre. Sie wuchs heran zum Stoiker unter Hedonisten. Die Pfötchen leicht angewinkelt, den Kopf artig geneigt, zeigte sie ihrem Umfeld was wahre Haltung ist.

Wo ihre Begleiterin rücksichtslos und vorlaut war, blieb sie leise und verletzlich. Statt sich in praller Jetztverliebtheit zu aalen, blickte sie mit sorgenvoller Miene in die Zukunft. Ihr Charme war legendär. Alle Konkurrenz im eigenen Haus ließ sie gewähren, nie war sie beleidigt, boshaft, begossen oder gar verbissen. Bei jedem Auftritt zeigte sie aller Welt ihre zitternden Glieder – eine Geste, die für sie einnahm. Auch die Erfolgreichsten, das zeigte sie uns, müssen insgeheim fürchten, sich im Aufmerksamkeitsregen eine schwere Erkältung zu holen. Sie war das Echte im Falschen.

Dabei war die ihr zugedachte Rolle, als ihre Karriere im Jahr 2001 begann, bereits älter als das älteste Hilton-Hotel. Die Inka und Azteken, die Medici, die Monroe und Madame de Pompadour – als reinrassiger Schoßhund führte sie eine jahrhundertealte Tradition fort. Eine schwere Bürde. Es galt den weiblichen Müßiggang gegen das Diktat von Arbeit und Vereinbarkeit zu verteidigen. Seht her, rief ihr Körper, ich tue rein gar nichts! Und es gelang. Sie allein verhalf ihrem Stand zu neuer Geltung – ein ehrbares Vermächtnis.

Nur ein einziges Mal verlor sie die Nerven und verschwand für einige Tage spurlos aus ihrem millionenschweren Heim. Vielleicht war es die Selbstmord-Szene in der Zeichentrickserie Southpark, die der feinfühligen Loyalistin so schwer zugesetzt hatte. Doch sie kehrte zurück und verbrachte noch glückliche Jahre im wohlverdienten Ruhestand.   

Am 21. April starb Tinkerbell im Alter von 14 Jahren. Wir nehmen Abschied von einer Großen im Handtaschenformat. Kein Pomeraner wird sie je ersetzen können.

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Spitz pass auf! ... "Und wie

Spitz pass auf! ... "Und wie der Mops in deutschem Land bei alten Jungfern Liebe fand, ist's hundewohl nur dieser in der Obhut der Pariserin" (Eugen Roth). Verkehrte Welt - Dauerzittern am halbnackten Busen um den Anstand der Dame Paris?! Wobei diese doch - Hundegöttin Diana sei's gewauwaut - selbst das Abbild einer losen Bellikone darstellt (wie sang Gianna gleich? "Bella, bella impossibile"). Das wußte schon der Narr am Hofe King Lears: "Madame Schoßhündin darf am Feuer stehen und müffeln" (when Lady the brach may stand by th' fire and stink). Im Namen der hinausgepeitschten Wahrheit (bei Shakespeare auch ein Hund, ein schlecht behandelter) - das treue Wesen in gremio soll etas retten, was nicht zu retten ist. Darum seine Winzigkeit: "Wertvoller wird er stets, je kleiner. Am teuersten ist: beinahe keiner" (nochmals Roth). Seine ureigentliche Aufgabe, die Ehre und den guten Ruf der Dame zu schützen, bestand ja darin, die Hand des unanständigen Galans zu beißen - man lese Gottfried Kellers "Zürcher Novellen" und sehe zudem die Illustration im Codex Manesse über den aufdringlichen Minnesänger Hadlaub. Galanterie - verschwendet an einer STinker Bell, aaah! Die nächste "Mistbella" (Spitz-Name!) möge jedoch wissen, welches Schicksal das Glöckchen geschlagen hat: Paris Tinkas. Eine "sorgenvolle Mine" (sic!) - und schon entsorgt.