"Tatort"-Kritikerspiegel Immer beleidigt, immer neben der Spur

© WDR/Thomas Kost
Das Team des Dortmunder "Tatorts" ermittelt im Basejumper-Milieu. In schwindelerregenden Höhen und abgrundtiefen Seelen. Wo Kommissar Faber seine weiche Seite entdeckt.

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Wir haben keine Angst vor der Jugend! In dieser Folge des Dortmunder Tatorts wird die Extremsportart Basejumping in den betont juvenilen Kriminalfall eingearbeitet. Fesch. Die gewohnte Intensität des Kaputtnik-Teams um Hauptkommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) wird aber trotz forcierter Adrenalinschübe nicht ganz erreicht.

Lars-Christian Daniels: Sie lieben amerikanische Serien wie Breaking Bad oder True Detective? Wir auch. Und setzen deshalb voll auf horizontale Figurenentwicklung: Dieser Tatort ist eher Drama als Krimi und doch keine Minute langweilig. Und ausgerechnet Faber bildet den Ruhepol.

Joachim Huber: Wenn die Lebenskrise droht, ist auch Basejumping keine Lösung.

Kirstin Lopau: Wie wird man mit dem Schicksal, das das Leben für einen bereithält, fertig? Ist die Freiheit vorbei, wenn man im Leben etabliert ist, mit Frau, Kind, Job? Braucht man dann ab und zu oder immer wieder oder immer öfter den ultimativen Kick? Ein Verdächtiger nennt es so: "Einfach mal alles vergessen. Dich für einen Moment von dir selbst befreien." In diesem Dortmunder Tatort scheinen sich alle Akteure die Sinnfrage zu stellen.

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 6 Punkte

Lars-Christian Daniels: Hauptkommissar Peter Faber: überraschend zahme 7 Punkte, Hauptkommissarin Martina Bönisch (Anna Schudt): 7 Punkte, Polizeioberkommissar Daniel Kossik (Stefan Konarske): 4 Punkte, Polizeioberkommissarin Nora Dalay (Aylin Tezel): 5 Punkte

Joachim Huber: Faber: 7 Punkte, Bönisch: 6 Punkte, Kossik: 6 Punkte, Dalay: 7 Punkte

Kirstin Lopau: 8 Punkte

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Das Gequengel zwischen den ollen Ermittlern Faber und Bönisch: Immer grob, immer auf den Punkt.

Lars-Christian Daniels: Ein rührender Moment am Krankenhausbett: Mutter und Sohn wollen die Geräte abschalten, die den beim Fallschirmsprung verunglückten Ehemann und Vater künstlich am Leben erhalten. Faber gesellt sich dazu und tut das einzig Richtige.

Joachim Huber: Faber will ein Auto aufbrechen – mit einem Tennisball. Selbe Szene gab es vor zwei Wochen im Kölner Tatort. Im Dortmunder Tatort wird ein kleiner Gag draus: Die Tür ist schon offen.

Kirstin Lopau: Für mich gibt es diesmal drei:

Eine völlig verzweifelte Dalay macht einen Tandemsprung. Auf der Erde angekommen steht sie einfach da, macht die Augen zu, atmet tief ein und aus und lächelt. Sie lächelt wie noch nie zuvor und ist dabei wunderschön, endlich frei von Sorgen, Trauer, Vorwürfen.

Ein ebenso verzweifelter Faber kümmert sich um den kleinen Martin im Krankenhaus, als die lebensverlängernden Maschinen an seinem Vater abgeschaltet werden. Er nimmt ihn in den Arm und steht so minutenlang in seinem alten Parka da, genauso schmerzerfüllt wie der Kleine. Berührend! ("Diese Leere – hört das irgendwann mal auf?" "Nein, man lernt damit zu leben.")

Dieser junge Mats Hugo, der Martin spielt, hat eine so mitreißende Mimik und spielt so anrührend gut. Er ist der heimliche Star dieses Tatorts und verdient für sein Spiel eine 10!

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Das Gequengel zwischen den jungen Ermittlern Dalay und Kossik: Immer beleidigt, immer neben der Spur. Trotz Basejump-Action – an der Jugendfront muss der Tatort noch arbeiten.

Lars-Christian Daniels: Die Undercover-Kommissare Kossik und Dalay gehen mit den Fallschirmspringern in einem Nachtclub feiern: Dalay schmeißt sich an den Hauptverdächtigen ran, ihr Ex-Freund Kossik ist eher auf Krawall gebürstet.

Joachim Huber: Böhnisch bleibt an der grünen Ampel stehen – Sinnbild allertiefster Verzweiflung.

Kirstin Lopau: Mag sein, dass der ein oder dem anderen das Team zu kaputt und mit sich selbst beschäftigt ist. Ich finde es wunderbar! Nichts Peinliches zu sehen in diesem Tatort. Dortmund wird langsam aber sicher zu meinem Lieblings-Tatort!

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 5 Punkte

Lars-Christian Daniels: 7 Punkte

Joachim Huber: Ehrliche 7 Punkte

Kirstin Lopau: 8 Punkte

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

"oder wer würde im Ernst für

"oder wer würde im Ernst für so was einen Euro ausgeben..."
Ich würde und zwar für den Dortmunder. Ich finde diese Truppe genial, kaputte, vom Dienst und vom Leben arg gebeutelte Polizisten, die eine Chefin haben, die sich an die Regeln hält. Ich hasse es, wenn Typen wie Schimanski/Schweiger und co. selbst das Recht brechen um interessant zu wirken...
Diese hier haben das Zeug zum Kult, spannend bis zur letzten Minute, die Kommisare wie im richtigen Leben mit einem Privatleben, interessanter Weise miteienander verknüpft. Dass ein Junge in dem Alter einen Fallschirm an der richtigen Stelle zerschnippelt, halte ich allerdings für weit hergeholt... und warum die Chefin sich ritzt, hat sich mir auch nicht ganz erschlossen (gut, wir wissen, sie neigt zu callboys...).
Sie üben noch, aber das wird!