Digitale Familie Liebling, ich habe die Kinder gepostet!

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© Leonard/photocase.com

Ich finde das Foto immer noch großartig. Meine zwei Söhne, also der Kleine und der Mittlere, sitzen auf dem Sofa in der Küche und dem Älteren steckt ein Messer im Kopf. Natürlich ist es kein echtes Messer, sondern einer dieser Scherzartikel mit einem Plastikbogen in der Mitte, den man über den Kopf zieht. Auf dem Foto wirkt das Ganze jedenfalls sehr überzeugend. Der Große verdreht die Augen, der Kleine grinst, als sei ihm da ein kleines Missgeschick passiert. Ooops. Als das Foto entsteht, sind wir alleine zu Hause, ein Feiertag. Die Frau hat Dienst, ich schicke es ihr ins Büro, um zu zeigen, dass es allen gut geht und wir Spaß haben. Und weil es so lustig ist, poste ich das Bild natürlich sofort auf Facebook.

Fünf Minuten später ist das Foto wieder gelöscht. Der Neunjährige will nicht, dass "die ganze Welt" ihn in Boxershorts sieht. Das Bild ist wirklich sehr harmlos, und auf Facebook bin ich eigentlich nur mit Freunden und engeren Bekannten verbunden, aber ich spüre, wie unangenehm ihm die Vorstellung ist. Das Bild fliegt raus und ich habe ein schlechtes Gewissen. Ich fühle mich dämlich, wie ein unsensibler Vater und vor allem ertappt – von einer Debatte, die ich komplett ignorieren wollte.

Seit Wochen schon wird an verschiedenen Stellen im Netz verschärft darüber diskutiert, ob Eltern die Fotos ihrer Kinder in Blogs oder sozialen Netzwerken veröffentlichen dürfen. Ein Autor findet, sie sollten es sogar unbedingt, damit Kinder auch Teil der digitalen Öffentlichkeit werden. Es gibt auch Menschen, die es schlicht für Missbrauch halten, Kinder im Netz zu zeigen. Und andere wie Johnny Häusler, der es etwas pragmatischer sieht und seine Kinder selbst darüber entscheiden lassen will, was über sie im Netz zu sehen ist – auch auf die Gefahr hin, dass sich die Teenager im Zweifel alleine mehr zum Idioten machen, als ihre Eltern das täten. Bei der re:publica in Berlin werden an diesem Mittwoch Das Nuf und drei weitere Familienblogger die Debatte zusammenfassen und darüber diskutieren, wo die Grenze des Privaten anfängt.

Marin Majica

Marin Majica und seine Partnerin hatten schon jeweils einen Sohn, als sie sich trafen. Sie bekamen zusammen noch einen dritten. Die Jungs sind heute 17, zehn und vier Jahre alt, tragen alle unterschiedliche Nachnamen, teilen jedoch das große Interesse an digitaler Technologie. Bei ZEITmagazin ONLINE schreibt Marin Majica monatlich die Kolumne Digitale Familie und berichtet aus dem Alltag einer digitalisierten Großstadtfamilie.

Ich würde mir diesen Vortrag wirklich gerne anhören, aber: Die Artikel habe ich alle erst am Wochenende gelesen. Bis dahin war ich der festen Überzeugung, dass ich mich unter dieser Debatte einfach wegducken kann. Als ich die ersten Beiträge dazu auf Twitter verlinkt sah, dachte ich: Jetzt kommen sie wieder, die Bedenkenträger, die mit der Gesichtserkennung und der Überwachung und der Datensammelwut der großen Konzerne argumentieren und die auf Facebook unter lustigen Phantasienamen schreiben, damit sie bloß niemand ausfindig machen kann. Die Menschen also, die unverschlüsselte Kommunikation im Netz für Selbstentblößung und den Ausweis höchster Naivität halten und die natürlich jeden, der wehrlose Kinder in dieses Unheil zwingt, direkt beim Jugendamt melden wollen.

Grundsätzlich ist das alles natürlich nicht falsch, die Überwachung und Datenauswertung sind real. Es ist richtig, sich dagegen zu schützen. Ebenfalls richtig wäre es, ausschließlich Gemüse aus dem eigenen Garten zu essen, sich politisch zu engagieren, nur noch zu Fuß zu gehen, elektronische Geräte am besten selbst zusammenzulöten und den Strom dafür im eigenen Windkraftwerk zu erzeugen. Ich habe nur nicht das Gefühl, diesen Maßstäben in meinem Alltagsleben immer gerecht werden zu können.

Ja, ich veröffentliche auch Fotos von meinen Kindern auf Facebook. Nicht auf Twitter oder Pinterest oder einem Blog, weil das öffentlich wäre, aber in meinem Facebook-Freundeskreis schon. Obwohl ich natürlich weiß, dass durch einen Klick auf "Gefällt mir" unter Umständen auch die Freunde meiner Freunde das Bild zu sehen bekommen. Ich tue das, weil die Kinder zu meinem Leben gehören und ich persönlich sie naturgemäß ganz schön toll finde. Und weil für mich die Unterhaltung auf Facebook mit Menschen interessanter ist, die von sich und ihrem Alltag erzählen und nicht nur spannende Artikel verlinken.

Wie in vielen anderen Lebensbereichen auch, versuche ich einfach, im digitalen Umgang mit Kinderbildern das Richtige zu tun, indem ich ganz pragmatisch einige Regeln befolge:

Keine unbekleideten Kinder.
Keine öffentlich auffindbaren Fotos.
Keine für die Kinder peinlichen Situationen.
Gehe den Leuten nicht auf die Nerven.

Vor allem über die beiden letzten Punkte lässt sich natürlich diskutieren. "Ich finde auch, dass du zu viele Fotos von den Kindern postest", sagt die Frau, als ich ihr von der Sache mit dem Messer-Foto erzähle. Sie klingt aufgebracht, als wollte sie das schon länger mal sagen. Bin ich wirklich so schlimm? Ich scanne die Facebook-Einträge der vergangenen Wochen, na ja, da findet sich schon einiges. Es war Ostern, die Kinder haben Eier gesucht, und wir waren mit der ganzen Bande auf der Autobahn unterwegs. Der Kleine war an einem der ersten sonnigen Tage auf dem Laufrad im Park unterwegs und hat mir beim Renovieren der Kita geholfen. Aber das Video vom Großen, wie er zu seinem Geburtstag 16 Kerzen auspustet, habe ich aus Rücksicht auf Teenager-Gefühle wieder gelöscht. Und beim Paddeln im Spreewald sieht man vom Mittleren in bester Familientradition doch nur den Rücken.

"Andererseits habe ich mich damals auch ein bisschen wegen der Fotos von deinem Sohn in dich verliebt", sagt die Frau, als ich mich zerknirscht zu ihr setze. Ein halber Freispruch. Wir einigen uns darauf, in Zukunft immer nachzufragen, ob die großen Kinder mit dem Posten einverstanden sind. Immer. Beim Dreijährigen lassen wir im Zweifel den Familienrat entscheiden oder so. Es bleibt kompliziert. Auf jeden Fall werde ich, wenn der Dreijährige das nächste Mal wieder "Papa, Handy aus!" sagt, dies einfach tun, Ehrenwort. Dann müssen die Jungs ihren Freundinnen später eben selbst erzählen, wie süß sie früher waren als Kinder.

Kommentare

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Digi-naiv

Digi-naiv

wie die gesamte Facebook-Generation. Was "peinlich" ist definiert nicht der Vater (siehe Bemerkung des Neunjährigen). Und alles was ins Netz gestellt wird, wird früher oder später öffentlich. JEDES "ach schaut wie toll meine Kinder" Bild nervt die Umwelt.

Das Problem ist nicht das posten der Bilder der Kinder - das Problem ist das posten in sozialen Netzwerken an sich. Wem dienen die Bilder ausser der Selbstdarstellung des Vaters?

Ein grosses Lob an den kleinen Steppke von 9, der schlauer als sein Vater ist.

Niemand verlangt, Elektrogeräte selbst zusammenzulöten oder eine eigene Windkraftanlage zu bauen, weil das einfach sowohl finanziell als auch technisch für den Otto-Normal-Bürger nicht möglich ist. Es ist aber möglich, sich die vier fünf Klicks zu sparen, also sogar weniger Aufwand zu betreiben, um die Persönlichkeitsrechte der eigenen Kinder so lange zu wahren, wie möglich. Bei dem selbst zusammengeschraubten Gerät (um im Bilde zu bleiben), wissen Sie nachher, was drin ist, welches Teil wo ist. Über ein Bild, das bei Facebook hochgeladen wird, verlieren Sie jede Kontrolle.
Kinder sollten ruhig mit dem Netz und mit sozialen Medien bekannt gemacht werden. Doch ihnen die Entscheidung abzunehmen, wie sie sich darin zeigen, - und dies möglicherweise für eine sehr lange Zeit - ist m. E. nicht nur eine Frage der Vorsicht, sondern auch des Vertrauens. Die Kinder werden Ihnen irgendwann für jedes Foto dankbar ein, dass nicht irgendwo hochgeladen wurde.