Andersrum ist auch nicht besser Was heißt hier queer?

© Jahi Chikwendiu/Getty Images
Aus der Serie: Beziehungen

Als ich Tom kennenlernte, hieß er noch Sophie. Sophie war mit dem besten Freund meines damaligen Geliebten zusammen, und auch wir mochten uns auf Anhieb. Irgendwann trennte sie sich von ihrem Lover, irgendwann trennte sich meiner von mir. Aber das mit uns war was Ernstes: Wir wurden beste Freundinnen, tanzten die Nächte durch, analysierten die Welt und die Penislängen unsere Liebhaber.

Etwa zur selben Zeit, als ich mir meine ungesunde Neigung zu übermäßigem Schokoladenkonsum eingestand – Vollmilch mit ganzen Haselnüssen –, hatte Sophie ihr Coming-out als Lesbe. Wir kamen schnell zu dem Schluss, dass ich das schwerwiegendere Problem hatte. 

Geflirtet haben wir nie miteinander. Das lag nicht etwa daran, dass ich noch jahrelang glaubte, heterosexuell zu sein, sondern daran, dass sie von Männlichkeit fasziniert war. Vor allem von männlichen Geschlechtsteilen. Wie sie sich jemals als Lesbe definieren konnte, ist mir bis heute ein Rätsel. Vermutlich wurde für Menschen wie Sophie das Wort queer in den deutschen Sprachraum importiert.

Rein etymologisch bezeichnet queer zunächst Dinge, Handlungen oder Personen, die von der Norm abweichen. Im anglophonen Sprachraum wurde das Wort so lange für Menschen gebraucht, die aus dem heterosexuellen Raster fielen, bis diese es sich zurückeroberten. Von da an wurde das Schimpfwort zu einem akademischen Begriff und belebte auch den Szenealltag. Heute findet es sich überall: Es gibt die Fernsehserie Queer as Folk, internationale Queer-Tango-Festivals und Queer Studies an den Unis.

Sophie war queer, bevor es hip wurde. Als ich endlich mein Coming-out hatte, gab sie ihr Lesbischsein zugunsten eines unklaren Status auf. Sie zog in die Großstadt, klebte sich zum Feiern einen Bart an und nannte sich Tom. Und das alles lange bevor Conchita Wurst den ESC gewann, ehe Transgender-Models die Laufstege eroberten, ein amerikanischer Transmann auf das Cover der Men’s Health drängte und auch bevor Fernsehsender das Thema Trans* zum neuen heißen Scheiß erklärten. Wobei sich bei Letzterem die Frage aufdrängt, ob das jetzt Fortschritt oder Freakshow ist.

Manche Menschen fühlen sich durch diese Vielfalt bereichert, das ist erfreulich; andere bedroht, das ist gefährlich. Worin diese Bedrohung liegt? Vermutlich hat das etwas mit Biologismus zu tun. Dabei weicht nicht jede Frau, die sich ab und zu Haare ins Gesicht klebt und Socken in die Hose stopft, die Grenzen ihrer eigenen Geschlechtsdefinition auf oder ändert gar ihr sexuelles Beuteschema. Heterosexualität ist ja nicht eine Entscheidung, die ein Mensch widerrufen kann, bloß weil ihm Haare im Gesicht so gut stehen. Ebenso wenig wie Homosexualität übrigens, oder Transidentität.

Tom gewann langsam an Kontur, während Sophie verblasste. Phasenweise gebärdete er sich dabei schlimmer als ein testosterongesteuerter Teenager. Was haben wir gestritten! Über Mackertum, Sexismus, und darüber, was denn bitte an Nicht-über-Gefühle-reden so ultimativ maskulin sein soll.   

In einer späteren Phase geschahen andere sonderbare Dinge. Plötzlich begann Tom Kuchen zu backen und seinen Balkon mit Pflanzentöpfen zu bestücken – etwas, was Sophie nie getan hätte. Mit ihr habe ich regelmäßig an unseren Vespas geschraubt und Wände tapeziert. Staunend sah ich bei Toms Wandlung zu und begriff, dass Identität fluide ist. Irgendwann lieh ich ihm auch Bücher über Feminismus aus. 

In dem Dorf, in dem er mittlerweile wohnt, ist Gender ein Fremdwort. Manchmal ist das scheiße, und manchmal ein Geschenk. Meistens aber wird Tom akzeptiert, weil er ist, wie er ist: warmherzig, hilfsbereit und extrem kompetent. Er liebt übrigens Männer. Ob ihn das nun besonders schwul oder heterosexuell macht, haben wir noch nicht herausgefunden.

Kommentare

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Wirklich ein sehr schöner Artikel, der zur Abwechslung auch mal beleuchtet, dass es Trans in beide Richtungen, also Trans-Frauen wie Trans-Männer gleichermaßen gibt. Trans-Männer scheinen ja bei der aktuellen Transgender-Diskussion etwas unter den Bus geworfen zu werden. Die Gründe dafür sind sicher vielfältig und haben ganz bestimmt auch etwas mit dem gesellschaftlichen Nimbus von Maskulinität zu tun... Aber schließlich war ja auch nicht das Thema des Artikels ^^

Nur noch eine klitzekleine Anmerkung zum Schluss: Wenn Tom ein Mann ist, und das ist er ja wohl, und er steht auf Männer. Dann ist Tom eindeutig homosexuell, nicht wahr? ^^ Hier Heterosexualität zu vermuten befördert, sorry, Transphobie.

Sie schreiben "Hier

Sie schreiben "Hier Heterosexualität zu vermuten befördert, sorry, Transphobie." Ich habe an der Stelle im Artikel eigentlich gedacht: "Blöde Frage! Jemand, der so wunderschön außerhalb von Kategorien lebt, muss sich doch seine Sexualpräferenz nicht kategorisieren lassen."

"Es ist was es ist / sagt die Liebe", schrieb Erich Fromm. Lassen wir es doch einfach dabei, oder? Ist doch schöner, wenn man das nicht schubladisieren muss!