Gesellschaftskritik Hauptsache, die Fantasie funktioniert

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Die US-Schauspielerin Maggie Gyllenhaal hat kürzlich in einem Interview erzählt, dass sie sich für eine Rolle in einer Hollywood-Produktion beworben hatte. Sie wollte die Geliebte eines 55-jährigen Mannes spielen. Sie wurde abgelehnt, mit der Begründung, sie sei mit 37 Jahren "zu alt" für die Rolle. Maggie Gyllenhaal fand das nicht gerade nett.     

Und sie hat recht. Natürlich ist sie nicht zu alt, um die Geliebte eines 55-jährigen Mannes zu spielen. Aber Hollywood findet offenbar in Männerköpfen statt. Und wenn diese anfangen zu imaginieren, dann stellen sie sich vor, dass ein Mann, wenn er die ersten Knieprobleme bekommt, seine Haare verliert, und beginnt, stockig aus dem Mund zu riechen, erst so wirklich attraktiv für eine junge Frau wird. Denn junge Frauen haben irgendwann genug von den athletischen, wohlriechenden Männern mit Wuschelhaaren.  

Die Schauspielerin Jessica Lange hat erst kürzlich kritisiert: "Männer bleiben auch im Alter faszinierend und attraktiv. Frauen hingegen gelten im Alter nicht mehr als sexy oder schön – es ist eine reine Fantasie und hat mit der Realität des Lebens nichts zu tun." Das ist zweifelsohne so. Allerdings ist die reine Fantasie auch das Geschäft von Hollywood. 

Man stelle sich einmal vor, Hollywood würde anfangen, sich mit der Realität zu beschäftigen. Dann würde ein Film wie Stirb Langsam etwa 90 Sekunden dauern, weil Bruce Willis nach der ersten Szene mit multiplen Schädelfrakturen und mehren Schusswunden in seinem Blut liegen würde. In Before Sunset würden Ethan Hawke und Julie Delpy nicht innerhalb eines Tages erkennen, dass sie füreinander bestimmt seien, sondern sie würden Facebook-Freunde werden, und einander nie wieder sehen. In der Realität trifft man auch nicht Menschen wie Leonardo DiCaprio, die gleichermaßen gutaussehend, romantisch und gewinnend sind. In der Realität ist nicht mal Leonardo DiCaprio so.     

Wahrscheinlich gäbe es Hollywood gar nicht, würde es sich mit der Realität beschäftigen. Hollywood ist zweifelsohne ein sexistischer Ort, wo Männer das Sagen haben und Schauspielerinnen noch immer weniger Geld bekommen. Man kann sich aber trösten: Das Kino mag vielleicht noch lange ein Platz sein, wo ältere Männer davon träumen, dass junge Geliebte sich um sie scharen. Wenn sie sich dann aber Tinder auf ihr Smartphone laden und als Altersangabe 55 in ihr Profil tippen ­– dann bekommen sie ganz schnell damit zu tun, was man außerhalb von Hollywood die Realität nennt.

Kommentare

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Wo ist das Problem? Wenn jemand sich für Person X und nicht Y interessiert, dann ist das die freie Wahl. Er zahlt es auch. Diese Wahlfreiheit gilt auch für die Macher in Hollywood. Und wie im Text beschrieben hat Hollywood kein Interesse an Realität.
Wie der Autor aber gleich die große Fem-keule herraushohlt und alles den Männern als Entscheidungträger ist unterirdisch.
Jede Frau sollte es in Hollywood als Entscheidungträger schaffen können.
Aber es machen wohl zu wenige. Aus der Unterepräsenz der Frau als Entscheidungträgerin in Hollywood kann man nicht schliessen das "Männer" "Frau" unterdrückt.

Die ominösen 55 Jahre habe ich schon einige Zeit hinter mir.

Bin aber noch nicht tot, nebenbei.

Grundsätzlich erscheinen mir die Phantasien von Männern betreffend Frauen und die Phantasien von Frauen betreffend Männer als jeweils brüchig, sinnlos und kaum belastbar.

Ebenso sinnlos sind die aus diesen Phantasien erwachsenden äußerlichen Leitbilder unserer Kultur: bei den Damen die stereotyp aussehenden Mannequin-Gesichter, sehen alle gleich toll aus, lachen immer, geradezu lächerlich und unglaubwürdig, ebensolche Sterotypen bei den Männern - der große Macher, sportlich, "gutaussehend" , immer selbstsicher glotzend (kann man nur, wenn man ein wenig dumm ist) oder der Abenteurer, der Naturbursche, der sich selbst so toll findet...

So entwickelt der Traum - Mann oder die Traum - Frau (die Begriffe lösen bei mir schon Brechreiz aus), welcher gegenseitigen Projektion auch immer
entspringend, sich ziemlich oft in einen Alptraum.

Die Liebe (heute gerne ausweichend "Beziehung" genannt) gibt es trotzdem, auch wenn dieselbe mit dem Alter seltener wird. Mag daran liegen, dass mit zunehmendem Alter - wenn man Glück hat - das Gehirn bei der Sache das Kommando übernimmt...