Wir müssen reden Kann ein Quickie achtsam sein?

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© P. Widmann/dpa

ZEITmagazin ONLINE: Buchläden und App Stores sind voller Anleitungen zur Achtsamkeit. Wir Menschen sehnen uns offensichtlich nach Momenten, in denen wir ganz bei uns sind, im Hier und Jetzt. Da frage ich mich immer: Haben denn alle keinen Sex mehr? Wo sonst genießt man das Hier und Jetzt mehr?

Ulrich Clement: Dass man beim Sex immer präsent wäre, ist eine positive Unterstellung. Viele Leute sind dabei mit ihren Gedanken noch in der Vergangenheit, beim schlechten Gewissen oder sogar bei einem Vorwurf an den Partner. Manche sind in Gedanken schon in der nahen Zukunft und denken: Ich muss es jetzt bringen, oder: Es muss auf einen Orgasmus hinauslaufen.

ZEITmagazin ONLINE: Hat das etwas mit unserem Alltag zu tun? Dieser beschleunigt sich stetig und die Arbeitswelt strebt immer mehr ins Private – fällt es uns deswegen schwerer, schöne Momente bewusst zu erleben?

Clement: Was den stärksten Reiz hat oder mich am meisten beschäftigt, lenkt meine Aufmerksamkeit ab. Wenn ich etwa bei der Arbeit Ärger oder ein Erfolgserlebnis hatte, bin ich mit meinen Gedanken eher dort und nicht bei der Tätigkeit, der ich tatsächlich gerade nachgehe – Sex, oder was auch immer sie sein mag. Ich würde aber nicht sagen, dass es generell an unserer Zeit liegt. Ich weiß nicht, was sich die Leute vor 500 oder 1.000 Jahren vorgestellt haben, während sie Sex hatten. Sie hatten vielleicht andere Inhalte, aber ich vermute, dass sie ebenso ablenkbar waren.

ZEITmagazin ONLINE: Andererseits kann man einen Boom wahrnehmen: Tantra, Soul Sex, Slow Sex – im Grunde sind das alles Versprechen, das Erleben eines schönen Moments wieder ins Bewusstsein zurückzuholen.

Clement: Genau! Da zu sein und nirgendwo anders hinzuwollen. Das Gute – oder vielmehr das Wahre – liegt demnach weder in der Zukunft noch in der Vergangenheit, sondern hier. Akzeptiere, was ist. Das ist das Schöne an der Konjunktur von Achtsamkeit. Dass man nicht nur in Sollwerten denkt wie: Das sollst du! Das sollst du nicht! – sondern beim Ist bleibt. Wenn ich gerade erfüllt bin, bin ich erfüllt. Wenn ich gerade Angst habe, habe ich Angst und muss nicht gleich vor ihr davonlaufen. Das ist innerhalb der Psychotherapie ein großer Paradigmenwechsel.

ZEITmagazin ONLINE: Inwiefern Paradigmenwechsel?

Clement: Die klassische Psychotherapie geht davon aus, dass es ein Symptom gibt, das weg muss. Sie funktioniert also in Veränderungskategorien. Bei der Achtsamkeit geht es hingegen ums Annehmen und darum, gelten zu lassen, was ist.

ZEITmagazin ONLINE: Beim Sex mit dem Partner kann es aber durchaus eine Herausforderung sein, ihn so zu nehmen, wie er ist – und mich nicht länger damit zu beschäftigen, wie er vielleicht sein sollte.

Clement: Oh, es geht nicht um ein achselzuckendes Hinnehmen. Achtsamkeit bedeutet nicht tolerieren, sondern ein Akzeptieren dessen, was ist. Daraus kann sich dann etwas entwickeln.

Ulrich Clement

Prof. Dr. Ulrich Clement ist systemischer Paartherapeut und Sexualforscher. Zuletzt ist sein neustes Buch "Think Love. Das indiskrete Fragebuch" bei Rogner & Bernhard erschienen. In Heidelberg betreibt Ulrich Clement eine Privatpraxis für Coaching, Paar- und Sexualtherapie.

ZEITmagazin ONLINE: Was bedeutet Achtsamkeit konkret für den Sex?

Clement: Das ist eine Haltung. Ich nehme an, was erfreulich ist, ich nehme zur Kenntnis, was bedrückend ist. Ich verschließe mich nicht und muss nichts verleugnen, nichts schönreden, nichts verdrängen. Das lässt sich nicht direkt in ein Verhalten umsetzen.

ZEITmagazin ONLINE: Aber ich kann eine Haltung, selbst wenn ich sie vom Verstand her durchdrungen habe, nicht einfach einnehmen. Gibt es dazu keine konkrete Handhabe?

Clement: Fortgeschrittene Achtsamkeitsmenschen sagen natürlich, man muss sie durch Meditation und entsprechende Übungen erwerben.

ZEITmagazin ONLINE: Stellen wir uns ein Paar vor, das mit seinem Sexualleben zufrieden ist, sich aber fragt, ob es nicht noch in ganz andere Sphären der sexuellen Gefühle vordringen kann. Man hört beispielsweise, dass durch Hinauszögern oder zweistündigen Sex das Gefühl umso überirdischer sei. Wie steuere ich dabei die Erregung? Muss ich sie steuern? Wo gelangt man dann hin? Tatsächlich in andere Sphären? Oder in Zwangshandlungen?

Clement: Mehrstündiger Sex geht schon. Das hat eine östliche Tradition und bezieht sich vor allem auf Männer. Man geht davon aus, dass, wenn der Mann nicht zum Höhepunkt kommt und das Ejakulat für sich behält, er auch seine Energie für sich bewahrt.

ZEITmagazin ONLINE: Und warum ist das glücksbringend?

Clement: Dahinter steht die Vorstellung, dass der Mann seine Energie verliert, wenn er seinen Samen loslässt in die Welt. Am treffendsten wird diese Vorstellung bei uns als Slow Sex beschrieben – ein Begriff, den manche Autoren inzwischen als Trademark verwenden. Slow Sex heißt, dass man nicht auf den Orgasmus hinarbeitet – wobei allein das Wort "arbeiten" bereits verrückt ist –, sondern sagt: Es ist jetzt gut, so wie es ist, selbst wenn es gerade nicht leidenschaftlicher Sex ist, sondern ganz normaler Alltagssex.

ZEITmagazin ONLINE: Klingt noch nicht danach, als hätte ich damit das Feld meiner Sexualität vom Vorgärtchen in einen englischen Park verwandelt.

Clement: Der Trick dabei ist: Veränderung durch Nichtveränderung! Wenn ich etwas akzeptiere, ändert es sich sowieso. Eine schöne Alltagsweisheit lautet: Willst du etwas stärken, bekämpfe es. Ich mache meine Frustration also paradoxerweise stark, indem ich sie bekämpfe. Andersrum, also achtsam gedacht, wäre es ratsamer, die Frustration zu akzeptieren. Dann tritt sie einen Schritt zurück und macht anderen Gefühlen Platz.

ZEITmagazin ONLINE: Wie kann man dieses Konzept umsetzen?

Clement: In Seminaren zu Slow Sex machen die Teilnehmer beispielsweise Übungen mit langsamen Bewegungen. Sie streicheln den anderen, ohne ihn erregen zu wollen – was ein Unterschied ist, denn es führt weg von unserem Skript der Zielorientierung. Dabei spüren beide, wie es ihnen damit geht. Das ist in einer überstimulierenden Welt, in der man ständig abgelenkt ist, schwieriger, als es klingt. Und macht es auch attraktiv: Hier wird eine Oase der inneren Ruhe versprochen.

ZEITmagazin ONLINE: Wo wird da gestreichelt?

Clement: Das ist ganz unterschiedlich, jeder kann selbst entscheiden. Auch wenn es sicher mehr ist als nur ein bisschen Nackenkraulen, ist dies eine nachgeordnete Frage. Solche Übungen sind nur das Vehikel, um zu mir selbst zu kommen. Ich lerne, meine eigene Befindlichkeit, mein eigenes Gefühl ernst zu nehmen und mir nicht einzureden, ich müsste eigentlich etwas anderes fühlen. Es ist ein Gegenmodell zu der Idee: Schau, wie du den anderen erregst und zum Höhepunkt treibst.

ZEITmagazin ONLINE: Sich vom Orgasmus loszusagen, mag schön klingen, aber wenn ich denke: Orgasmus? Ach, nicht so wichtig, kann ich mich auch schon gar nicht mehr dran erinnern – dann klingt das auf alle Fälle erst mal nicht nach Sphären, die ich anstrebe.

Clement: In dem Moment, in dem ich die Orgasmusfixierung aufgebe, kann er einfach passieren… oder auch nicht. Beides ist in Ordnung.

ZEITmagazin ONLINE: Ich versuche gerade, mir den Gesichtsausdruck meines Mannes vorzustellen, wenn ich sage: "Übrigens, Schatz, ich habe eben den Orgasmus aus unserem Liebesspiel gestrichen."

Clement: Wenn Sie sagen: "Ich habe ihn gestrichen", dann sagen Sie ihm ja, dass Sie ihm etwas weggenommen haben. Das wäre eine provozierende oder frustrierte Äußerung. Achtsam würde es lauten: "Für mich ist es schön, wenn wir zusammen sind, egal ob ich einen Orgasmus habe oder nicht."

ZEITmagazin ONLINE: Wobei das Marketing für solche Seminare und Ratgeber durchaus von ungeahnten Höhepunkten spricht…

Clement: Das ist tatsächlich verrückt und entspricht auch nicht mehr der eigentlichen Idee, sondern schafft einen Leidenschaftsterror, der ja auch nicht wirklich neu ist.

ZEITmagazin ONLINE: Kann ein Quickie denn achtsam sein?

Clement: Natürlich. Wenn er in dem Moment stimmt und wahr und richtig ist, dann kann man auch diese Art von Sex als achtsam bezeichnen.

ZEITmagazin ONLINE: Eine Autorin, die sehr gute Dinge über Achtsamkeit in der Sexualität schreibt, hat Frauen empfohlen, immer Gleitmittel zu verwenden. Das würde den Leistungsdruck nehmen, immer gleich erregt und feucht zu werden. Ehrlich gesagt wirkt das auf mich noch viel verspannter.

Clement: Wenn sie mit dem Wort "immer" kommt, entsteht Druck. Besser wäre es, zu sagen: Wenn es für die Frau passt, ist sie frei zu entscheiden, ein Gleitmittel zu verwenden.

ZEITmagazin ONLINE: Hat Achtsamkeit denn auch Grenzen?

Clement: Wir sollten aus dem Wort Achtsamkeit keine neue Norm machen. Das Alltägliche, Banale darf auch sein. Achtsamkeit ist nicht die neue Königsdisziplin des Sex, sondern eine Möglichkeit, diesen zu erleben und sich in einer bestimmten Situation zu fragen: Stimmt es überhaupt, was ich hier tue? Es bedeutet nicht, dass ich 24 Stunden am Tag achtsam bin. Diese Heiligsprechung der Achtsamkeit finde ich furchtbar.

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

Danke für diese Aufklärung im besten Sinne. Achtsamkeit kann Sex enorm vertiefen, taugt aber nicht als neue Moral.
Es scheint so, als wenn die jeweilige Einstellung zum Orgasmus (muss er sein? darf er sein?) der Achtsamkeit entgegen steht. Manche Männer denken noch immer, sie seien unabänderlich daraufhin programmiert, unbedingt bei jedem Akt kommen zu müssen. Aber das ist ein verbreiteter Irrglaube.
In meiner Erfahrung wird der Sex für beide viel facettenreicher, wenn sich die Fixierung auf den Höhepunkt auflöst oder zumindest relativiert. Dann wird Sex zum Liebes-Spiel anstatt eine Art Arbeit zu sein...

„Man hört… dass durch Hinauszögern oder zweistündigen Sex…“ – hmmm, also wenn „man hört“ und „man“ (oder Frau) neugierig ist, dann wäre doch das einfachste und naheliegendste, das was man hört und was einen interessiert einfach auszuprobieren, oder? Noch dazu wo so etwas wie „Hinauszögern oder zweistündiger Sex“ ja weder viel Vorbereitung braucht, noch ernsthafte Risiken bedeuten würde, noch auch nur annähernd irgendwelche Grenzen überschreiten würde, deretwegen man sich danach als „pervers“ fühlen müsste... geschweige denn, dass es den Rahmen konsensualen Handelns verlassen müsste.

Ich lese diese Rubrik eigentlich immer sehr gerne, aber manchmal bin ich echt verblüfft, wie Dinge dargestellt werden, als ob DAS jetzt SO wahnsinnig besonders und außergewöhnlich wäre...

Neugier, ausprobieren (unabhängig davon was „alle“ sagen oder was welcher „Fachmann“ auch immer empfiehlt), gemeinsam heraus finden was gefällt, bei Bedarf wiederholen, bei Nichtgefallen bleiben lassen – eigentlich doch ein ganz simples Rezept. Die Hälfte der Artikel zum Thema wären dann aber natürlich hinfällig.

Ich kann das manchmal kaum glauben, dass jemand, der eine Kolumne zum Thema Sex schreibt, so etwas harmloses wie eben „Hinauszögern oder zweistündiger Sex“ noch nicht einfach mal ausprobiert hat, sondern ernsthaft zu einer Formel wie „man hört...“ greift. Ich möchte bewusst der Autorin nicht zu nahe treten, dies soll auch keine Abwertung sein, nur ein Ausdruck der Verwunderung...