"Tatort"-Kritikerspiegel Ein Drecksloch! Ein Irrtum! Ein zubetonierter Kessel!

© SWR/Alexander Kluge
Die Schwaben können alles, außer Bahnhöfe: Der neue "Tatort" steigt in den Sumpf von Stuttgart 21. Ein großes Thema für einen kleinen Krimi. Die Folge im Kritikerspiegel

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Come, feel Stuttgart! Nach etlichen schwäbischen Tatorten, in denen die reale Stadt nicht vorgekommen ist, geht es hier ganz konkret um das Bau-Desaster Stuttgart 21 und die katastrophale Verkehrspolitik. So viel Gegenwart war noch nie beim Team Lannert und Bootz.

Lars-Christian Daniels: Auch dreieinhalb Jahre nach dem Volksentscheid gegen einen Ausstieg des Landes Baden-Württemberg aus der Finanzierung von Stuttgart 21 empört sich noch immer so mancher Wutbürger darüber, dass Steuergelder in Milliardenhöhe dafür ver(sch)wendet werden, 14 Minuten schneller von Frankfurt nach München fahren zu können. Glauben Sie nicht? Steigen Sie mal am Montagabend in eine Stuttgarter Stadtbahn.

Joachim Huber:Schwaben können alles – außer Stuttgart 21.

Kirstin Lopau: Hinter Stuttgart 21 verbirgt sich ein Sumpf aus Bestechung, Freundschaftsdiensten, gesponserten Bordellbesuchen und Vetternwirtschaft zwischen Industrie und Politik. "Stuttgart 21 ist ein reines Spekulationsobjekt ohne Nutzen für die Allgemeinheit. Es dient nur den Interessen der Industrie." Soll heißen: Hey, wir vom Tatort kennen uns auch richtig gut in Sachen Wirtschaftskriminalität und Korruption aus. Wir machen da mal was Kritisches. Vielleicht mit einem getürkten Inder. Ja. Hm.

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 8 Punkte

Lars-Christian Daniels: Thorsten Lannert (Richy Müller): 7 Punkte, Sebastian Bootz (Felix Klare): 5 Punkte

Joachim Huber: Kommissar Lannert: 8  Punkte, Kommissar Bootz: 6 Punkte

Kirstin Lopau: Irgendwie kommen die beiden diesmal nicht richtig zum Zug, weil die Geschichte an sich so monströs ist. Deshalb leider nur jeweils 5 Punkte.

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Der große Thomas Thieme liefert als krimineller Architekt Busso von Mayer einen der bösesten Monologe, die je im Tatort über eine Stadt gesprochen wurden. Standortförderung geht anders. Prima!

Lars-Christian Daniels: "Schauen Sie sich Stuttgart doch an: ein Drecksloch, ein städtebaulicher Irrtum, ein zubetonierter Talkessel!". Ex-Architekt und Freigänger Busso von Mayer (gewohnt charismatisch: Thomas Thieme) lässt kein gutes Haar an Deutschlands schlimmster Stau-Stadt. Wer mal im Stuttgarter Berufsverkehr gestanden hat, wird dem Mann kaum widersprechen.

Joachim Huber: Architekt Busso von Mayer nennt Stuttgart ein "Drecksloch".

Kirstin Lopau: Dieser Tatort driftet mir zu sehr ab in die Ecke des kritischen, investigativen Politmagazins. Die Geschichte um die Tat ist so verworren und komplex, dass sie mich in einem Krimi überfordert und viel zu sehr vom Fall ablenkt. Den Figuren tut das nicht gut, sie verblassen hinter dem Monstrum der Geschichte, und zwar alle – keine wird richtig auserzählt. So muss ich diesmal nach meiner Lieblingsszene kramen und fand diese: "Was ist denn los mit Ihnen?", fragt die schöne Staatsanwältin Álvarez den Gerichtsmediziner Dr. Vogt und verkennt dabei das Offensichtliche, nämlich, dass dieser heimlich in sie verknallt ist und sich deshalb etwas seltsam verhält. Was wir von ihm noch lernen können: "Alle Gerichtsmediziner kennen Tarantino", der angeblich ein geschlossenes Forum für diese Berufsgruppe betreibt, um auf neue Ideen für seine Filme zu kommen. Wahrscheinlich gab es als kleine Hommage an den Meister des postmodernen Films die vielen Rückblenden.

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Der Peinlichkeitsfaktor in diesem Tatort ist extrem gering. Naja, die gegen den Bahnhof demonstrierenden Wutbürger sind recht klischeeartig geraten.

Lars-Christian Daniels: Hauptkommissar Lannert trifft die junge Fee Waldner (Elisabeth Leistikow): Die Investigativ-Bloggerin betreibt eine antik anmutende Website mit dem eher irreführenden Titel Stargate und präsentiert sich ansonsten als ziemlich müder Abklatsch der House-Of-Cards-Reporterin Zoe Barnes (Kate Mara). "500.000 Klicks täglich", behauptet sie stolz. Zahlen, von denen Tatort-Kritiker nur träumen können.

Joachim Huber: Vielleicht die Schlusssequenz, in der ein Mann sich aus großer Höhe herabgestürzt hat und jetzt auf dem Asphalt liegt. Das sieht nicht aus, als würde einer mit dem Tod ringen. Das sieht mehr so aus, als würde ein Karpfen nach Luft schnappen.

Kirstin Lopau: Klischee auf Klischee: die Matetee trinkende Journalistin Fee von Stargate – büschen viel. Und Lannert lässt sich auf dem Bahnhofsturm von von Mayer übertölpeln.

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 10 Punkte

Lars-Christian Daniels: 7 Punkte

Joachim Huber: Ehrliche 9 Punkte

Kirstin Lopau: 5 bis 6 Punkte

Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Der Tatort war immer schon Thema, lange bevor hochstilisierte US Produktionen die deutschen Wohnzimmer fluteten.
Wenn es Ihnen nicht gefällt, schauen Sie einfach nicht hin.
Flache TV Unterhaltung finden Sie bei RTL II und Co, die Tatorte sind nicht immer gut, aber sie sind ein fester Bestandteil deutscher TV Kultur.
Muss man nicht mögen, kann man aber. ;-)

Unterhaltsam war's.
Kein Highlight, aber wer erwartet das schon am Sonntagabend von einer jahrtausend alten Reihe.
Es gab was zum Schmunzeln, einen nicht geradlinig gestrickten Kriminalfall, ein paar Absurditäten, gute Auftritte und ganz zuletzt ein erwartbares, aber ziemlich verhauenes Ende.
Kein Highlight.
Und dafür bezahlen wir Fernsehgebühren?
Ja, machen wir.
Zahlen wir für Fussball ja auch, mit demselben Ergebnis.
Ist halt nicht alles Gold, was gern glänzen möchte.
So what?!
It's Unterhaltung, Stupid. :-)

"Schauen Sie sich Stuttgart doch an: ein Drecksloch, ein städtebaulicher Irrtum, ein zubetonierter Talkessel!" - Als Stuttgarter kann ich sagen: Etwas überspitzt, aber stimmt leider. Da kam bei mir sofort ein "Ja, stimmt." Die Stadt ist im Griff von Investoren und er Automobilindustrie, Städteplanung findet seit Jahren praktisch nicht mehr statt. Parallel zu Stuttgart 21 wird ein Autotunnel gebaut. Ändern wird sich durch Stuttgart 21 also nichts, vermutlich auch nicht durch den neuen Baubürgermeister.

Insagesamt ein ziemlich harter Tatort (ich weiß schon, warum ich mir keine Tarantino-Filme anschaue), und zuviel reingpackt. Der Schluss war unglaubwürdig. Kann man nach dem Sprung von Bahnhofsturm (geht in echt übrigens nicht mehr, alles abgesichert) überhaupt noch sprechen? Und was sind das für Polizisten, die einen Täter in diesem Augenblick alleinelasen, wo doch klar ist, was passiert.