"Ingress" Wenn Google im Konzentrationslager spielt

In der Smartphone-App "Ingress" wird virtuell um reale Orte gekämpft, um markante Denkmäler oder besondere Gebäude. Auch KZ-Gedenkstätten dienten als Spielorte. Von und

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"Ingress is not a Game" – Ingress ist kein Spiel. So lautet die Betreffzeile einer automatischen Mail, die man zugesendet bekommt, nachdem man sich als neuer Teilnehmer registriert hat. Tatsächlich ist Ingress die Neuerfindung des Computerspielens – und ein Problem für manche, die in Deutschland das Gedenken an die Opfer der Nationalsozialisten wach halten wollen. Nach Recherchen des ZEITmagazins sind durch Ingress KZ-Gedenkstätten in Deutschland und Polen zu Spielfeldern geworden.

Die Welt, wie sie bei "Ingress" aussieht, ist aufgeteilt in grüne und blaue Zonen. © ingress.com

Ingress wurde von Niantic Labs, einer Tochter von Google, für Android-Smartphones und iPhones entwickelt und wurde weltweit zehn Millionen Mal heruntergeladen. Bei Augmented-Reality-Spielen wie Ingress werden Realität und Fiktion vermischt. Um Ingress zu spielen, muss man sich mit dem Handy zu bestimmten GPS-Koordinaten bewegen. Diese Punkte sind auf der bekannten Google-Weltkarte verzeichnet und werden in Ingress als "Portale" bezeichnet. An jenen "Portalen" soll laut Spielhandlung "exotische Materie" strömen, welche die Menschheit beeinflusst. Mit dem Smartphone bewaffnet können Spieler ein "Portal" einnehmen oder auch mit virtuellen Waffen beschießen. Jene virtuellen Portale sollen jeweils dort platziert sein, wo sich auch in der echten Welt markante Punkte, etwa Denkmäler und besondere Gebäude, befinden.

Ingress hat für viele Nutzer eine starke soziale Komponente. Man spielt in Teams, mehrmals im Jahr treffen sich Tausende von Spielern zu Events. Und statt alleine vor der Spielkonsole zu sitzen, sind die Spieler draußen unterwegs. Weltweit gibt es inzwischen etwa drei Millionen "Portale", darunter etwa auch der Eiffelturm.

In den vergangenen Jahren hat Google auch "Portale" an Holocaust-Gedenkstätten und in ehemaligen Konzentrationslagern installiert. Zuvor waren diese Orte von Ingress-Spielern bei Google vorgeschlagen worden. Dass die Gedenkstätten als Spielfelder für Augmented-Reality-Spiele dienen, war den Gedenkstätten-Betreibern nie mitgeteilt worden. "Wir sind hier alle sehr erschüttert", sagt Günter Morsch, der Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen. Überall auf dem Gelände, sogar im Bodenbelag, befinde sich Menschenasche. "Es ist bestimmt kein Ort für Computerspiele", sagt er. In Sachsenhausen starben schätzungsweise 30.000 Menschen.

Screenshot bei ingress.com: Das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin wies noch am 26. Juni über 70 "Portale" auf. © ingress.com
Screenshot vom 27. Juni 2015 bei ingress.com: Einen Tag nach der Anfrage des ZEITmagazins waren die "Portale" gelöscht. © ingress.com

Zwischenzeitlich gab es 74 Ingress-Portale im Bereich des ehemaligen Konzentrationslagers. Auf Anfrage des ZEITmagazins antwortete Google: "Diese speziellen Portale sind von signifikantem historischem Wert und wurden deshalb von Spielern eingereicht." Nach der Anfrage des ZEITmagazins hat Google etliche der Portale gelöscht. Etwa aus den ehemaligen Konzentrationslagern Dachau, Sachsenhausen, Hamburg-Neuengamme Buchenwald und Mittelbau-Dora. Weniger bekannte ehemalige Konzentrationslager in Deutschland wie Hinzert, Oranienburg und Osthofen werden hingegen immer noch für Ingress benutzt. Ebenso das Konzentrationslager Mauthausen in Österreich. Auch die Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz und Auschwitz-Birkenau in Polen sind weiter bespielbar.

Screenshot vom 30. Juni 2015 bei ingress.com: Das Konzentrationslager Auschwitz mit den von Ingress eingerichteten Portalen. Eines ist am Eingangstor und heißt "Arbeit macht frei". © ingress.com

Günter Morsch ist dieser Teilrückzug von Google zu wenig: "Es muss dafür gesorgt werden, dass auch kleinere KZ-Gedenkstätten von Google-Spielen verschont bleiben." Er sagt: "Google muss erklären, künftig dafür zu sorgen, dass Gedenkstätten für Opfer des Naziregimes von Ingress und ähnlichen Spielen freigehalten werden."

In Dachau hat Google zwar die Portale vom Gelände des Häftlingslagers entfernt. Der ebenfalls zur Gedenkstätte gehörende Häftlingsfriedhof, wo mehr als 7.000 Opfer des Nationalsozialismus beerdigt sind, ist dagegen weiter eine Spielzone.

Das Computerspiel "Ingress" ist Thema im ZEITmagazin Nr. 27 vom 02.07.2015

Der Verband der Überlebenden des KZ Dachau reagierte alarmiert. "Wir protestieren vehement dagegen, dass für das Computerspiel Ingress Teile des Konzentrationslagers Dachau als Schauplatz ausgewählt wurden", sagt Jean-Michel Thomas, Präsident des Comité Internationale de Dachau. "Wir fordern ein Verbot dieser Schändung."

Jean-Michel Thomas ist Sohn des heute 95-Jährigen Dachau-Überlebenden Jean Thomas. Dieser wurde 1944 als Angehöriger des französischen Widerstands von Paris nach Dachau transportiert, 900 Menschen kamen bei dem Transport um. Er sagt: "Von den 100 Kameraden in meinem Waggon starben 71, die waren nicht virtuell. Man kann an solch symbolträchtigen Orten nicht spielen, das ist ein Skandal."


Kommentare

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Ich bin selber begeisterter Ingress-Spieler, aber mann muss nicht überall spielen. Konzentrationslager für Portale zu blockieren ist absolut sinnvoll. Es gibt auch noch andere Orte, die zweifelhafte Orte für Ingress sind - so habe ich zum Beispiel mal festgestellt, daß es auch Portale an der Kaaba in Mekka gibt.

Die Änderung am Anfang des Jahres, wonach es nun keine "Medallien" mehr für das massenhafte Einreichen von Portalen gibt, hilft hier hoffentlich auch etwas...

Schade, dass der Artikel so einseitig gegen Ingress gehalten ist. Es ist doch grade der Sinn dieses Spieles, seine Teilnehmer an interessante, geschichtsträchtige Orte zu führen. Ich bin mir sicher, ein großer Teil der Spieler hätte ohne Ingress nie eine KZ Gedenkstätte aufgesucht. Wenn sich dann auch nur ein noch so kleiner Teil der Spieler die dort aktiv waren seine Gedanken zu dem Ort an dem er sich grade befindet macht, ist doch schon etwas gewonnen bzw nicht in Vergessenheit geraten.

Natürlich muss man sich an einem solchen Ort respektvoll verhalten, aber das eine schließt doch das andere nicht zwangsläufig aus.

Noch ein schönes Praxisbeispiel sind Stolpersteine, die auch gerne als Portal eingereicht und akzeptiert wurden. Erst durch Ingress ist mir aufgefallen, wie viele sich davon tatsächlich in meiner Heimatstadt befinden, und dadurch natürlich auch der Gedanke, wie viele Menschen damals unsinnigerweise hier ihr Leben verloren. Ein Spiel kann also durchaus gutes bewirken, Aufmerksamkeit generieren und vor allem auch durch die Orte an die es einen führt zum nachdenken anregen.

Einen Spieler, der sich an einer solchen Gedenkstätte daneben benimmt, sollte man auf jeden Fall freundlich ermahnen doch bitte etwas respektvoller an diesem Ort zu sein. Aber wenn man einfach nur ruhig und besinnlich durch die Anlage geht ohne andere zu stören, was ist daran anders als jemand der Fotografiert, sich Notizen macht, angehörigen eine SMS schreibt? (hint: wir behalten auch gerne die Keys von besonderen Portalen als Andenken)

Was man nicht kennt pauschal abzuwerten und Spielelemente pauschal löschen zu lassen ist definitiv der Falsche Weg und fördert nicht grade das gegenseitige Verständnis.

Super!wir beziehen die nötigen Geschichtskenntnisse aus einem Realty-Spiel von Google. Vielleicht finden sich auch noch weitere völlig uneigennützige Weltkonzerne, die neben den Gedenkstätten der Konzentrationslager Lifestyle-Event-Freizeit-Parks aufbauen, dann haben die aus der virtuellen Welt Kommenden einen Grund mehr, die Portale im RL zu besuchen und aufzusuchen und das Geschichtswissen würde mit Achterbahnfahren und Gruselkabinett sowie historisch lebensechten Nachstellungen der Folter-und Tötungsszenen sicher noch viel eindrucksvoller bei den Gamern ankommen.......
wer Ironie findet........
Unsere Welt ist ganz schön schaurig dekadent-
wer nicht erkennen kann, dass zwischen Eiffelturm umd Konzentrationslagern ein moralischer Unterschied besteht, kann mir nur leid tun..... wie dumm ist das denn?