Wir müssen reden "Woher kommt die Unlust?"

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ZEITmagazin ONLINE: Wie viele Paare haben keinen Sex?

Ulrich Clement: Die Frage ist eher: Seit wann? Die Sexologen unterscheiden zwischen "No Sex" und "Low Sex". Bei Letzterem hat das Paar alle paar Monate mal Verkehr. Verlässliche Daten dazu gibt es nicht, die Zahlen schwanken zwischen zwei und zehn Prozent der Paare.

ZEITmagazin ONLINE: Wie viele davon sind glücklich? Und bei wie vielen wird dieser Zustand eher zum Problem?

Clement: Das Wort "glücklich" macht eine Antwort schwierig. Es gibt Paare, die gut damit leben können, keinen Sex zu haben. Für sie steht Sexualität weniger im Vordergrund als für andere. Sex ist gewissermaßen ihr gemeinsames Desinteresse, die Situation ist deshalb konfliktfrei. Das ist jedoch relativ selten. Ungewollte Sexlosigkeit ist komplizierter. Die Paare haben einen Konflikt, weil der eine Partner mehr Sex haben möchte, der andere weniger – und beide dann oft gar keinen mehr haben. Wobei hier die subjektive Zählung wichtig wird: Für den einen bedeutet alle zwei Monate so gut wie gar keinen Sex, dem anderen ist das schon zu viel. Dieses Problem betrifft weit über zehn Prozent der Paare.

ZEITmagazin ONLINE: Auch eine gefühlte Sexlosigkeit kann zum Problem werden?

Clement: Das ist sogar das ganze Geheimnis! Keinen Sex zu haben ist zunächst nur ein Sachverhalt und kein Problem. Zum Problem wird dieser Sachverhalt erst, wenn einer der beiden Beteiligten damit nicht mehr zufrieden ist. Wobei die Häufigkeit des Verkehrs nur ein Aspekt ist. Die andere Seite ist natürlich die Qualität von Sex: zu langweilig, zu alltäglich, zu herzlos.

ZEITmagazin ONLINE: Woher kommt die Unlust?

Clement: Ich unterscheide zwischen zwei Arten der Lustlosigkeit: einer aktiven und einer passiven. Mit aktiv meine ich ein klares "Nein, ich will das nicht", eine Ablehnung, vielleicht sogar Ekel. Passive Lustlosigkeit ist etwas anderes, da rührt sich nichts. Es herrscht ein Gefühl des Defizits vor, weil die Lust sich nicht einstellt. Dieser Fall ist nicht selten, häufiger übrigens unter Frauen. Wenn sie Sexualität nicht in der bisherigen, sondern in einer anderen Form wollen, und man sie in der Therapie fragt, was genau sie denn möchten, wissen sie es häufig nicht. Nicht, weil sie es verschweigen wollen, sondern weil sie es wirklich nicht wissen. Oft verstecken sich dahinter Wünsche, die man auch als Therapeut nicht gleich im ersten Gespräch erarbeiten kann, weil sie abgelehnt werden.

ZEITmagazin ONLINE: Diese Frauen lehnen ihre eigenen Wünsche ab?

Clement: Ja, weil sie nicht zu ihrem Konzept von Weiblichkeit oder Moral oder Körperlichkeit passen. Man muss erst einen Zugang zu den Fantasien finden.

ZEITmagazin ONLINE: Das passt zu den Ergebnissen einer Studie der Universität Göttingen. Darin wird nicht nur deutlich, dass tatsächlich die Mehrheit – 56 Prozent der Frauen und 65 Prozent der Männer – darunter leidet, dass ihre sexuellen Wünsche nicht erfüllt werden, sondern die Studie zeigt auch: Den Großteil dieser unerfüllten sexuellen Wünsche würde der jeweilige Partner durchaus gerne erfüllen. Wäre hier nicht ein großes Befriedigungspotenzial auszuschöpfen, wenn ein Paar es nur schaffen würde, sich über seine Wünsche zu verständigen?

Clement: Das setzt aber voraus, dass diese Wünsche ambivalenzfrei sind. Das ist nicht immer so einfach wie der Wunsch, den ganzen Sonntag gemeinsam zu baden, sich danach eincremen zu lassen und im Bett zu frühstücken. Darauf kann der Partner antworten: "Ach, wusste ich gar nicht, hättest du mir das nur früher gesagt. Machen wir gleich am nächsten Sonntag." Die raffinierteren Fälle sind hingegen Wünsche, bei denen einem selbst etwas mulmig wird. Hier muss man zunächst das heikle Verhältnis zu sich selbst klären: Kann ich diesen Wunsch bejahen? Erst danach sollte man ihn dem Partner zumuten. So ein Fall kann etwa vorliegen, wenn die Frau Lust auf Sex mit einem Fremden hat.

ZEITmagazin ONLINE: Das Gespräch stelle ich mir in der Tat schwierig vor.

Clement: Das ist es auch. Deshalb ist es für die Frau einfacher zu sagen: "Ich hatte einen anstrengenden Tag, bin völlig erledigt und habe keine Energie mehr für Sex" anstatt dem Partner zu sagen: "Ich finde deinen Körper nicht attraktiv." Das kann sehr kränkend sein, man verschweigt so etwas auch aus Rücksichtnahme.

ZEITmagazin ONLINE: Wie können Sie in solchen Fällen helfen?

Clement: Ich frage dann gerne den anderen Partner: Warum wollen Sie Sex? Das überrascht, denn üblicherweise muss man seine Lust nicht erklären. Die Antworten können ganz unterschiedlich ausfallen. "Weil ich meinen Partner so leidenschaftlich liebe" oder aber "Weil ich nicht möchte, dass er oder sie sich den Sex woanders holt."

ZEITmagazin ONLINE: Der erste Fall klingt nicht unbedingt nach einem Problem.

Clement: Wenn ich aber nachfrage, ob die Person mehr Sex geben oder mehr Sex bekommen möchte, antworten die meisten "Lieber bekommen". Wenn dann ein Mann seiner Frau aber nur so etwas wie die "Gnade seines Penis" gewährt, ist das für sie auch kränkend.

ZEITmagazin ONLINE: Was also tun?

Clement: Ich frage die Paare, ob sie glauben, dass ihre Lust eingeschlafen ist oder eher, dass sie gestorben ist. Die meisten Paare hoffen dann, dass sie nur eingeschlafen ist. Daran schließt sich automatisch die Frage an, ob sie sie aufwecken wollen, und gegebenenfalls beginnt auch die Suche nach dem Wie.

ZEITmagazin ONLINE: Wie?

Clement: Bildlich gesprochen versteckt sich die Lust immer irgendwo. Manchmal lasse ich den betroffenen Partner nach ihr suchen wie nach einer vermissten Person und frage: "Laden Sie die Lust ein? Oder will sie vielleicht gar nicht zu Ihnen kommen, weil sie sich bei Ihnen nicht willkommen fühlt?" Das kann der Fall sein, wenn in einer Partnerschaft eine herzlose oder vorwurfsvolle Stimmung herrscht.

ZEITmagazin ONLINE: Laut einer Erhebung des Freiburger Informationszentrums für Sexualität und Gesundheit wünschen sich 29 Prozent aller Frauen mehr Lust. Aktuell ist eine Tablette mit dem Wirkstoff Flibanserin im Gespräch, die Frauen zu mehr Libido verhelfen soll. Was halten Sie davon?

Clement: Unabhängig davon, dass die Wirkung nicht so unmittelbar sein wird wie die von PDE-5-Hemmern, also von Viagra und Ähnlichem auf Männer, räume ich dem Produkt keine großen Marktchancen ein. Die meisten Frauen sind meiner Einschätzung nach nicht bereit, ihr Lustlevel allgemein anzuheben und dafür auch noch täglich eine Tablette zu nehmen. Ihre Lust hängt viel entscheidender vom Partner und der jeweiligen Situation ab.

ZEITmagazin ONLINE: Können Zärtlichkeit und Küsse Sex völlig ersetzen?

Clement: Das hängt davon ab, wie man Zärtlichkeit und Sex definiert. Ist an die Brust fassen noch Zärtlichkeit oder schon Sex? Wenn Sex genitale Berührung meint, dann gibt es Paare, die auch ohne zufrieden sind. Das kann verschiedene Gründe haben, zum Beispiel, dass einer eine Krankheit hat, körperlich beeinträchtigt oder traumatisiert ist und der Partner sich darauf einstellt und rücksichtsvoll damit umgeht. Die beiden haben dann zwar keinen Sex mehr, sind aber über die gegenseitige Rücksichtnahme eng verbunden. Das hat auf den zweiten Blick eine hohe Qualität.

ZEITmagazin ONLINE: Worauf kommt es dabei an?

Clement: Die Frage, ob Sexlosigkeit zum Problem wird, steht und fällt damit, ob ein Paar anders als durch Sex seine Bezogenheit ausdrücken kann. Entscheidend ist das Gefühl der Verbundenheit, nicht der Geschlechtsverkehr.

ZEITmagazin ONLINE: So wünscht man sich, gemeinsam alt zu werden.

Clement: Ja, idealerweise. Solche Paare können in Würde alt werden.

ZEITmagazin ONLINE: Kommen wir zurück zu jenen, die ihre – womöglich nur subjektiv gefühlte – Sexlosigkeit als Problem empfinden. Welche Ursachen kann es hierfür geben?

Clement: Moment. Das wirkt so, als müsste man die Unlust erklären, die Lust aber nicht. Unlust kann sehr wohl auch authentisch sein, wenn ich das Gefühl habe, Sex passt eine Zeit lang nicht zu meiner gegenwärtigen Verfassung oder Lebenssituation, berufliche oder andere Belastungen stehen dem im Weg. Dann hat die Unlust nicht den Charakter eines Symptoms, das man heilen müsste. Es ist problematisch, wenn man den, der will und sexuell im Saft steht, als den Gesunden betrachtet, den anderen jedoch nicht. Unlust zu empfinden ist nicht weniger natürlich als Lust zu haben.

ZEITmagazin ONLINE: Wobei Sie eben selbst "eine Zeit lang" gesagt haben...

Clement: Weil "eine Zeit lang" der häufigere Fall ist. Authentisch kann aber ebenso gut die Entscheidung sein, das restliche Leben ohne Sex weiterzuführen – auch dies ist eine Entscheidung, bei der ich nichts pathologisieren würde.

ZEITmagazin ONLINE: Gibt es typische Phasen innerhalb einer Paargeschichte, in denen es zur Sexlosigkeit kommt?

Clement: Erst mal ist es wichtig, dieses Denken in Phasen überhaupt zu betonen. Es erleichtert ungemein, wenn man nicht mehr davon ausgeht, man müsste über Jahrzehnte eine Art Durchschnittssexualität aufrechterhalten. Das Leben verläuft in Höhen und Tiefen, Schwankungen gehören dazu. Die Gründe für eine eher schwächere Phase können sehr unterschiedlich sein: ein Trauerfall, eine Geburt, eine schwere Operation. So braucht beispielsweise eine Frau nach einer Brustkrebsoperation oft Zeit, bis sie ihren neuen Körper gegebenenfalls mit einer Narbe wieder akzeptieren kann. Und auch der Partner braucht Zeit. Es handelt sich hier um Anpassungsprozesse, die Geduld erfordern. Es kann also sehr natürlich sein, dass einem in einer bestimmten Lebensphase nicht nach Sex zumute ist.

ZEITmagazin ONLINE: Wenn es denn beide so sehen...

Clement: Ja, es kommt natürlich darauf an, welche Bedeutung jeder Partner der Phase gibt und dass sich beide darüber einig sind, in einer schwierigen oder umwälzenden Lebensphase zu sein. Dann brauchen sie nicht Sex für ihre Verbundenheit, sondern eine Verständigung über eine akzeptierte Sexlosigkeit, mit der sie dann gut leben können.

ZEITmagazin ONLINE: Was halten Sie von Paaren, die sich nach festen Terminen zu Sex verabreden? So weiß der eine, wann er wieder kann, und der andere, wann er wieder Ruhe hat.

Clement: Das kann ein guter Kompromiss sein, wenn einem Regelmäßigkeit wichtig ist. Die ist auf diese Weise relativ einfach in die Tat umsetzbar.

ZEITmagazin ONLINE: Sie haben eben das Wort "Durchschnittsexualität" verwendet für die Vorstellung, dass man regelmäßig Sex hat oder gar haben sollte. Kann man Sex trainieren, beziehungsweise verlernen?

Clement: Ich frage mich, woher diese positive Bewertung von Regelmäßigkeit kommt. Sie drückt Sexualität in eine Art Gesundheitskonzept – wie etwa Ernährungsfragen –, in dem sie dann auch nach diesen Kategorien beurteilt wird.

ZEITmagazin ONLINE: Regelmäßig miteinander schlafen ist wie regelmäßig joggen gehen, sonst kommt man außer Form und verlernt es?

Clement: So darf man das sehen, aber es liegt nicht in der Natur der Sache.

ZEITmagazin ONLINE: Sie haben indes selbst ein Buch verfasst mit dem Titel "Wege aus der verkehrsberuhigten Zone".

Clement: Inzwischen sehe ich das etwas differenzierter und sage eher: Es ist, wie es ist. Wenn Paare es so gut sein lassen können, wie es ist, entwickelt sich daraus oft auch etwas. Es ist eine große Erleichterung für den einen Partner zu hören "Es ist okay, dass ich heute keine Lust habe", und es dann auch selbst anzunehmen.

Kommentare

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Nach zwei gescheiterten Beziehungen musste ich über meinen Schatten springen um endlich das zu sagen was ich überhaupt will. Ich will bedingungslos willkommen sein mit all meinen Körperflüssigkeiten, diese Gefühl find ich toll. Offenbarte meine Fantasien ( NS & Spermaspiele und analpenetration durch meine Partnerin), habe es nicht bereut. Musste aber 35 Jahre alt werden um mich zu öffnen. Früher lebte ich meine Fantasien mit Affären und Huren aus, und achte das wir wohl immer so bleiben. Hätte ich mich nich getraut, wäre das wohl noch immer so. Es ist schwer, aber machbar aus dem Dilemma zu entkommen...

Ungewollte Sexlosigkeit als Folge nicht kommunizierter Phantasien kann ich ja verstehen. Ich schäme mich meiner Phantasien, äussere sie nicht, deswegen können sie vom Partner auch nicht erfüllt werden.
Aber Sex mit einem Fremden und dann auch noch weil ich den Partner nicht attraktiv finde – ich also keinen Sex mit ihm habe weil ich mit ausgerechnet ihm auch keinen haben möchte, dass ist doch platt gesagt die Bankrotterklärung der gemeinsamen Sexualität, die sich auch nicht bessern wird, wenn ich mir externe Sexualpartner ranhole. Oder habe ich da etwas nicht verstanden ?

Das Problem ist sehr häufig ein rein biologisches - und da kann ein Sexualtherapheut leider auch nicht helfen. Typisches Beispiel: Der Mann möchte gerne 2x am Tag Sex haben, die Frau möchte gar keinen Sex. Kann z.B Hormon-bedingt sein. Normalerweise lassen sich dann auch keine Lösungen finden. Wenn man den Partner liebt (oder sich wegen gemeinsamer Kinder nicht trennt) heisst das meist den Rest des Lebens unglücklich zu sein. Der Sexualtrieb ist neben dem Trieb zur Nahrungsaufnahme wohl der stärkste. Deswegen ist er auch so schwer zu steuern. Wenn man keinen Trieb dazu hat ist es natürlich einfacher. Hat man einen sehr starken Sexualtrieb lebt man in ständiger Depression. Man hat praktisch immer "Hunger" und bekommt aber nichts zum Essen. Da stellt sich die Frage ob eine pharmakologische Intervention (z.B. ein Mittel der den Sexualtrieb hemmt) nicht eine Lösung ist (gibt es da was?). Andersherum wäre es natürlich besser, weil Sex gesund ist, Spass macht, verbindet (Oxytocin-Ausschüttung) und Stress abbaut.

Die Lösung ist hier nur, dass man die Sexualität nicht mehr sklavisch an den Partner bindet. Heutzutage gibt es genug sichere Verhütungsmittel, dass das Kinderthema kein Thema mehr ist.
Ich wette die Frau die mit ihrem Partner keine Lust mehr auf Sex hat, würde sicher Lust auf einen anderen Mann haben (wenn sie es sich selbst moralisch eingestehen würde) . Grund sind auch hier - die Hormone.
Sex ist doch nicht alles was eine Partnerschaft ausmacht. Wäre ehrlich gesagt schlimm wenn es so wäre.