Share Economy Ich zahle mit meiner Persönlichkeit

Die Share Economy wollte den Kapitalismus menschlicher machen. Daraus wurde ein neues Geschäft. Bei Airbnb und Co. handeln wir damit, stets cool und lustig zu sein.

Nie zuvor ist die Revolution so freundlich dahergekommen: Wir teilen uns Fahrzeuge in Großstädten, mieten die Wohnungen anderer und nehmen per MitfahrApp fremde Menschen im Auto mit. Die Idee der Share Economy wollte das Ende des Kapitalismus einläuten, oder diesen zumindest menschlicher machen. Gemeinschaft ist wichtiger als Besitz, Sharen ist das neue Shoppen.

Doch auch aus der schönsten Utopie lässt sich ein gutes Geschäft machen, das hat nicht zuletzt die professionelle Airbnbisierung von städtischem Wohnraum gezeigt. Alles, was man besitzt, kann in der Businesswelt des Teilens kapitalisiert werden. Auch die eigene Persönlichkeit – vorausgesetzt der Charakter performt.

Zum Geschäftsmodell gehören innere Werte und dass man vertrauenswürdig ist. Der Airbnb-Gründer Nathan Blecharczyk hat die neue Währung in dem Satz definiert: "Der eigene Ruf ist Kapital." Dementsprechend ist nichts in dieser neuen Wirtschaftsordnung wertvoller als die Bewertung durch Andere.

In der Social-Economy – von Facebook bis Instagram – war man es bereits gewohnt, dass Menschen ihr Äußeres zur Schau zu stellen und beurteilen lassen. Die Qualität der Persönlichkeit war von der Verbesserungs- und Performance-Diktatur bisher ausgenommen. Insofern ist es fast schon zynisch, dass nun ausgerechnet in der Welt des Dingeteilens das Menschliche zur Ware wird.

Nach der Abbuchung über die Kreditkarte kommt die zweite Abrechnung in Form einer öffentlichen Rezension. Viele Beurteilungen fallen allgemein aus: liebenswürdig, angenehm, supernett, pünktlich, sauber. Wird die Bewertung individueller, ist sie schwerer zu deuten: "Er hat eine dynamische Persönlichkeit", liest man im Internet über sich nach drei Nächten in einer privaten Unterkunft. Ja, ist das nun gut oder schlecht? Und wenn jemand schreibt: "Er ist unabhängig und neugierig", heißt das, man hat großes Interesse an den Menschen, der Kultur und der Umgebung? Oder äußert hier das Rentnerpaar aus Orlando den Verdacht, man habe in den privaten Sachen herumgeschnüffelt?   

Wie sieht die ideale Internet-Persönlichkeit aus, die jeder gerne bei sich aufnimmt, mitnimmt, und mit der man Dinge teilt?

Bewertungen wie diese erinnern an die grotesken Chiffren der Zeugnissprache, wo "gesellig" bedeutet, dass der Mitarbeiter ein Alkoholproblem hat, und "umgänglich", dass man die Arbeitswelt vor einem Quälgeist warnen will. Jetzt, da jeder jedem ein Zeugnis ausstellen kann, wird eine erste Einschätzung schnell zu einem Urteil.

Wie sympathisch sich Käufer und Verkäufer sind, hat in der Marktwirtschaft bisher kaum eine Rolle gespielt. Wer bereit ist, Geld auszugeben, konnte sich bei fast allen Verkäufern willkommen fühlen. Wichtig war bisher nur das Grundvertrauen in den Deal. Nun wird das Vertrauen in die Person zu einer Art Vorleistung.

"Die Entscheidung, wem man vertraut, trifft man nicht nach eigenem Geschmack, sondern aufgrund sozialer Normen und Konventionen", schreibt die Historikerin Ute Frevert in ihrem Buch Vertrauensfragen – Eine Obsession der Moderne. Bei Ebay existiert hierfür ein klares Wertesystem. Es zählt die reibungslose Abwicklung des Verkaufs. Wer zufrieden ist, schreibt: "schnell, verlässlich, Ware wie beschrieben". Beim Mitwohnen oder Mitfahren geht es nicht mehr bloß um die Qualität der Dienstleistung oder um den Zustand von Appartement oder Auto, sondern um die charakterliche Beschaffenheit des Menschen.  

Wie sieht sie also aus, die ideale Internet-Persönlichkeit, die jeder gerne aufnimmt, mitnimmt, und mit der man Dinge teilt? Am besten kommt die pure Mittelmäßigkeit an: zurückhaltend, freundlich, verlässlich, reinlich, kontaktfreudig, aber nicht zu schwatzhaft. Leute mit Ecken und Kanten haben keine großen Chancen auf dem Markt.

Wenn die Zukunft so wird, wie die Share Economy heute ist, dann wird unser Zusammenleben zu einem Tasten nach Konsens. Da sind einerseits die Anmaßung und der Druck, alles und jeden beurteilen zu müssen, was die betreffenden Anbieter im Netz auch wenig dezent fordern. Und andererseits die Sorge: bloß niemanden verärgern. Hoffentlich den richtigen Ton treffen. Immer abwägen. Die Angst vor einer schlechten Beurteilung führt dazu, dass man sich ständig kontrolliert und, schlimmer noch, sich selbst bewertet, bevor es die Anderen tun.

Das Privileg, öffentlich über den Charakter anderer zu urteilen, war bisher eine Sache von Persönlichkeiten, die in eben jener Öffentlichkeit stehen. "Eine Niete", urteilte etwa Theaterintendant Claus Peymann über den Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner. Aber für öffentliche Personen gibt es immer auch die Chance zur Rehabilitierung. Jemand sei daran gewachsen, sagt man dann, wie etwa über Monica Lewinsky, als sie im Frühjahr eine viel beachtete Rede bei der TED-Konferenz hielt. Sie habe sich die Deutung über ihre Lebensgeschichte zurückerobert. Lewinsky, die als erstes Cybermobbing-Opfer der Welt gilt, war es gelungen, ihre Würde zu verteidigen.

Wie aber bekommt man die Deutungshoheit über seine Share-Economy-Persönlichkeit zurück, wenn man nun zufällig Menschen mit anderen Meinungen, Konventionen oder Bräuchen auf die Füße getreten ist?  

Seine Katze Mario ist freundlich, sehr höflich – aber etwas reserviert.
Airbnb-Nutzer

Sicher, niemand wird gezwungen, mitzumachen. Wer kein Interesse auf eine öffentliche Einschätzung hat, der soll sich dem entziehen. Aber durch Verweigerung wird man sich auf Dauer in einer pseudotransparenten Rating-Gesellschaft nicht wegducken können. Schnell macht sich verdächtig, wer sich nicht der öffentlichen Bewertung stellt, denn der wird sicher seine Gründe haben.

Dieses Grundmisstrauen kennen sicher auch einige Männer in den USA. Dort ist die App Lulu sehr verbreitet, mit denen Millionen Frauen ihre Ex-Dates, Ex-Lover, Ex-Freunde bewerten. Sie teilen ihre Erfahrungen und geben Empfehlungen oder Warnhinweise ab für andere Frauen, die sich mit dem Mann einlassen wollen. Per Hashtag urteilen Nutzerinnen über die Manieren (#WearsSocksToBed), Ambitionen (#NoGoals), Aussehen (#KissableLips) und die handwerklichen Fähigkeiten (#Can’tBuildIkeaFurniture). Lernt eine Nutzerin einen Typen in einer Bar kennen, kann sie parallel auf ihrem Handy checken, ob sie gerade den Mann fürs Leben (#HusbandMaterial) oder für eine Nacht (#GonebyMorning) kennengelernt hat.

Männer müssen zustimmen, ob sich die App ihrer Facebook-Daten bedienen und daraus ein Profil erstellen darf; die große Mehrheit erklärt sich damit aber einverstanden. Zwar deaktivieren nach Auskunft der Firmengründerin Alexandra Chung fünf Prozent der Beurteilten ihr Profil. Die meisten davon lassen sich aber kurze Zeit später wieder in die Datenbank aufnehmen. Denn offenbar gilt auch bei der Partnersuche die Maxime: Der Ruf ist Kapital. Und ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich gänzlich isoliert.

Wer ein Rendezvous will, muss seine Ex-Dates gut behandeln. Wer nicht nett ist, bezahlt im Zweifel mehr für den Urlaub, weil nur die Buchungen von supernetten und supertollen Menschen akzeptiert werden. Schon heute lässt sich die Wertigkeit des Charakters in Geld aufrechnen, und es muss nicht mal der eigene sein: Auf dem Airbnb-Profil eines Mannes in Miami hat jemand das Haustier des Vermieters kritisiert: "Seine Katze Mario ist freundlich, sehr höflich – aber etwas reserviert."

Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren
#2  —  28. Juli 2015, 12:27 Uhr
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>>... dann wird unser Zusammenleben zu einem Tasten nach Konsens. Da sind einerseits die Anmaßung und der Druck, alles und jeden beurteilen zu müssen, was die betreffenden Anbieter im Netz auch wenig dezent fordern. Und andererseits die Sorge: bloß niemanden verärgern. Hoffentlich den richtigen Ton treffen. Immer abwägen. Die Angst vor einer schlechten Beurteilung führt dazu, dass man sich ständig kontrolliert und, schlimmer noch, sich selbst bewertet, bevor es die Anderen tun. <<

Eine schöne Definition von Politically Correctness. Der Nivellierungseffekt der Konsensgesellschaft setzt sich (potenziert hoch 10) im Internet fort.
Alle faseln davon, dass Individualität für sie ja soooo wichtig ist und Gruppen- und Gemeinschaftszwäge sowas von gestern und sowieso Pfui sind, aber bei genauem Hinsehen entpuppt sich die schöne neue Internetwelt (und ihre realen Nachäffer) als weitaus geschlossener und homogener als es jede dörfliche Gemeinschaft in der Welt mit all ihren sozialen Zwängen jemals gewesen ist.
Aber Illusionen waren schon immer die billigste Ware, die gern zu Höchstpreisen gehandelt werden.

Das Panoptikum, das Ende des 20. Jahrhunderts noch als Horror-Vorstellung galt, wird zunehmend Realität. Das Postulat der Positivität schleicht sich in immer noch mehr Lebensbereiche. Man muss sich überall präsentieren, überall positiv darstellen, sich überall und immer optimieren. Ja nicht aus der Rolle fallen, das Hirn auf rationale Optimierung stellen und ja nicht mehr denken, denn Denken beinhaltet sehr viel Negativität.
Weiterentwicklung gibt es nur noch in Richtung des optimalen Internetbürgers. Und die Regeln bestimmt die große Masse. Sinn wird nur noch in der Optimierung gesehen. Jeder weitere Sinn wird durch Dauer-Ablenkung verdrängt. Das Ende ist zu oft der Burnout.
Menschen werden in jeder Hinsicht bewertet und nicht mehr einfach akzeptiert. Soziale Kontakte werden gezielt ausgewählt und entstehen nicht mehr zufällig.
Eine bedauernswerte Zukunft. Bleibt die Hoffnung, dass es doch noch viele gibt, denen diese eindimensionale Welt viel zu sinnlos ist und die wirklich leben wollen.

#4  —  28. Juli 2015, 12:50 Uhr
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Ich finde schon den Begriff „share“ falsch und verlogen, denn es geht um Verkaufen (von Wohnraum und Sitzplätzen im Auto), nicht um Teilen. (Ähnliches gilt für Facebook, nur dass die Währung da die privaten Daten sind, die viele offensichtlich für wertlos/umsonst halten.) Abgesehen davon können diskrete Bewertungen – nicht des Charakters einer Person, sondern allenfalls ihrer Zuverlässigkeit – bei dieser Art Geschäft schon hilfreich sein. Wenn z.B. bei Airbnb ein Gastgeber von mehreren Kunden kritisiert wurde, zum vereinbarten Ankunftstermin nicht dagewesen zu sein, miete ich sein Appartement eben nicht. Selbst mag ich aber gar kein Geschäft, dass so ins Persönliche geht. Aber das haben wir ja inzwischen überall, an der Uni mit den Evaluationen und in der Industrie mit den Meinungsspiegeln u. ä., bei denen man sich manchmal detailliert über Dozenten/Vorgesetzte und ihre Schwächen äußern kann. Ich bestreite nicht, dass dahinter gute Absichten stehen können, aber man hat auch ein z.T. anonymes Denunziantentum geschaffen. Und der Effekt der "Menschenplastifizierung" ist gewiss.