Wir müssen reden "Wie nutzt man Sextoys als Paar?"

ZEITmagazin Online: Wer nutzt Sex-Spielzeug? Diejenigen, denen ihre von der Natur geschenkte Ausstattung nicht mehr ausreicht? Oder Menschen, die einfach Spaß am Spielen und Experimentieren haben?

Ulrich Clement: Das entspricht der Frage, ob es aus Mangel oder aus Übermut genutzt wird. Früher etwa kamen Dildos auch zum Einsatz, wenn der reale Penis des Partners nicht steif genug war. Dieses Motiv gibt es sicherlich noch immer, aber er trifft nicht mehr auf die Hauptkundschaft zu. Heute geht es den meisten darum, zu spielen, Varianten zu entdecken und ihr Sexleben zu erweitern.

ZEITmagazin Online: Ist die Nutzung eher eine Typ- oder Altersfrage?

Clement: Vielleicht sogar eine Generationenfrage. Sextoys sind mittlerweile aus der Schmuddelecke raus und eine Hamburger Studie unter Studenten belegt, dass mehr als ein Viertel Interesse an ihnen bezeugt. Kein Wunder: Wenn man sich alte Dildos anschaut, dann waren das hautfarbene Gummipenisse – ästhetisch furchtbar. Heute entwerfen die Anbieter Modelle, die man sich ins Regal stellen könnte, ohne sich dafür schämen zu müssen. Man zeigt damit eher, dass man gut drauf ist.

ZEITmagazin Online: Die Marketingmenschen reden dementsprechend auch von erotischem "Lifestyle" und "Well-being" – so könnte man auch Yoga-Hosen bewerben...

Clement: Es sind Positivbegriffe, die keinen Mangel ausdrücken. Die Spielzeuge haben sich jedoch nicht nur ästhetisch, sondern auch technisch sehr entwickelt. Dildos oder Vibratoren sind nicht mehr nur einfach ein penisäquivalenter Stab, sondern für Klitoris und Vagina, also für subtile Doppelstimulation ausgelegte Toys, die sich anatomisch individuell anpassen lassen. Mit Batterie vibrieren sie zusätzlich in unterschiedlichen Modi oder sogar im Rhythmus des Lieblingssongs.

ZEITmagazin Online: Und bieten damit mehr als zehn Finger und ein Penis?

Clement: Durchaus.

ZEITmagazin Online: Tatsächlich machen Vibratoren den größten Umsatz auf diesem Markt. Warum ist das so?

Clement: Für Männer ist Masturbation selbstverständlicher als für Frauen.

ZEITmagazin Online: Sie meinen jetzt die händische?

Clement: Genau. Die ist für den Mann unkompliziert – er holt sich einen runter. Weibliche Masturbation ist variantenreicher, das geht sowohl direkt an der Klitoris, als auch indirekt, in der Scheide, unterschiedlich tief und stark.

Ulrich Clement

Prof. Dr. Ulrich Clement ist systemischer Paartherapeut und Sexualforscher. Sein Buch Think Love. Das indiskrete Fragebuch erschien 2015 bei Rogner & Bernhard, gerade hat er Dynamik des Begehrens im Carl-Auer Verlag veröffentlicht. In Heidelberg betreibt Ulrich Clement eine Privatpraxis für Coaching, Paar- und Sexualtherapie.

ZEITmagazin Online: Das erklärt aber noch nicht, warum so viel mehr Vibratoren verkauft werden als Männer-Toys.

Clement: Wenn man die sexuellen Biografien von Frauen und Männern vergleicht, fällt auf, dass der Weg zur passenden Masturbation bei Männern einfacher ist. Männer fangen mit Einsetzen der Pubertät an zu onanieren und sie finden schnell heraus, wie sie es mögen. Bei Frauen ist die erste Masturbation völlig unabhängig von der Pubertät. Viele fangen erst später an, manche auch erst in den Zwanzigern, manche gar nicht. Dabei wissen sie nicht unbedingt von vornherein, wo sie sich überhaupt anfassen könnten, und müssen mehr experimentieren. In diesem Zusammenhang entsteht eine Vielfalt, die unter Männern weniger ausgeprägt ist und zu der beispielsweise auch die Entdeckung des G-Punkts gehört: Habe ich einen, habe ich keinen?

ZEITmagazin Online: Das ist typabhängig?

Clement: Der korrekte Begriff ist eigentlich G-Fläche, weil die Stelle mehr als nur ein Punkt ist. Sie liegt im Inneren der Vagina auf der ventralen Seite, also in Richtung Bauch, und fühlt sich anders an als die umliegenden Bereiche. Ob diese Fläche stimulierbar ist oder nicht, variiert jedoch von Frau zu Frau. Für manche macht es keinen Unterschied beim Sex, für manche einen sehr großen und für wieder andere ist sie die Stimulationsstelle für eine Ejakulation.

ZEITmagazin Online: Welche Sextoys gibt es für Männer?

Clement: Es gibt Vibratoren für den Penis, als Ring oder als eine Art Hülse, die den Penis umfasst und vibriert. Oder auch Silikonformen und natürlich Analspielzeug. Das gibt es aber auch für Frauen.

ZEITmagazin Online: Wie nutzt man all das jetzt als Paar?

Clement: Die Paarnutzung ist eine interessante Geschichte.

ZEITmagazin Online: Bestimmt. In der New York Times wurde ein zweiteiliges Set inklusive App beschrieben, dessen einzelne Teile auf die am Gegenstück gemessene Erregung des Partners reagieren – ideal für moderne Fernbeziehungen.

Clement: Klingt lustig. Bislang wusste ich nur von individualisierbaren Vibrationsprofilen. Interessant wird die Paarnutzung von Sex-Spielzeug, wenn beide unterschiedliche Vorstellungen haben, wenn also einer mit einem hübschen Geschenk ankommt und der andere "Ach herrje" sagt. Gerade bei penisäquivalenten Toys kommt es sehr darauf an, dass der Mann sich das Ding zum Freund macht und nicht zum Rivalen. Sonst fühlt er sich womöglich der eigenen Potenz beraubt, das wäre heikel.

ZEITmagazin Online: Wie vermeide ich das?

Clement: Man kann es als den eigenen Wunsch formulieren, und nicht als Kritik am Partner. Raffiniert ist natürlich, es zu einer gemeinsamen Idee zu machen. Dennoch kann man eine potenzielle Kränkung nicht immer vermeiden. Aber dieses Risiko besteht generell in der Sexualität, wenn einer der beiden Partner etwas Neues anregt.

ZEITmagazin Online: Ein Anbieter von Sex-Spielzeug hat aus diesem Grund "Assortiments" im Programm, also Pakete mit einer ganzen Auswahl unterschiedlicher Toys: von Handschellen über Vibratoren für sie und ihn bis hin zu Paddles oder Liebeskugeln.

Clement: Eine clevere Idee. So wirkt der Vibrator – wenn es der Frau beispielsweise in erster Linie darum ging – weniger bedrohlich. Außerdem ist es ein erotisches Geschenk, mit dem man den anderen animiert, gemeinsam Neues zu entdecken. Denn das ist entscheidend: Man muss neue Optionen ins Liebesspiel bringen, anstatt einen Mangel zu beklagen. Statt also zu denken, hier müsste eine Lustlosigkeit oder Orgasmusschwierigkeit maschinell bekämpft werden, kann man die Spielsachen interessiert oder amüsiert zur Kenntnis nehmen.

ZEITmagazin Online: Das führt mich zu der Frage, deren Beantwortung sich meine Kollegen in Berlin gewünscht haben: Ein Sextoy-Anbieter wirbt dort gerade auf großen Plakaten für ein Teil, das wie eine himbeerfarbene Grillzange aussieht, aber multiple Orgasmen bescheren soll. Wie muss ich mir die korrekte Anwendung davon vorstellen?

Clement: Auch wenn ich die Werbung noch nicht gesehen habe, wird der eine Arm wohl außen auf der Klitoris vibrieren, während der andere vaginal zusätzlich den G-Punkt stimuliert. Können Ihre Kollegen ja ausprobieren.

ZEITmagazin Online: Hat die neue Freude am Spielen und Experimentieren unser Liebesleben verändert?

Clement: Auf jeden Fall. Früher hätte man jemanden, der nicht nur aus Fleisch und Blut bestehenden Sex treibt, sondern auch mit Objekten hantiert, als pervers oder zumindest als erklärungsbedürftig betrachtet. Sein Handeln wäre als kompensatorisch oder fetischistisch bewertet worden.

ZEITmagazin Online: War es früher womöglich auch schwieriger für Frauen zu sagen: Lass uns das mal ausprobieren?

Clement: Ja. Und für Männer war es schwieriger, das zu hören. Der Boom von Sextoys, ihre Ästhetisierung und Präsenz im Alltag zeigen die Entdramatisierung und größere Gelassenheit im Umgang mit Sexualität. Es herrscht inzwischen eine optionalistische Sicht vor, wie sie der Hamburger Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt beschrieben hat: Die Triebvorstellung, nach der ein Mensch nicht anders kann, wurde von einer Ressourcenvorstellung von Sexualität abgelöst. Vieles steht zur Verfügung und geht, man kann es ausprobieren, ohne darauf fixiert zu sein. Oder man kann es ganz bleiben lassen.

ZEITmagazin Online: Beschäftigt man sich mit diesem Thema, bekommt man schnell den Eindruck, Sex-Spielzeug gäbe es in jedem zweiten Haushalt.

Clement: Die Datenlage ist schwach. Sicher, Sextoys nutzen inzwischen nicht wenige Leute. Gleichwohl ist es noch immer eine Minderheit. Für viele Paare bleiben sie trotz aller Ästhetik eine heikle Angelegenheit. Sie finden allein die Vorstellung, so etwas zu benutzen, schrecklich. So aufregend Sextoys derzeit sind, darf man nicht vergessen, dass sie in den meisten Schlafzimmern noch nicht herumliegen. Und selbst wenn, bedeutet das noch nicht, dass sie auch genutzt werden. Das ist wie mit Büchern: Davon stehen meist auch etliche rum, die keiner je gelesen hat.

Kommentare

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Es gibt keinen G-Punkt

In kein Anatomielehrbuch hat der Gräfenbergpunkt oder die G-Zone Eingang gefunden. Es gibt ihn nämlich nicht. Er wurde ausdauernd gesucht, allein vergeblich. Erschreckend, dass dieses Märchen, das von einem Mann in die Welt gesetzt wurde und viele Frauen (und Männer...) frustriert hat, immer noch geglaubt wird. Es weiter zu erzählen, disqualifiziert den "Experten" Clement.