"Tatort"-Kritikerspiegel Wimmelbilder des Rausches

© BR / Bernd Schuller
Außer Wiesn nichts gewesen? Doch: drei schnapsselige kroatische Tanten, zwei Schwedinnen im Dirndl und ein atemloser Taubenfreund. Der neue "Tatort" im Kritikerspiegel

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Das Oktoberfest ist die Hölle. Saufen, ausrasten, Brüste zeigen: Die Wimmelbilder des Rausches, die hier aufgefahren werden, erinnern fast an die Tableaus von Hieronymus Bosch. Ein Tatort, der schwindlig macht.

Lars-Christian Daniels: Ein Besuch auf dem Oktoberfest kann gefährlich werden – und zwar nicht nur für die eigene Ehe!

Barbara Sichtermann: Außenseiter kommen unter die Räder und sie schlagen mörderisch zurück.

Kirstin Lopau: Jenseits der Wiesn-Platitüden wie "Happy beer drinking!" und "Alkohol macht Birne hohl!", der Feststellung, dass Italiener angeblich keinen Alkohol vertragen und junge Schwedinnen es faustdick hinter den blonden Haaren haben, bleibt wenig. Vielleicht noch, dass eine Verfehlung vor dem Gesetz, in diesem Fall Drogenmissbrauch, aus einer Frau keine schlechte Mutter macht und dass Herren vom Jugendamt nicht immer die netten Onkels sind – hier schließt sich der Kreis zu den Schwedinnen, denn all das erinnert doch sehr an Stieg Larssons Protagonistin Lisbeth Salander. Außer Wiesn also wenig gewesen.

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: Beide 7 Punkte.

Lars-Christian Daniels: Miroslav Nemec als Batic: 6 Punkte, Udo Wachtveitl als Leitmayr: 7 Punkte.

Barbara Sichtermann: Jeweils 10 Punkte. Leitmayr und Batic kriegen bei mir immer die volle Punktzahl, weil sie zu meinen Lieblingskommissaren gehören.

Kirstin Lopau: Beide 7 Punkte.

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Die Kommissare zwitschern sich im Garten einen mit den drei kroatischen Tantchen von Ivo Batic.

Lars-Christian Daniels: Eine Begegnung im Badezimmer: Hauptkommissar und Oktoberfest-Hasser Franz Leitmayr hat während der Wiesn-Zeit zwei schwedischen Studentinnen seine Wohnung überlassen. Als er nachts vorbeischaut und in den Wohnräumen ein Schlachtfeld vorfindet, übernachtet er kurzerhand in der Badewanne. Es kommt, wie es kommen muss: Eine Schwedin im Dirndl verspürt irgendwann ein dringendes Verlangen …

Barbara Sichtermann: Am besten hat mir eine Szene gegen Schluss gefallen, in der die Kommissare sich streiten und anschreien: "Wir haben gedacht, es ist der Sowieso!" – "Er isses aber nicht." – "Na und? Neue Situation." Und das in voller Lautstärke. Kam gut.

Kirstin Lopau: Das kroatische Besäufnis mit Ivos Tanten, inklusive Schnaps (Franz: "Hoffentlich werd ich nicht blind.") und Spanferkel – und Franz, der mittendrin sitzt, kein Wort Kroatisch versteht und doch das kroatische Trinklied mitgrölt. Schön war auch, wie Ivo vor deren Ankunft die Wohnung tantengerecht aufgerüstet hat, inklusive Madonnenbildnis und Rosenkranz am Bett.

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Der auffällige, soziopathische Täter – der einzige Nüchterne der Wiesn-Hölle – sticht ein bisschen zu auffällig aus diesem Szenario der Entfesselung heraus.

Lars-Christian Daniels: Da gibt es diesmal mehrere: Ist es der bemühte Lederhosenauftritt des urbayerischen Jungassistenten Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer)? Oder der verschlossene Einzelgänger und Taubenfreund Arthur Graensel (Julius Feldmeier), der das Festzelt mit Kopfhörern aufsucht und keine Miene verzieht, obwohl alle um ihn herum "Atemlos" grölen? Oder das witzlose Jugendfoto von Ivo Batic, das ihm nicht im Geringsten ähnlich sieht? Ich kann mich nicht entscheiden.

Barbara Sichtermann: Der peinlichste Moment ist, als Batics Tante mit Alkoholvergiftung im Krankenhaus landet. Für solchen Quatsch dürfte ein guter Krimi keine Zeit haben.

Kirstin Lopau: Franz will wie jedes Jahr dem Oktoberfest-Rummel entfliehen und fährt in die Toskana – ausgerechnet zum Zeichnen. Sorry, das passt so gar nicht. Demnächst macht er auch noch einen Töpferkurs …

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 8 Punkte.

Lars-Christian Daniels: 5 Punkte.

Barbara Sichtermann: 6 Punkte.

Kirstin Lopau: Endlich mal wieder 6–7 Punkte für München.

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Bosch ist mehr als eine Kühlschränkin ...
Huuuh - Hell is a place on earth! Oder anders: Diese Wies'n der ganzen Welt - alle Menschen werden Säufer, brechenden Auges seh'n sie ihre Reiche und bewundernd untergeh'n - in Liquid Ecstasy (was für eine perfide Doppeldeutigkeit). Hieronymus Bosch hatte ja nicht nur "Hölle", sondern auch den "Garten der Lüste" zu bieten - darin höchst merkwürdige Menschenwesen in allerlei allegorisch unverstandenen Tätigkeiten (nebst Vögeln als Marter der Seele), überall die bleiche Schöne, die ihren Galanen den Blick vernebelt - selbst solchen, die der Maler als Spitzel und Schnüffler mit eingebaut hat. Denn Boschs Tripytchon ist bekanntlich in unübersichtlichen Kriegsnöten entstanden, in einer belagerten niederländischen Stadt, der vorweggenommenen #Oktoberfestung. Die ergrauenden Kommissare entgehen der rätselhaften Weiblichkeit nicht, weder den drei alten Parzen aus Kroatien, noch der Hure Babylon als ausbeutender Festzeltwirtin, noch dem vermeintlichen Jungbrunnen in Gestalt der ewig ausschenkenden Saltochter (die früher berauschten Gästen noch anderes anzubieten hatte). Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe ... Intensivstation, Schinderanger, Verhörzellen - dagegen ist die trockene Badewanne als Fluchtort ein Satyrspiel, und die strullende Schwedin naive Kontrafaktur zu einer allmächtigen Rachegöttin Lisbeth Salander; die wiederum paßt wahrhaft nicht in die Gemengelage der fies ausgetüftelten Hints and Allegations.

Nach dem hervorragendem Tatort aus Frankfurt hatte es München von Haus aus schwer. Aber bei den Münchnern ist schon lang jeder Zauber gewichen, so sympathisch sie auch wirken mögen. Lustig wird krampfhaft, bayrisch seit Fitz Abgang völlig weg (wobei in München jå fei koarna mehr bairisch vasteht – geschweige den redt!), … also neues Team, frische Ideen – und Klischees bis auf die unvermeidlichen Zuargroasten (und) Yuppies auslassen.