"Tatort"-Kritikerspiegel Er fabert wieder

Ein nach Kokain buddelnder Hauptkommissar, eine Nachbarschaft ohne Gewissen und Tod durch mangelnde Aufsichtspflicht: Dieser Dortmunder "Tatort" geht auf hartem Pflaster.

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Nordstadt, Alter! Hier findet man das geballte Elend und wir wollen es auch geballt zeigen. Nach der Folge von 2012 kehren Peter Faber und sein Team ins Dortmunder Brennpunktviertel zurück und müssen ein bisschen zu viel gesellschaftlichen Debattenstoff durchackern.

Lars-Christian Daniels: Sie glauben, dass im Tatort nichts Wesentliches mehr passiert, nachdem der Täter zur Strecke gebracht wurde? Sie täuschen sich. Wer den Fernsehsessel diesmal auch nur zehn Sekunden zu früh verlässt, kann am Montagmorgen im Büro nicht mitreden.

Kurt Sagatz: Ein sechsjähriges Mädchen stirbt auf einem Spielplatz in der Dortmunder Nordstadt. Schuld ist eine von senegalesischen Dealern im Sand versteckte Kokainkugel, die das Mädchen für eine Süßigkeit hielt. Sie wird nicht die einzige Tote bleiben. Ein harter Krimi, der ohne überzogene Anklagen auskommt – das tote Kind dabei aber im weiteren Verlauf völlig aus dem Blick verliert.

Kirstin Lopau: Wer ist eigentlich Schuld an dem Tod eines Mädchens, das an einer Überdosis stirbt? Die Mutter, die mit ihm ausgerechnet auf jenen Spielplatz geht, auf dem gedealt wird? Die nicht richtig aufpasst, weil sie lieber telefoniert? Die Nachbarn, die über die Dealer hinwegsehen oder sie dulden? Die Dealer, weil sie ihrem Geschäft auf einem Spielplatz nachgehen? Die Hintermänner, die die Notlage der Dealer ausnutzen? Die Polizei, weil sie den Drogenhandel nicht unterbindet?

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 7 Punkte.

Lars-Christian Daniels: Faber: 7 Punkte, Bönisch: 9 Punkte, Dalay: 6 Punkte, Kossik: 4 Punkte.

Kurt Sagatz: Etwas zu viel Kontroverse: 6 Punkte.

Kirstin Lopau: Faber und Bönisch jeweils 9 Punkte, Dalay und Kossik jeweils 8 Punkte.

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Jörg Hartmann als Kommissar Faber gräbt auf der Suche nach Drogen wie besessen in der Sandkiste. In den Worten der Kollegen: "Er fabert mal wieder." Ein schönes Verb für einen eigenwilligen Ermittlungsstil.

Lars-Christian Daniels: Dieselbe Szene: Der Hauptkommissar buddelt bei der ersten Tatortbesichtigung im Sand nach versteckten Kokaintütchen. Auch gebönischt wird diesmal fleißig.

Kurt Sagatz: Jürgen Werner, der Erfinder des Dortmunder Teams, hat erneut das Drehbuch geschrieben. Kommissarin Bönisch und ihr Kollege Faber verstehen sich immer besser. Ihre Dialoge sind genial, das hilft über einige Schwächen dieser Folge hinweg.

Kirstin Lopau: Keine Szene, sondern fortlaufend gut: Die Teamstrukturen aus Figuren, die alle irgendwie gebrochen sind und in diesem Zustand aufeinander prallen. Das geht mal gut, wie bei Bönisch und Faber, und mal weniger gut, wie bei Kossik und Faber. Alle haben – ganz nach alter Tatort-Manier – Liebesprobleme, teilweise sogar miteinander. Diesmal beobachtet Faber eifersüchtig den Engtanz von Kollegin Bönisch mit einem unbekannten Hotelgast. Als Reaktion bietet er ihr seine Antidepressiva an, schließlich werde sie diese früher oder später brauchen, wenn sie so weitermache. Immerhin scheinen sie bei ihm schon anzuschlagen, denn: "Mir geht's doch nicht beschissen, mir geht's scheiße." Hoffentlich kippt seine Stimmung nicht wieder bei diesem in jeder Hinsicht deprimierenden Ende! Mein Lieblingszitat von Faber richtet er an die von Eheproblemen geplagte Frau Bönisch: "Was is'n los? Ich dachte, Scheidung macht glücklich!"

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Kommissar Faber ranzt auf einer Parkbank ein paar Spießer an, die Dealern bei ihrer Tätigkeit zuschauen. Eine sehr verengte Schuldzuweisung für das Drogenelend in der Nordstadt.

Lars-Christian Daniels: Wirklich peinliche Momente gibt es im Dortmunder Tatort selten – vom Wiedersehen mit Drogenboss Tarim Abakay (Adrian Can spielte bereits 2012 im Tatort Mein Revier) hatte ich mir allerdings mehr erhofft. Faber gibt bei seinen regelmäßigen Stippvisiten in Abakays Unterschlupf nur den bellenden Hund, statt wirklich zuzubeißen. Eher schwach ist auch das spontane Feierabendbierchen von Hauptkommissar Daniel Kossik (Stefan Konarske) und Rettungssanitäter Oliver Lahnstein (Axel Schreiber), das dem letzteren natürlich sofort die Zunge lockert.

Kurt Sagatz: Der Serientitel Kollaps meint, dass irgendwie alles kollabiert, inklusive Sorgerechtsstreit bei Kommissarin Bönisch, Eifersuchtsszenen zwischen Kollegen und Fabers Amtsvergehen.

Kirstin Lopau: Gab es nicht.

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 6 Punkte.

Lars-Christian Daniels: 7 Punkte.

Joachim Huber: Etwas zu unbestimmte Aussage: 7 Punkte.

Kirstin Lopau: Wieder richtig Gutes aus Dortmund, 8 Punkte.

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"Wer ist eigentlich Schuld an dem Tod eines Mädchens, das an einer Überdosis stirbt? Die Mutter, die mit ihm ausgerechnet auf jenen Spielplatz geht, auf dem gedealt wird? Die nicht richtig aufpasst, weil sie lieber telefoniert? Die Nachbarn, die über die Dealer hinwegsehen oder sie dulden? Die Dealer, weil sie ihrem Geschäft auf einem Spielplatz nachgehen? Die Hintermänner, die die Notlage der Dealer ausnutzen? Die Polizei, weil sie den Drogenhandel nicht unterbindet?"

Werte Fr.Lopau
wie wärs mit den Politikern?
Den die erklären kranke und/oder dumme Menschen (denn nichts anderes sind "Süchtige"- im Maximalfall!) zu Kriminellen. Und erst diese Schublade verursacht die schlimmsten Nebenwirkungen der Drogen.
Nur wie sollen Polizei, Staatsanwaltschaft und Gefängnisse die Betroffenen von ihrer Dumm- bzw Krankheit heilen?
Gar nicht- denn dazu sind sie schlicht und ergreifend nicht in der Lage und erst recht nicht ausgebildet.
Ganz strub wird es wenn man sich die Auswirkungen dieser Gesetzte im Bereich der "Legal Highs" ansieht. Der natürliche und weitestgehend harmlose Hanf ist kriminalisiert- die hochgefährlichen chemischen Ersatzstoffe können ungehindert legal und ohne Angst vor Repression importiert und konsumiert werden.
Sollte die "Volksgesundheit" wirklich die treibende Kraft hinter diesen Regelungen sein (sind sie sicher! nicht) dann müsste da ein Umdenken stattfinden....
Dann gehen "Süchtige" in den "Drugstore" und nicht mehr zum Dealer-und wenn`s zwickt zum Arzt.

Stark wie immer.
Dortmund hat sich zum Spitzenteam in der Tatort-Liga entwickelt.
Jörg Hartmann ist ein ganz Großer, Anna Schudt hält sehr gut mit.
Diese zwei Darsteller machen den DO-Tatort zu etwas Besonderem.
Der Rest des Teams passt prima, auch die Nebenrollen sind gut besetzt.
Ton und Bild stimmen, die Locations passen, die Storys sind stimmig.
Das Leben der Ermittler neben der jeweils aktuellen Story wird gut weitergestrickt, wenn auch nicht jeder solche gebrochenen Biografien mag.
Schon Kommissar Haferkamp (Hansjörg Felmy) ermittelte mehrfach an der Seite seiner Ex.

Das Leben ist eben nicht immer glatt.