Andersrum ist auch nicht besser Schwule Männer lieben heterosexuelle Frauen

© Scott Gries/Getty Images
Aus der Serie: Beziehungen

Die Welt ist voll schwieriger Fragen, aber eine der schwierigsten ist die, ob man ein Vorbild habe. Frauen sagen oft, ihr Vorbild sei ihre Großmutter. Männer tun sich etwas schwerer mit der Antwort und behaupten schließlich, sie bewunderten Steve Jobs. Besonders euphorisch klingt das in beiden Fällen nicht.

Viele Menschen sagen auch, sie bewundern Nelson Mandela. Ich habe jedoch noch nie gehört, dass während einer Mandela-Rede bei den Vereinten Nationen die erste Sitzreihe in Ohnmacht gefallen ist. Und nur wenige, die heute für Willy Brandt schwärmen, würden sich den Ex-Kanzler als Poster übers Bett hängen. Wenn es nicht gerade um Sport geht, äußert der erwachsene Mensch seine Bewunderung zurückhaltend.

Als ich Teenager war, gab es ziemlich viele Boygroups, bestimmt zwanzig dieser Bands. Unter meinen Klassenkameradinnen waren viele Fans, junge Mädchen leben ihre Bewunderung gemeinhin ja etwas unbefangener aus: Sie schreien und verlieren das Bewusstsein. Auch ich hätte heimlich eine Boygroup anhimmeln können. Die Auswahl war üppig, rein äußerlich war für jeden Geschmack etwas dabei, auch für meinen. Trotzdem wäre ich nie auf die Idee gekommen, tatsächlich eine CD von Boyzone oder Caught in the Act einzulegen. Stattdessen habe ich den Videorekorder programmiert. Jede Nacht nahm er die Serie Golden Girls auf.

Statt junger Männer bewunderte ich vier Frauen, die schon länger aus den Wechseljahren heraus waren als ich überhaupt auf der Welt. Dass es hier einen  Zusammenhang mit meiner Sexualität geben könnte, ist mir damals nicht in den Sinn gekommen. Erst viel später habe ich erfahren, dass meine Schwärmerei für die Golden Girls typisch schwul war.

Die Golden Girls sind Gay Icons. Dieses Wort lässt sich schwer übersetzen. Beim Wort Schwulen-Ikone würden heute viele an Conchita Wurst denken. Aber echte Schwulen-Ikonen sind beinahe immer heterosexuelle Frauen. Cher, Liza Minelli, Madonna, Bette Midler. Meistens singen oder schauspielern oder machen beides. Auf jeden Fall befassen sie sich hauptberuflich mit den schönen und unnützen Dingen des Lebens. Treten Gay Icons irgendwo auf, weicht die erwachsen bewundernde Zurückhaltung der Ekstase und dem Exzess. Vor einigen Jahren kam Barbra Streisand nach Berlin. Freunde zahlten für eine Konzertkarte 250 Euro. Sie haben nicht eine Sekunde gezögert.

Um Schwulen-Vorbild zu werden, muss man nicht dafür kämpfen, dass es den Schwulen besser geht, weder vor Gericht oder in der Politik noch auf der Bühne. Das kümmert uns Schwule gar nicht. Judy Garland aus Der Zauberer von Oz sollen ihre schwulen Fans völlig egal gewesen sein. Als Bette Davis nach mehr Homo-Rechten gefragt wurde, sagte sie: "There's nothing in it for me." Und obwohl es heißt, Donna Summer habe in den achtziger Jahren Aids als Strafe Gottes bezeichnet, tanzen Schwule liebend gern zu Hot Stuff. Als aber Lady Gaga sich mit ihrem Lied Born this way für Homosexuelle stark machte, empfanden viele Schwule das als Anbiederung und Gaga als eine Nervensäge.

Echte Schwulen-Ikonen richten sich eigentlich an ein Heteropublikum. Sie sind nicht für einen schwulen Markt gemacht. Britney Spears war früher so etwas wie die fleischgewordene Schulmädchen-Fantasie sexuell frustrierter Vorstadtväter. Schon da liebten ausgerechnet die Schwulen sie. Absturz, Glatze und Entmündigung machten sie dann schließlich zu einer der größten Gay Icons unserer Zeit. All diese Frauen senden versteckte Botschaften aus, die nur Schwule empfangen und entschlüsseln können: Sie sind auf eine überzeichnete Art weiblich, ihre Auftritte dramatisch, sie fallen aus der Rolle. Sie sind so, wie Heteros die Schwulen sehen.

Um die Nachfrage nach Hetero-Ikonen anzufachen, müsste man sich also nur überlegen, welches Bild umgekehrt die Schwulen von den Heteromännern haben: Übergewichtig ab spätestens 30, spärliches Haar – und damit völlig zufrieden. Es wird Zeit für das große Comeback von Danny DeVito.

Kommentare

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Madonna ist auch meine Ikone...bin nicht schwul:)
Als Fan von ihre(bin irgendwie mit ihr zusammen aufgewachsen,sie ist meine aeltere Schwester)sage ich aber;sie hat hart gearbeitet für ihren Erfolg.
Sie ist einfach ein Star.
Wenn ich ihre Musik nicht mögen würde,würde ich sie aber auch nicht verehren.
Das ist vielleicht der Unterschied.
Ich habe nie jemand aufgrund seines Aeusseren verehrt.
Es muss mehr da sein...

Ich würde mir wünschen dass sie auch weiterhin Einblicke in die schwule Welt geben.

"Golden Girls" läuft übrigens immer noch im TV, schaue ich gerne und mit Genuss, vor allem natürlich wegen Betty White und Estelle Ghetty.Die herrliche Serie "Mord ist ihr Hobby" mit Angela Landsbury, eine Freundin von Beatrice Arthur aus Golden Girls darf da nicht ungenannt bleiben, ich mag das Zeug einfach. Da ich Hetero bin, möchte ich übrigens auf eine ander Ikone der aus der gleichen Zeit verweisen: Andy Griffith in Matlock - wunderbar.
Das schöne an all den alten Schinken ist aber eigentlich, daß die Schauspielerei dort immer noch viel mehr abgefilmtem Theater gleicht als dem meist untauglichen Versuch Realität abzubilden. Deshalb auch meine Liebe zu Wolf Schmidt als Babba Hesselbach.
Ich glaube allerdings nicht, daß man schwul sein muss um Theater oder Musical zu liben, das ist ein dusseliges Klischee.

Auch Homo-Männer sehnen sich eben nach der Mutti. Da sie aber Frauen nicht primär sexuell sehen wie die Heteros, werden reife Frauen mit den Attributen attraktiv, die Schwule selbst an sich für begehrenswert ansehen. Man bewundert eben immer in das eigene Ich-Ideal.

Und die Schlussfolgerung am Ende des Artikels ist falsch. Hetero-Männer sehen sich als "echte Männer" und idealisieren daher solche Exemplare, die diesem Ideal besonders gut entsprechen. Es kommt nicht darauf an, wie andere einen sehen. Es kommt darauf an, wie man selbst gerne wäre. Ikonen-Bildung hat viel mit Narzissmus zu tun.