Andersrum ist auch nicht besser Das hatte niemand auf dem Gaydar

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Die Welt wird immer komplizierter. Jetzt erkennen sich noch nicht mal mehr die Homos. Und die heterosexuellen Frauen? Sehen wie Baby-Butches aus. Von

Mein Gaydar ist kaputt. Und das spätestens seit der Weihnachtsfeier, der vierten von gefühlten Hundert. Wie viele ging auch diese mit zu viel Wein einher und damit ausgelösten Enthemmungen. Zwischen Prosecco und Gänsekeule flirteten zwei Kolleginnen miteinander. Ich hätte bei jeder der beiden darauf geschworen, dass sie auf Männer, Männer und Männer stehen würde. Tun sie aber nicht, stellte sich raus, und taten sie noch nie.

Man sagt gerne, dass Lesben und Schwule Antennen füreinander hätten, man nennt das Gaydar. Das Kofferwort aus gay und Radar steht für eine mysteriöse Fähigkeit, dass wir Homos andere Homos orten wie Fledermäuse ihre Beute. Das Konzept ist umstritten, auch innerhalb der Szene. Ich dachte trotzdem, ich hätte einen ausgeprägten Gaydar, aber seit der Weihnachtsfeier habe ich da so meine Zweifel. Zumindest scheint er schlecht justiert.

Geschichten, in denen Heteromänner von Schwulen angemacht werden, und von Lesben, die Heterofrauen angraben, kennt man seit Jahrzehnten zur Genüge. Nun aber haben sich die Ebenen verschoben, nicht nur bei mir. Bei den Schwulen gibt es wegen des Straight Acting neuerdings Irrungen und Verwirrungen. Erkennungsfaktoren wie das gebrochene Handgelenk und den Diskant in der Stimme findet man nur noch in Travestieshows. Oder wenn Heteros Schwule zu imitieren versuchen. Bei Lesben sieht's nicht anders aus. Mittlerweile trägt die halbe Szene lange Haare und die Hälfte der Heteras kurze. Keine Lesbe hat mehr Latzhosen an, aber jede Fashionista hat eine im Schrank, von Karohemden gar nicht zu reden. Bei heterosexuellen Frauen sind Flats die neuen Heels und nicht wenige Lesben tragen jetzt auch Pfennigabsatz. Mit Äußerlichkeiten kommt man heutzutage also nicht weiter. Umso weniger in Zeiten, in denen jedes Starlett, das was auf sich hält, mit dem Lesbischsein flirtet. Ich sag nur Miley Cyrus, ich sag nur Wie-hieß-die-Tochter-von-Johnny-Depp-und-Vanessa-Paradis-noch-gleich, ich sag nur Aguilera, Spears, Madonna.

Wo soll das bitte schön hinführen, wenn alle plötzlich so tun als ob? Wie soll man wissen, was man zu erwarten hat, wenn sich kein Mensch mehr an die Regeln hält? Am Ende flirten schwule Männer mit Heteros und Heteros mit Lesben und die wieder mit Frauen, die sie für lesbisch halten, derweil die wirklich lesbische Frau ungesehen an ihnen vorbeischlendert. Da ist Chaos vorprogrammiert. Bei der Vorstellung kriegt man beinahe Verständnis für all die, die verzweifelt nach der guten alten Zeit rufen. Die Frauen am liebsten beschürzt am Herd sehen würden und Männer mit Messern zwischen den Zähnen und Bomben im Gepäck die Welt retten. Das sind schließlich Codes, die man versteht.

Stattdessen wird die Welt immer komplizierter. Auch dank einer Studie, die behauptet, eigentlich seien alle Frauen lesbisch oder maximal bi, aber eigentlich lesbisch. Durchgeführt wurde sie von Wissenschaftlern der Universität Essex, die 345 Frauen Bilder von nackten Männern und Frauen zeigten. Überraschung! Alle Frauen wurden von Frauenbildern erregt. Nicht alle allerdings von Männerbildern. Was heißt das nun? Dass Frauen breiter aufgestellt sind in ihrer Begehrensstruktur? Vielleicht. Dass Frauen Sexualobjekte sind, selbst für Frauen? Vermutlich auch.

Kürzlich sagte Cate Blanchet anlässlich des Filmes Carol, in dem sie eine Lesbe spielt, sie wolle ihre Sexualität nicht gelabelt wissen. Denn, findet sie, "In 2015 the point should be: Who cares?" Im Jahr 2015 sollte das keinen mehr interessieren.

Wäre schön, aber bis es soweit ist, bleiben uns wenigstens noch ein paar rolemodels. Anne Will und Dunya Hayali, Ellen DeGeneres und Ellen Page, und neuerdings auch Kristen Stewart und Cara Delevingne. Wobei der Letzteren sowieso kaum jemand ihre sexuelle Präferenz abnimmt, weil sie angeblich zu schön ist, um lesbisch zu sein. Behaupten zumindest viele Heteros und eine Handvoll Lesben, die mental irgendwo in den Achtzigern steckengeblieben sind, als auch die Lesbenwelt noch schlicht und einfach war, und aus Butch, Femme und Ökolesbe bestand. Der Gaydar dieser Exemplare muss derzeit völlig durchdrehen – die Heteras üben sich nämlich dieser Tage auch im Butch-Acting.

Auf eins dieser Exemplare traf ich kürzlich in einem Klamottenladen. Kurze Haare, Undercut, tätowierte Arme, hoch sitzende Levis-Jeans und ein in den Hosenbund gestopftes Band-T-Shirt. Slayer, wenn ich mich recht erinnere. Eine echte Baby-Butch, dachte ich. Wie süß! Mir wurde auf eine Art warm, wie es sonst nur bei YouTube-Videos vom ersten Wurf einer ausgestorben geglaubten Katzenrasse passiert. Ich verlor die Frau kurz aus den Augen und spürte sie erst bei den Umkleidekabinen wieder auf. Sie knutschte mit einem ebenfalls tätowierten Mann mit Vollbart und Herrendutt.

Kommentare

29 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Oma hatte mit ihren Ratschlägen ja auch nicht immer recht, gell?

Was soll man dazu sagen? Homosexuelle wurden derart ausgegrenzt, misshandelt und drangsaliert, dass sich nach einiger Zeit Merkmale herausbilden mussten. Wie eben das gebrochene Handgelenk. Es gibt Länder, da ist es noch gang und gäbe den Homosexuellen die Hand zu brechen, auf das sie nie wieder Hand anlegen mögen...

Dann wurde Deutschland etwas offener und die bisher versteckten Homos dachten, sie könnten jetzt "normal" sein, aber hatte die Vorstellung, dass Homosexualität normal ist, wenn sie ausgelebt wird, wie bei den bekannten Homos. Deshalb sah eine ganze Generation so verrückt und auffallend aus.
Das ist wie mit Amerikanern, die nach Deutschland fahren und Lederhose anziehen, weil sie nur Bilder von Bayern kennen.

Heute haben wir eine neue Generation. Die Zahl derer, die in den Medien von einer Abnormität oder Perversion sprechen, sinkt. Die Zahl derer, die offen zu ihrer Homosexualität stehen, steigt. Und plötzlich sieht man: Homos sind normale Menschen, die nicht auffällig gekleidet sind oder betont unauffällig. Und schon sehen alle gleich aus, egal ob Homo oder Hetero.

Ist auch wichtig, die gesellschaftliche Abneigung gegen Homos wird erst verschwinden, wenn der Gedanke "Homos sehen aus wie bei der Gayparade" aus den Köpfen verschwunden ist.

Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg.

"Ist auch wichtig, die gesellschaftliche Abneigung gegen Homos wird erst verschwinden, wenn der Gedanke "Homos sehen aus wie bei der Gayparade" aus den Köpfen verschwunden ist."

Danke. Sie beschreiben damit eine Entwicklung, die eigentlich niemand gut finden kann; weder die "auffälligen"-Homos noch die "unauffälligen"-Homos. Das echte Leben ist nunmal kein CSD, wo nackt auf einem Wagen getanzt wird. Leider habe ich das Gefühl — vielleicht ist es sehr subjektiv —, dass selbst der ein oder andere aus der Szene dies vergisst.

Darum geht es dabei gar nicht, zumindest nicht bei jedem, sondern um eine Sicherheit, die für die "Hetero-Gesellschaft" nicht wichtig ist. Wenn ein (hetero) Mann mit einer (hetero) Frau flirtet, ist der Korb i.d.R. das Schlimmste, was passieren kann; bei Homosexuellen sieht dies ganz anders aus, wenn aus Versehen, mal ein heterosexuelles Exemplar angesprochen wird — natürlich ist dies nur pauschal gesagt, aber fragen Sie doch mal.