Digitale Familie Der ausgemusterte Vater

Das große Kind trägt jetzt häufig Kopfhörer mit Mikrofon am Rechner. Vor einigen Wochen hat das angefangen. Wenn ich nun abends nach Hause komme, sitzt er eigentlich immer an seinem Schreibtisch, winkt kurz und plaudert dann weiter in sein Headset, manchmal spricht er verblüffend fließend Englisch. Oft fragt er noch, ob ich Apfelschorle mitgebracht habe. Er ist 16 und ich respektiere seine Privatsphäre, ich drücke ihm die Flasche in die Hand und ziehe beim Rausgehen die Tür leise hinter mir zu. In der Küche hören wir ihn dann, wie er Witze macht oder sich schallend über irgendetwas kaputtlacht. Das Ganze scheint mächtig Spaß zu bringen.

Natürlich haben seine Mutter und ich irgendwann mal nachgefragt, was er da eigentlich tut. Er spielt CS: GO – Counter-Strike: Global Offensive. In dem Online-Shooter treten zwei Fünferteams gegeneinander an: fünf Terroristen, die eine Bombe zünden wollen, und fünf Antiterrorkämpfer, die das verhindern sollen. Das große Kind verabredet sich mit den Jungs aus seiner Klasse zum Spielen, die restlichen Teammitglieder werden zugelost, dann geht es los. Man kann nicht unbedingt sagen, dass seine Mutter, Journalistin und Redakteurin einer linken Tageszeitung, unmittelbar und vollumfänglich begeistert war von dieser Neuigkeit.

Allerdings haben wir schon zu viel über bescheuerte und verkürzende "Killerspiel"-Debatten in der Familie diskutiert, um ihm das einfach zu verbieten. Das Spiel hat eine Altersfreigabe ab 16 Jahren, er darf das also. Er erklärt uns, dass es eher eine sportliche Sache ist, Fünf-gegen-Fünf, eine Art digitaler Bolzplatz. Ich habe selbst schon professionelle Gamer getroffen und über sie geschrieben, ich denke ganz pragmatisch: So lange er unsere Internetleitung nicht durch paralleles Spielen und Skypen komplett zum Erliegen bringt, ist mir alles recht.

Marin Majica

Marin Majica und seine Partnerin hatten schon jeweils einen Sohn, als sie sich trafen. Sie bekamen zusammen noch einen dritten. Die Jungs sind heute 17, zehn und vier Jahre alt, tragen alle unterschiedliche Nachnamen, teilen jedoch das große Interesse an digitaler Technologie. Bei ZEITmagazin ONLINE schreibt Marin Majica monatlich die Kolumne Digitale Familie und berichtet aus dem Alltag einer digitalisierten Großstadtfamilie.

Mein Interesse ist eher ethnologischer Natur, und da kann das große Kind einiges liefern.
Die Mitspieler aus Russland, lerne ich, sind immer ein bisschen schwierig, weil sie schlecht Englisch sprechen, was die Teamkoordination erschwert. Außerdem stehen sie meistens auf Waffen mit viel Durchschlagskraft, die eigentlich jeder bedienen kann, das gilt unter Gamern als Taktik für Doofis. Die Franzosen nerven, weil sie immer eine wahnsinnig schnelle Internetverbindung haben und dadurch schneller abdrücken. Ich erfahre, dass CS:GO-Spieler mehrere hundert oder sogar Tausende Euro für Skins ausgeben, also individuell gestaltete Oberflächen-Designs für Maschinengewehre und Messer. Irgendwie putzig. Und das Kind erzählt uns von Live-Matches, bei denen Hunderttausende Zuschauer über die Gaming-Plattform twitch.tv zusehen.

Im Moment muss das Kind smurfen. "Das kennst du auch noch nicht, oder?" fragt die Frau und lächelt triumphierend. Smurfen heißt, erklärt sie mir, sich unter einem anderen Account anzumelden, wenn man eigentlich gesperrt ist – weil man zum Beispiel aus Versehen drei eigene Teammitglieder gleichzeitig mit dem Sniper-Gewehr erledigt hat. "Passiert", sagt das große Kind.

Ich finde das faszinierend, aber um ehrlich zu sein, verstehe ich den Reiz von Onlinespielen nicht. Es ist vielleicht eine Generationenfrage. Wenn ich mich an die Playstation setze, will ich definitiv nicht mit anderen echten Menschen spielen. Dass ich mir aus lauter Star-Wars-Begeisterung Battlefront gekauft habe, war eine der schlechtesten Investitionen meines Lebens. Es gibt in diesem Spiel ein paar Trainingslevel, in denen man zum Beispiel einen X-Wing-Fighter steuern kann. Aber das gesamte Spiel besteht eigentlich darin, online gegen andere Spieler in Schlachten anzutreten. "Sind Sie sicher, dass Sie das Game verstanden haben?" fragte mich der Verkäufer. Die 70 Euro habe ich aus Trotz bezahlt.

Ich will beim Spielen, so wie früher an meinem C64, ein wenig autistisch Autorennen gegen künstliche Gegner fahren, in die Erzählung eines Adventures eintauchen, gerne auch die Kampagne des neuesten Call-Of-Duty-Teiles durchspielen und mich durch verschiedene Länder oder Zeitepochen ballern – aber eben allein, wie beim Lesen eines Buches. Ich will definitiv nicht ein ums andere Mal von einer Zwölfjährigen, die in Brasilien sitzt und seit ihrem neunten Lebensjahr zockt, per Headshot aus dem Spiel befördert werden. Oder von einem Star wie kennyS, der offenbar nicht mal hingucken muss, um zu treffen.

Meine Frustrationstoleranz hat enge Grenzen. Mein zehnjähriger Sohn hat mir am Wochenende sein aktuelles Lieblingsspiel gezeigt, es heißt Geometry Dash. Die App läuft auf dem Telefon oder auf dem iPod, man muss darin ein quadratisches Grinsegesicht im richtigen Rhythmus über Hindernisse wie Dreiecke springen lassen. Das Kind liebt das Spiel, er baut mittlerweile eigene Level. Ich finde es irre schwer. Und bei jedem Fehler beginnt das Spiel von vorne! Als ich beim 58. Versuch nach drei Sekunden zerschelle, bin ich kurz davor, das Telefon an die Wand zu schmettern.

Nebenan höre ich das große Kind wieder lachen, es hat seinen Spaß. Scheint gut zu laufen für ihn mit den Russen und den Franzosen. Als Vater könnte ich jetzt natürlich sagen, ist doch gut, dass die Kinder etwas besser können als du. Aber so funktioniert das nicht. Ich werde trainieren. Ich werde besser werden. Und dann logge ich mich ein und zeige es den Jungs. Ganz bestimmt. Vorher muss ich nur noch kurz The Expendables auf iTunes ausleihen. Den gucke ich, mit meinen Kopfhörern auf den Ohren, ganz allein unter alten ausgemusterten Männern.

Kommentare

19 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Warum geht man als Zocking affiner Journalist der Sache dann nicht mal mehr auf den Grund? (Wobei das Durchspielen der Kampagne bei CoD einen nicht gerade als Kenner der Szene auszeichnet.)
Auch ich bin ein leidenschaftlicher Singleplayer höheren Semesters und kapiere nicht, warum ein 15-jähriger nun schon über lange Zeit sich fürs Online Kämpfen in Minecraft begeistern kann.
Das endlose Zocken im MP mit teamspeak und allem Pipapao ist ein Phänomen bei den zumeist männlichen Jugendlichen, was zum Teufel, finden die daran?
Ich hoffe, im nächsten Artikel gibt es dazu Erhellenderes zu Lesen.