Endlich Vintage! Der Nagel auf den Kopf

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A woman holds up a snake during the procession of the statue of St. Domenico in Cocullo. © Alessandro Bianchi

Vor einigen Tagen flatterte der Prospekt einer Krankenversicherung herein, darin fand sich das Bild einer alten Hand, die eine Hantel umklammert. Dünne, braunfleckige Finger – dazu Nagellack. Sehr witzig. War wohl so eine kleine Ermahnung zum Jahresanfang, im Stile von: Du alte Schreckschraube, jetzt mal los! Wo bleiben die guten Vorsätze?

Normalerweise sind Hände, die auf Prospekten Hanteln stemmen, ja fleischig wie eine Sonderzüchtung, die Nägel kurz und dort, wo sie seitlich im Fleisch verschwinden, in Schweiß gelagert. Was also will die Krankenkasse mir sagen mit dem Bild der alten, rot lackierten Krallen? Dass alte Frauen bitte hanteln sollen? Schön hanteln? Trifft dies nur für alte Frauen mit Nagellack zu? Möchte die Krankenkasse nahelegen, dass es geraten wäre, vor dem Hanteln die Nägel zu lackieren, vielleicht, damit das Hanteln nicht zu dürftig aussieht? Wird unterstellt, dass gerade Ladies mit lackierten Nägeln im besonderen Maße befähigt sind, etwas für die Fitness zu tun? Oder gelten sie als besonders fragil und deshalb des Hantelns bedürftig?

Der Nagellack im Alter ist ein unterbelichtetes Vintage-Item. Ich erinnere mich an die Irritation, als meine Mutter in Jahren, die ich damals als alt empfand, plötzlich perlmuttfarben lackierte kleine Nägel hatte. Mama! Meine alte Mutter war damals etwa 50 Jahre alt und pflegte beiläufig zu erwähnen, dass sie sich jetzt so gern beim Friseur, während sie unter der Haube vor sich hinbrütete, "auch gleich die Nägel machen" ließ. Das klang verdächtig. Ein knappes halbes Jahrhundert später begriff ich, dass ich vergessen hatte zu fragen, warum sie also Nagellack wollte. Warum? Weil alte Nägel nichts sind, was man auf einem Bild oder sonst wie in Natur sehen möchte, auch nicht auf dem Prospekt einer Krankenkasse. Weil alte Nägel wie alte Finger und Arme und überhaupt der ganze alte Body merkwürdige Dellen und Rillen kriegen, um über die Färbung mal zu schweigen.

Der Anblick alter Nägel kann einem den Schweiß auf die Stirn treiben. Alte Nägel neigen dazu, die Farbe alter Bücher anzunehmen, eine gelblich-braune Patina, die sich bei alten Büchern, aber nicht bei alten Nägeln gut macht. Alte Nägel dellen und rillen sich, als seien sie in einem quälenden Transformationsprozess befangen, an dessen Ende eine Power-Ranger-Rüstung die Fingerspitzen überwölbt.

Lange Zeit habe ich darüber gerätselt, weshalb so viele ältere Leute gärtnern, warum sie, wenn sie schon gärtnern, ständig ihre Härkchen und Schäufelchen verlegt haben und deswegen gezwungen sind, mit den bloßen Händen im Erdreich zu graben. Bei vielen älteren Menschen sehen die Nägel so aus, als hätten sie nach dem Hand-Gärtnern auch ihre Nagelbürste nicht mehr wiedergefunden, eines der üblichen Früh-Demenzsymptome, weshalb ihre Hände diesen Grabbellook haben wie Charlie Chaplin in The Tramp. Nun, Charly trug über seinen grabbeligen Tramp-Händen natürlich Handschuhe, es war die Zeit der guten Manieren, wo man auch nicht auf den Gedanken gekommen wäre, einen altersfetten Bauchansatz durch eine Trikothose mit dehnbarem Hosenbund zu betonen.

Da heute das Tragen von Handschuhen dem Winter zugeordnet wird, es sei denn, man ist Metzgereiangestellter oder sonstwie medizinisch tätig, wird einem optisch viel zugemutet, was angesichts der Palette von französischen oder italienischen Sommerhandschuhmodellen schade ist. Wir Damen können uns glücklich schätzen, dass es Ridge Filler gibt und für den Oberlack mehr Schattierungen, als der liebe Gott in seiner Schöpfung eingeplant hatte.

Man kann gar nicht genug betonen, wie schön es ist, dass die so viel gescholtene Kosmetikindustrie neben goldperligen Serums gegen Augenfalten und bronzefarbenem Wüstenstaub gegen die Altersbleiche für alte Nägel etwas entwickelt hat, das so herrlich und praktisch ist. Alte Nägel werden mit Ridge Filler fast wieder neu. Als meine Freundin B. mir zum 55. Geburtstag Nagellack schenkte – Chinchillagrau, eine kleine Freundinnen-Bosheit –, begriff ich schnell, dass es wenig Möglichkeiten gibt, es sich in der Vintage-Zone angenehmer zu machen. Es gibt nicht viele Dinge, die sich für diesen Job qualifizieren, ohne behelfsmäßig zu wirken – falsche Zähne, gesund wirkende Schuhe etc. – Nagellack ist ein Premium-Requisit für hübsches Altern. Jeder Name ist ein kleines Versprechen. Pink Diamond. Muchi Muchi. Love me Tenderly. Peach Daiquiri. Meet me at Sunset. Too too hot. Russian Roulette. Cheeky Chops. Dragan Queen. Surrender. Taboo. Bahama Mama. Lovely Beige. Cruising in Miami. Violine Surrealiste. Die Namen eignen sich natürlich auch für ein hübsches Gedächtnistraining.

Mehrere Dinge kommen beim Nagellack zusammen. In diesen Vintage-Jahren ist ja endlich genug Zeit, in Geduld abzuwarten, bis der Unterlack, zwei Schichten Farbe und eine Oberschicht getrocknet sind. Man pinselt und genießt. Man genießt und fühlt sich verschönert. Man hat ein neues Gesprächsthema, natürlich nur mit Frauen, Männer sind dem Thema gegenüber noch nicht aufgeschlossen. Ich konnte neulich in einer Max-Beckmann-Ausstellung eine kleine Plauderei anzetteln mit einer Lady über die Schönheit ihrer sanftgrünen Nägel und mit der Dame an der Rezeption meines New Yorker Hotels über die Trockenzeit von Nagellack der verschiedenen Brands debattieren. Nagellack ist generationenübergreifend. Es ist ein Thema, das mich mit den Töchtern der Nachbarn verbindet, was man nicht bei jedem Thema sagen kann. Gendermäßig ist Nagellack natürlich nicht perfekt, weil er sich dem Gendermainstreaming verweigert und deshalb alte Herren einfach alt aussehen, jedenfalls was die gelblichen Auswüchse an den Zehen- und Fingerspitzen betrifft. Um Nagellack zu verwenden, müsste ein alter Herr ja schon Transgender spielen, aber wer hat dazu in vorgerückten Jahren noch die Energie?

Natürlich lässt sich auch im Alter nicht alles mit "Hot hot Banana" wegpinseln. Die Kombination von Nagellack mit Hanteln, wie im Prospekt der Krankenkasse, hat leider auch eine ernste Seite. Nur mit Nagellack, ohne Hanteln, ist dem Altern nicht beizukommen. Ohne Hanteln und anderes schwere Gerät wird man ab vierzig in einer Geschwindigkeit, welche die meisten zu spät realisieren, tattrig. Und selbst mit Hanteln ist es nicht einfach, einfach jung zu bleiben. Gestern sah ich in der Zeitung das Bild einer alten Japanerin, die ihre Hanteln mit starrem Blick gerade mal auf Busenhöhe gebracht hatte. Ob sie Nagellack trug oder nicht, konnte man auf dem Bild nicht sehen. In dem dazugehörigen Artikel war zu lesen, dass 70 Prozent der 65- bis 74-jährigen Japanerinnen mindestens einmal in der Woche Sport treiben, mit welchem Resultat? Offensichtlich immer noch unbefriedigend. Mit Blick auf die vielen Hundertjährigen in seinem Land soll der japanische Finanzminister Tarō Asō gesagt haben, wer nicht mehr nützlich sei, "solle sich beeilen und sterben". Natürlich nur, um Kosten zu senken! 

Meine liebe Kusine hätte dem japanischen Finanzminister gefallen. Mariechen starb mit 55 an ihrem Brustkrebs – hatte also die Phase des Nicht-Nützlich-Seins erst gar nicht erreicht, sie lag in ihrem Sarg, wunderschön, die Hände gefaltet, und man konnte sehen, sie waren in einem hellen Rosé perfekt lackiert.

12 Kommentare

Wobei ich anmerken möchte, dass die etwas ältere, schon leicht knittrige Damenhand, am besten noch durch jahrelange Solariumbestrahlung verdunkelt, mit anthrazitfarbenem Nagellack etwas zombieeskes bekommt....;-)
Da doch lieber, ab einer gewissen Hautstruktur, ein sattes Rot.

War eine amüsante Lektüre. Mehr aber auch nicht. Sollte es wohl auch nicht.
Ich, selbst 66, kenne einige alte Menschen in meinem Umfeld mit toll lackierten Nägeln, die wegen ihrer Egozentrik weit von einem würdevollen Altern entfernt sind. Meine Mutter, bald 93, keine lackierten Fingernägel, ist hellwach weil sie völlig selbstlos immer noch nur um das Wohlergehen der Familie, der Nachbarn, der Flüchtlinge, ihres Blumengartens usw trotz ihrer alterstypischen Gebrechen besorgt ist. Weil sie ständig in Bewegung ist braucht sie auch keine Hantel. Ganz im Gegenteil, ich muss sie immer wieder bremsen.
Davon gibt es sicher auch eine große Anzahl unter uns, die evntuell nicht angemessen gewürdigt wird.
Das ist für mich würdevolles Altern!

Ach du liebe Zeit

"Man kann gar nicht genug betonen, wie schön es ist, dass die so viel gescholtene Kosmetikindustrie neben goldperligen Serums gegen Augenfalten und bronzefarbenem Wüstenstaub gegen die Altersbleiche für alte Nägel etwas entwickelt hat, das so herrlich und praktisch ist."

Eine Qualitätsjournalistin muss wissen, dass der Plural von "Serum" "Sera" ist. Es ist kein Naturgesetz, dass Nägel mit dem Alter dunkler werden. Verfärbungen sind eher ein Indiz für Krankheiten. Nägel, die nicht jahrzehntelang mit Lösemitteln und Lacken gequält wurden, können im Übrigen "würdevoll altern". Es ist kein Naturgesetz, dass Nägel mit dem Alter dunkler werden. Ich kenne genügend alte Menschen mit schönen, gepflegten Nägeln, die höchstens winzige Längsrillen haben.

Mein Tipp zum Altern in Würde: Wirklich wichtige Dinge tun, d.h. mindestens solche, die die Welt verändern. Dabei den ganzen Tag herumrennen und: am besten mit jemanden, den man jeden Tag neu ganz doll liebt, mhhhhhh!
(Und bei dunkler werdenden Nägeln hilft perfekt: die Oberfläche etwas dünner schleifen, dann werden sie geradezu jugendlich rosa - das können auch etwas altmodischen Männern - kann ich bestätigen. Und viel Nagelöl drauf...)

"Was also will die Krankenkasse mir sagen mit dem Bild der alten, rot lackierten Krallen?"

Die "Lackierung" soll symbolisieren, dass es sich dabei um eine Frauenhand handelt. Der gute Vorsatz richtet sich also explizit an Frauen. "Frau, stemm mal eine Hantel!" Im nächsten Heft soll dann übrigens eine schweißdurchtriefte Hand zwei Stricknadeln halten. Der Vorsatz: "Mann, entdecke deine kreative Seite!"^^

"die Nägel kurz und dort, wo sie seitlich im Fleisch verschwinden, in Schweiß gelagert."
Sehr schön - das hat mir einen Lacher am frühen Morgen beschert :)
Ich bin jetzt bald 50 und fürchte den Tag an dem ich aufwache, und meine Nägel die Farbe alter Bücher haben werden ;)

Ich habe die Aussage dieses Beitrags nicht verstanden. Was ich verstanden habe, es geht wohl nicht darum, wie man in Würde altert, was diese Würde sein könnte und wie man sie sich bewahrt, gesetzt dem Fall, man hatte sie überhaupt jemals.
Achso, ja, der Beitrag war reine Unterhaltung. Wieder drei Minuten Lebenszeit vertan.

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