"Tatort"-Kritikerspiegel Der neue Erzieher

Die junge Rebecca (Gro Swantje Kohlhof) kniet vor der brennenden Leiche ihres Entführers. © SWR/Stephanie Schweigert

Rebecca wurde entführt und zu einer religiösen Fanatikerin erzogen. Der Hölle entkommen, beginnt die nächste: die Freiheit. Ein Bodensee-"Tatort", wie er vermisst wurde.

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Kommissar Perlmann (Sebastian Bezzel) ist in letzter Zeit ein wenig ins Abseits geraten, deshalb schreiben wir ihm mal einen richtig schönen großen Part. Der Schnöselbulle soll in diesem Seelen-Tatort ein Mädchen, das 15 Jahre in der Gefangenschaft eines religiösen Fanatikers verbracht hat, in die normale Welt zurückführen. Eine über Strecken bewegende, aber am Ende etwas zu schlichte Studie über Programmierung und Reprogrammierung.

Lars-Christian Daniels: Da läuft 2013 mit 3096 Tage ein Film über die Entführung von Natascha Kampusch im Kino – und dann wollen ihn in Deutschland nur 144.000 Menschen sehen. Wir erzählen eine ganz ähnliche Geschichte und das Label Tatort wird ihr ein Millionenpublikum bescheren.

Markus Ehrenberg: Kann sich eine religiöse Fanatikerin wie das Wolfskind Rebecca (Gro Swantje Kohlhof) von seinem Glauben distanzieren, wenn der Religionserzieher tot ist und Kernpunkte dieses Glaubens nachweislich falsch waren?

Kirstin Lopau: "Weißt du, woher Kinder kommen?" – "Sie werden geholt." Wieder ein Film, der ein Schicksal wie das der Natascha Kampusch erzählt – eindringlich, brutal, zum Ende hin fast abstoßend. Und das Schlimme ist: Es kann jedes Kind treffen! Ich konnte diesen Tatort kaum ertragen. Ein großartiger, ein schlimmer Tatort!

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 5 Punkte.

Lars-Christian Daniels: Klara Blum (Eva Matthes): 5 Punkte, Kai Perlmann: 7 Punkte.

Markus Ehrenberg: Kommissar Perlmann darf hier im vorletzten Bodensee-Tatort noch mal zeigen, dass er mehr kann als nur den Wagen holen und sich an der Kollegin Blum zu reiben. Für sie scheint der Bodensee-Tatort erfunden worden zu sein, auch wenn es ihn vielleicht schon vor Eva Mattes gegeben hat. Blum: 6 Punkte, Perlmann: 8 Punkte.

Kirstin Lopau: Endlich, endlich mal wieder ein guter Fall mit Blum und Perlmann, jetzt, so kurz vor Schluss. Blum: 8 Punkte, Perlmann: ungewohnt emotional, 9 Punkte.

Unsere Kritiker

Christian Buß ist Kultur-Redakteur bei Spiegel Online und schreibt dort regelmäßig über den Tatort.

Lars-Christian Daniels bespricht für sein Blog Wie war der Tatort? und das Onlinemagazin Filmstarts den Tatort und weitere TV- und Kinofilme.

Markus Ehrenberg ist Medienredakteur beim Tagesspiegel und schreibt dort regelmäßig über den Tatort

Kirstin Lopau ist ZEITmagazin-Leserin und eine der meinungsstarken Kommentatoren bei unseren sonntäglichen Tatort-Diskussionen bei Facebook.

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: "Du weißt das nicht, dass du mir wehtun musst." Ein Satz, der erschüttert. Das Mädchen spricht ihn zu ihrem neuen "Erzieher" Perlmann, der in die Rolle schlüpfen muss, um Zugang zu dem Opfer zu bekommen.

Lars-Christian Daniels: Was Jungschauspielerin Gro Swantje Kohlhof in der Rolle der titelgebenden Rebecca in diesem kraftvollen Krimidrama abliefert, ist ganz großes Tennis. Sie gefiel mir schon 2015 im Bremer TatortDie Wiederkehr und 2013 in Katrin Gebbes Cannes-Beitrag Tore tanzt – und glänzt auch diesmal in jeder einzelnen Szene. Nicht zuletzt ihrem versierten Spiel ist es zu verdanken, dass der anfangs etwas bizarr wirkende Film nicht in die unfreiwillige Komik abdriftet.

Markus Ehrenberg: Alle Szenen mit der exzellenten Hauptdarstellerin Gro Swantje Kohlhof, die im Bremer Tatort schon mal ein traumatisiertes Mädchen gespielt hat und sich hier für einen Filmpreis empfiehlt.

Kirstin Lopau: Klara Blum, sichtlich vom Fall mitgenommen, herrscht einen Verdächtigen an: "Ich hatte nie geglaubt, dass mich in diesem Fall jemand mehr ankotzt als der Täter. Aber Sie haben es geschafft." Die männlichen Verdächtigen spielen überhaupt sehr anschaulich allesamt Kotzbrocken. Sehr überzeugend ist Gro Swantje Kohlhof, die die schwerst traumatisierte Rebecca spielt – eine Meisterleistung! Ebenso gut, weil mal ganz überraschend weich und sensibel, darf diesmal Perlmann sein und dafür kann man den Drehbuchautoren danken, denn diese Seite steht ihm ausgesprochen gut.

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Eva Mattes in der Rolle der Klara Blum bollert mal wieder als Empörungsmaschine durch den Fall – als ob der Zuschauer angesichts des gezeigten systematischen Missbrauchs nicht schon erschüttert genug wäre.

Lars-Christian Daniels: Nachdem Kommissar Perlmann die junge Rebecca heimlich mit ihrer Mutter Katja (Sandra Borgmann) zusammengebracht hat, muss er sich dafür vor Kollegin Blum rechtfertigen. Ihre Antwort: eine schallende Ohrfeige. Man wird das Gefühl nicht los, dass der SWR seinen scheidenden Ermittlern vom Bodensee zum Abschied noch ein zwischenmenschliches Problem andichten will.

Markus Ehrenberg: Fehlanzeige.

Kirstin Lopau: Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass es einem so schwersttraumatisierten Mädchen nach der kurzen Zeit (auch wenn diese mit Perlmann verbracht wird) schon wieder so gut geht wie Rebecca am Ende. Und: Wieso gibt es auf dem Therapiebauernhof nur labbrige dünne Suppe?!

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 6 Punkte.

Lars-Christian Daniels: 7 Punkte – einer der stärksten Fälle aus Konstanz.

Markus Ehrenberg: 8 Punkte. Vielleicht hätte es mehr solcher Stoffe (Buch: Marco Wiersch) für den Bodensee-Tatort bedurft. Keiner Event-Programmierungen mit Heike Makatsch, um es im Südwesten der Republik krimimäßig rocken zu lassen.

Kirstin Lopau: 8, nein, eher 9 Punkte.

Kommentare

5 Kommentare Kommentieren

Das ist sowieso absurd - während jede noch so kleine sexistisch ggf. einzuordnende Geste und jede ggf. verbal als gewalttätig zu interpretierende Wortwahl bei den Männern seziert und als Zeichen für die systematische Frauenverachtung in Filmen angesehen wird, dürfen sich Frauen als komödiantisches Element den Tritt in den Hodenbereich aussuchen, Ohrfeigen wie Kamelle verteilen und offen Sätze wie "na, ist die zuviel Frau für sie? höhö" sagen. Erst jüngst bei "Hustle" - Frau lässt den Mann mal kurz den Verdächtigen zusammenschlagen, setzt den Verdächtigen unter Druck und erpresst ihn, nur um dann mit "muss bitter sein, von einer Frau geschlagen zu werden" abzuschließen als wäre eine solche Situation abhängig vom Geschlecht des Erpressers.

Wenn Vorgesetzte weiblicher Art sich bei den Mitarbeitern unter ihnen mit Ohrfeigen, Sexismus und Gebrüll präsentieren, scheint das noch immer "Cool" zu wirken. Traurig, gerade auch bei Eva Mattes, die außer Berufsbetroffenheit und Gebrüll wenig zu bieten hatte.

Zum Frösteln war Klaus Manchen als Vater/Mittäter; in der Verhörszene wäre wirklich mehr drin gewesen.
Leider schreibt das Drehbuch Frau Mattes wieder einmal die dauerbetroffene, empörte und entsetzte Kommissarin vor.
Die penetrante Überidentifikation mit den Opfern war allerdings seit jeher ein Problem dieser Figur.
Auch dass Perlmann immer noch geduzt wird, während er die Chefin siezen muss, war eine der Konstanzer Merkwürdigkeiten.
Wer jetzt aber auf Sherry Hormans Film über Natascha Kampusch verweist, der vergleicht Äpfel mit Birnen. Hier die Geschichte einer Gefangenschaft - dort ein Plot, der sich mit dem 'Danach' beschäftigt.
Meine Empfehlung: '3096 Tage' anschauen, nicht weil der Film durchweg gelungen wäre -
sondern weil der begnadete Michael Ballhaus ein letztes Mal vor seiner Erkrankung die Kamera geführt hat.
Wie er das Gefühl der Gefangenschaft und der Ausweglosigkeit einfängt, das ist bezwingend und lässt die kleinen Schwächen der Darsteller und des Drehbuchs vergessen.