Wir müssen reden Wie wichtig ist die Penisgröße für die Frau?

ZEITmagazin Online: Woran denkt eine Frau während ihres Orgasmus?

Ulrich Clement: Es gibt nichts, woran sie nicht denken könnte – von "das wundervollste Erlebnis meines Lebens" bis hin zu "hoffentlich ist es bald vorbei".

ZEITmagazin Online: Das kann sie tatsächlich auch bei ihrem eigenen Höhepunkt denken?

Clement: Oh ja. Ein Orgasmus ist nicht immer die grandiose Ganzkörpervibration. Es gibt auch den mickrigen Orgasmus, der zwar physiologisch und rein funktionell stattfindet, aber nur ein banales Gefühl hinterlässt. Der Orgasmus bleibt dabei gewissermaßen an der genitalen Peripherie. Es fehlt das Ergriffensein. Wobei dies das Erleben und nicht das Denken betrifft. Denken kann die Frau dabei an alles. Sogar an die Einkaufsliste.

ZEITmagazin Online: Denken und weiblicher Orgasmus sind also nicht getrennt?

Clement: Auch wenn das Gerücht umgeht, dass man beim Orgasmus an gar nichts mehr denkt, sondern nur noch fühlt, ist dem nicht so. Die Gedanken treten höchstens für die wenigen Sekunden des Höhepunkts hinter das körperliche Erleben zurück. Es ist allerdings auch ein schöner Moment, wenn das reine Körpergefühl in den Vordergrund rückt.

ZEITmagazin Online: Das ist schon auch bei Frauen so?

Clement: Ja. Aber man muss dazu sagen, dass im Vergleich zu Frauen Männer sich in ihrem Orgasmusmuster untereinander stärker ähneln. Die meisten haben während des Verkehrs einen Orgasmus, die wenigsten haben einen multiplen Orgasmus, der ist äußerst selten bei Männern. Unter Frauen gibt es beide Extreme, und zwar durchaus häufig. Viele Frauen haben während des Verkehrs keinen Orgasmus, nicht wenige können mehrfache haben. Deshalb ist es schwieriger als bei Männern, Aussagen zu treffen, die auf alle Frauen zuträfen.

ZEITmagazin Online: Nun, immerhin sagten 94 Prozent in einer Umfrage unter 1.000 Frauen zwischen 18 und 85 zum Thema weiblicher Orgasmus, dass es ihnen nicht auf die Größe des Penis ankommt.

Clement: Das bedeutet aber auch, dass für immerhin sechs Prozent die Größe wichtig ist.

ZEITmagazin Online: Dabei wollte ich mit dem Zitieren der Umfrage gerade den Druck rausnehmen – Männer, macht euch nicht verrückt, darauf kommt es nicht an.

Clement: Es galt lange das Gerücht, die Penisgröße sei unwichtig. Das ist in dieser Absolutheit aber ebenso falsch, wie wenn man sagte, sie sei total wichtig. Es gibt Frauen, für die ist die Größe relevant, und das sind offenbar sechs Prozent. Diese Frauen haben genauso recht wie die 94 Prozent, für die das keine so große Rolle spielt. Die Relevanz von Größen entspringt übrigens nicht nur westlichem Leistungsdenken. Im Kamasutra wird sowohl zwischen unterschiedlichen Penisgrößen – Hase, Stier, Hengst – unterschieden als auch nach Vaginalgrößen – Elefantenkuh, Stute, Gazelle. Und für jede anatomische Kombination gibt es bestimmte Passungen.

ZEITmagazin Online: Im Gegensatz dazu scheinen sich bei uns vor allem Männer mit Fragen nach Größe, Umfang und Beschaffenheit ihres Genitals zu beschäftigen.

Ulrich Clement

Prof. Dr. Ulrich Clement ist systemischer Paartherapeut und Sexualforscher. Sein Buch Think Love. Das indiskrete Fragebuch erschien 2015 bei Rogner & Bernhard, gerade hat er Dynamik des Begehrens im Carl-Auer Verlag veröffentlicht. In Heidelberg betreibt Ulrich Clement eine Privatpraxis für Coaching, Paar- und Sexualtherapie.

Clement: In der Tat hat die eigene genitale Anatomie für Frauen lange nicht die überdimensionierte Bedeutung, die sie für Männer hat. Wobei unter jüngeren Frauen das Aussehen etwa der Schamlippen inzwischen eine gewisse Rolle spielt.

ZEITmagazin Online: Der Berufsverband der deutschen Frauenärzte sieht bei vielen Frauen zumindest Bedenken, was das Aussehen oder die Größe ihrer Vagina angeht.

Clement: Das ist aber neu und ich halte es nach wie vor für eine Modeerscheinung, getriggert durch die größere Sichtbarkeit aufgrund von Intimrasur. Angst vor einer zu großen Vagina haben vor allem Männer, das ist bekannt als Lost-Penis-Syndrom.

ZEITmagazin Online: Mich hatte dennoch die geringe Zahl von sechs Prozent der Frauen, die Größe für relevant halten, überrascht, gerade weil das Thema in der männlichen Wahrnehmung so präsent scheint.

Clement: Nun, so überraschend ist es eigentlich nicht, dass für die meisten Frauen der Mann, der am Penis dranhängt, wichtiger ist, als der Penis, der am Mann dranhängt.

ZEITmagazin Online: Womit wir bei den 94 Prozent sind ... Offensichtlich kommt es auf dem Weg zum weiblichen Orgasmus Frauen auf ganz viel anderes an. Fangen wir etwa mit dem Geruch an. Der ist laut einer Studie der Berliner Charité für die meisten Frauen das Wichtigste.

Clement: Geruch ist zunächst etwas Physiologisches, spielt aber auch eine große metaphorische Rolle. Wie gut kann ich den Partner riechen? Wie sehr geht er auf mich ein? Das eigentlich Entscheidende ist die Interaktion. Man kann deshalb mit Sicherheit sagen: Wenn einer Frau der Geruch des Mannes nicht passt, kann er alles andere vergessen. Allerdings gilt ebenso: Wenn der Geruch passt, ist noch lange nicht alles gewonnen.

ZEITmagazin Online: Kurz vor Jahresende ging die amerikanische Website OMGyes online – das steht für "Oh my god, yes!", und das Team aus Wissenschaftlern, Designern, Erziehern hat sich zum Ziel gesetzt, ein für alle Mal Männern und auch Frauen zu erklären, wie der weibliche Orgasmus funktioniert – inklusive Übungen per App. Besteht dafür heute noch Bedarf? Mangelt es tatsächlich an technischem Wissen? 

Clement: Man kann das als Mangel auffassen. Dabei geht man davon aus, dass ein Bedarf besteht, weil die Leute etwas nicht gut können und jetzt dank dieser Seite aufgeklärt werden. Das ist eine alte sexualpädagogische, mangelorientierte Lesart. Ich würde es anders verstehen, als Spiel. Sex ist ein Optionenfeld, auf dem man Verschiedenes ausprobieren kann – auch Dinge, auf die man nicht immer gleich von selbst kommt. Als Mann muss ich mich sowieso von einer rein mechanischen Herangehensweise lösen und schauen, ob das, was ich tue, in dem Moment für die Partnerin passt. Es gibt nicht den ultimativen Streichelwinkel, der immer stimmt. Er hängt von der Frau und von der Situation ab. Das ist auch gut so, denn sonst wäre ja nichts Individuelles mehr im Spiel, man könnte nichts mehr erkunden und herausfinden.

ZEITmagazin Online: Gleichzeitig spiegelt so eine Website wider, was Sie vorhin schon angesprochen haben: Dass es unter Frauen beim Erleben eines Orgasmus eine größere Diversität gibt und dass der Vorgang ziemlich komplex und in seiner Bandbreite weiter ist als unter Männern.

Clement: Der weibliche Orgasmus ist weniger vorhersagbar und funktioniert weniger linear als der männliche, gewissermaßen schrittweise: Man geht gemeinsam einen Schritt auf ihn zu und dann geht es entweder weiter oder auch nicht. Die Frau prüft sozusagen immer, ob sie Ja sagt, oder an einem bestimmten Punkt Nein – und dann vielleicht doch weiter macht. Das kann Männer verrückt oder sogar aggressiv machen. Wenn die nämlich A sagen, denken sie dann auch B und danach C. Aber das Besondere an der weiblichen Erotik ist gerade dieses genaue Hinschauen beziehungsweise Hinfühlen. Bei Frauen kommt es immer darauf an. Nach A kommt vielleicht B, vielleicht aber auch nicht, sondern X.

ZEITmagazin Online: Wenn der Weg zum weiblichen Orgasmus so knifflig ist, dann bitte ich Sie als Sexualtherapeuten jetzt einfach mal um Rat für Ihre Geschlechtsgenossen.

Clement: Ganz schön schwierig, in der Tat. Nehmen wir zum Beispiel die Klitoris: Einfühlsames Berühren kann grundsätzlich zum Orgasmus führen, hingegen kann falsches Berühren, oder das richtige Berühren zum falschen Zeitpunkt, jede Erregung zum sofortigen Erliegen bringen. Männer können jetzt die Augen verdrehen und denken: Das schaffe ich nie! Oder aber sie begreifen es als interessante Erkundungstour, bei der sie ihre Partnerin kennenlernen, entdecken können und feststellen, dass sie nicht immer so ist, wie sie ist. Heute möglicherweise anders als gestern und anders als morgen. Eigentlich ist das eine schöne Perspektive, wenn man nicht immer weiß, wie sie funktioniert und wie sie auch die restlichen Monate oder Jahre, die ich mit ihr zusammen sein werde, funktionieren wird.

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