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"Tatort"-Kritikerspiegel Und sie lieben sich doch. Beinahe.

So viel Stoff war selten: Ein heißer Sommer, ein verschwundenes Kind, ein toter Manager, ein alter Fall und (fast) eine Liebesszene zwischen den beiden Ermittlern.

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Lasst uns einen Krimi schreiben, bei dem alle Charaktere ihre Rollen vertauschen und am Ende doch mit der bitteren Wahrheit konfrontiert werden. Bei diesem Fall um ein möglicherweise vertauschtes Kind und einen ermordeten Manager geht das Konzept perfekt auf. Großes Dialog- und Blick-Kino mit besonders grimmigen Ermittlern.

Lars-Christian Daniels: Fabers (Jörg Hartmann) Erinnerungen an seine verstorbene Familie. Seine Zweifel an den eigenen Fähigkeiten. Kossiks aufkeimende Alkoholsucht. Bönischs (Anna Schudt) Sehnsucht nach ihrem Sohn. Eine Annäherung zwischen Faber und Bönisch. Eine Annäherung zwischen den Oberkommissaren Kossik und Dalay. Ein Disziplinarverfahren, ein Psychologe, zwei Faustschläge: Das alles erzählen wir ihnen ganz nebenbei. Weil es so ungemein unterhaltsam ist.

Kurt Sagatz: Wenn wir befürchten müssen, dass unseren Kindern etwas zugestoßen ist, verlieren viele gesellschaftliche Konventionen schnell ihre Bedeutung – nicht nur an superheißen "Hundstagen" in Dortmund. Wer kann dann noch sagen, wie er sich verhalten würde, wenn er sein Kind verliert? Der neue Tatort aus Dortmund ist darum auch mehr Drama als Krimi – und darum wieder einmal besonders sehenswert.

Kirstin Lopau: "Es sind Hundstage in Dortmund. Die Stadt glüht." Vor dieser schwülen Kulisse unterlegt mit ebenso heißen Reggae-Akkorden rollen die Drehbuchautoren einen Fall von vor 14 Jahren auf, Bönischs ersten Fall, und da wären wir auch schon bei der Bedeutung des Ganzen: Wir alle und besonders unsere Dortmunder Freunde entkommen der Vergangenheit nicht, egal, wie sehr wir versuchen, sie zu verdrängen.

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 9 Punkte.

Lars-Christian Daniels: Faber: 10 Punkte, Bönisch: 10 Punkte, Dalay: 7 Punkte, Kossik: 6 Punkte.

Kurt Sagatz: Die vier aus Dortmund überzeugen auch in Ausnahmesituationen: 8 Punkte.

Kirstin Lopau: Faber, noch kaputter als sonst und deshalb zumindest am Anfang unausstehlich, dennoch wie immer brillant gespielt: 9 Punkte; Bönisch steht ihm diesmal in nichts nach, ist nur viel verträglicher (und kann die Nationalhymne rülpsen): 9 Punkte; Kossik entwickelt sich zum Ekelpaket, langsam, aber es wird: 8 Punkte; einzig Dalay tritt diesmal etwas in den Hintergrund: 7 Punkte.

Unsere Kritiker

Christian Buß ist Kultur-Redakteur bei Spiegel Online und schreibt dort regelmäßig über den Tatort.

Lars-Christian Daniels bespricht für sein Blog Wie war der Tatort? und das Onlinemagazin Filmstarts den Tatort und weitere TV- und Kinofilme.

Kurt Sagatz ist Medienredakteur beim Tagesspiegel und schreibt dort regelmäßig über den Tatort.

Kirstin Lopau ist ZEITmagazin-Leserin und eine der meinungsstarken Kommentatoren bei unseren sonntäglichen Tatort-Diskussionen bei Facebook.

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Die Ehefrau am Obduktionstisch, auf dem die Leiche ihres ermordeten Mannes liegt: "Was soll ich denn tun? Gibt es irgendeine Vorschrift, an die ich mich halten kann? Was macht man, wenn der eigene Mann da liegt?" Ein Moment unaufgeregter Grausamkeit. Viel effizienter als die Standardzusammenbrüche in anderen Krimis.

Lars-Christian Daniels: "Besser nicht." – Als sich Peter Faber und Martina Bönisch nach dem dritten Dosenpils in Fabers Saab näherkommen, zieht der exzentrische Hauptkommissar in letzter Sekunde die Reißlinie. Um kurz danach auf demselben Autositz eine Pommesbudenbedienung zu vernaschen. Und wieder die Reißlinie zu ziehen. Man muss ihn einfach mögen.

Kurt Sagatz: Christian Jeltsch, der Autor des Drehbuchs, hat mit den Dialogen Schwerstarbeit geleistet: Der Ausspruch "Mitleid ist die Vorstufe zum Gnadenschuss" von Hauptkommissar Peter Faber bringt den Wahnsinn im Dortmunder Ermittlerteam mit einem einzigen Satz auf den Punkt.

Kirstin Lopau: Ausgesprochene Lieblingsszenen hatte ich zwei: Fabers Auftritt beim Psychotherapeuten ("Ihr habt doch alle einen an der Waffel!") und der schöne Zweikampf, der sich daraus ergibt. Fragt sich, wer hier seinen Meister gefunden hat. Aber auch ein Dialog zwischen Bönisch und Faber ist besonders: Faber denkt, er habe des nachts die Mörderin und nicht das Opfer vor dem Ertrinken gerettet, und zweifelt übelstlaunig an sich und der Welt. Bönisch: "Es war Nacht, Faber, Sie sind kein Hellseher." Faber: "Ja, Danke schön, ich brauche kein Mitleid. Das ist die Vorstufe zum Gnadenschuss." Bönisch: "Das ist kein Mitleid, das ist Logik. Aber wenn Sie 'nen Gnadenschuss wollen – Peng!" (hält ihm zwei Finger an die Schläfe und drückt symbolisch ab). Ich gestehe: die Dortmunder werden immer mehr zu meinem Lieblingsteam (Entschuldigung, Kommissar Stedefreund!), weil sie eben kein Team sind und sich trotzdem immer irgendwie zusammenraufen. Diesmal geht es Faber und Bönisch gegen Dalay und Kossik, mit amourösen Zurückweisungen in beiden Zweierkonstellationen, so dass Jane Austen ihre wahre Freude daran hätte.

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Dass bei dem Fall um das umstrittene Kind immer wieder auf die Abtreibung von Kommissarin Dalay angespielt wird, ist dann irgendwann doch ein bisschen penetrant. Schwangerschaft abgebrochen, Trauer um möglichen Nachwuchs verstanden, Botschaft angekommen!

Lars-Christian Daniels: Einen wirklich peinlichen Moment gibt es nicht – aber Kossiks feuchtfröhliche Kneipengänge nach Feierabend hätten sich die Filmemacher angesichts der zahlreichen Nebenkriegsschauplätze auch noch gut für den nächsten Dortmunder Tatort aufsparen können.

Kurt Sagatz: Peter Faber und seine Kollegin Martina Bönisch nutzen Rollenspiele, wenn sie bei Lösung eines Falles nicht mehr weiterkommen. Das scheint bei den beiden zu funktionieren, doch müssen deshalb auch die jungen Kollegen Nora Dalay und Daniel Kossik damit anfangen?

Kirstin Lopau: Maren Eggert, die Fast-Ehefrau von Kommissar Borowski taucht hier als verzweifelte Mutter auf, deren Kind vor 14 Jahren verschwand – und ich sehe immer nur die Verlobte von Borowski vor mir. Für mich nicht gut besetzt. Ach, und die Sitzsituation beim Therapeuten: Hat man das jetzt so?

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 9 Punkte.

Lars-Christian Daniels: 7 Punkte.

Kurt Sagatz: Ein Fall mit Tiefgang und nicht vorhersehbarem Ausgang: 8 Punkte.

Kirstin Lopau: 8 Punkte.

Kommentare

5 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Dank Jörg Hartmann das zur Zeit beste Tatort-Team.
Hartmann spielt den Faber so gut, es ist eine wahre Freude, ihm dabei zuzusehen.
Der Rest des Teams ist auch sehr gut besetzt, da passt alles.
Die Geschichten sind interessant und gut ins Bild gesetzt.
Gute Unterhaltung am Sonntagabend, da können viele andere Teams trotz Grimme Preis Trägern nicht mithalten.

Wie bei all diesen seltsamen deutschen Produktionen, die sich Tatort nennen, stehen einmal mehr die Ermittler mit ihren persönlichen Problemchen im Vordergrund. Wenn das "großes Kino" ist, dann schau ich lieber was anderes... In der Tat ist die "Sendung mit der Maus" immer noch spannend und interessant - auch für Erwachsene! Und das mein ich jetzt voll im Ernst...
Ansonsten sollte man diese GEZ-Zwangsgebührenbezahlten Produktionen endlich einstellen...