© SR/Manuela Meyer

"Tatort"-Kritikerspiegel Schau mich an, wenn ich mit dir rede

Kommissar Stellbrink taucht in die Welt der Gehörlosen ein. Er lernt, dass Gebärdensprache nicht vor Verbrechen schützt und man nicht hören muss, um tanzen zu können.

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Gehörlos meint nicht sprachlos: Eigentlich soll dieser Krimi aus der Welt der Gehörlosen wohl die vielen Ausdrucksmöglichkeiten zwischen Lippenlesen und Gebärdensprache ausdrücken – und doch wirkt die Pädagogik schwerfällig und unfreiwillig komisch. Gut gemeint kann richtig schlimm sein.

Lars-Christian Daniels: "Taubstumm sagt man nicht. Das ist genauso diskriminierend wie Zigeuner oder Neger", verbessert die neue Komissaranwärterin Mia Emmrich (Sandra Maren Schneider) den verdutzten Hauptkommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow) schon beim ersten gemeinsamen Einsatz. Das Bemühen der Filmemacher, mit Vorurteilen gegenüber Gehörlosen aufzuräumen und dem Publikum deren Welt und Wahrnehmung näherzubringen, ist von Beginn an spürbar. Spannung und Charakterzeichnung bleiben dabei aber auf der Strecke.

Joachim Huber: Gebärdensprache schützt vor Verbrechen nicht.

Kirstin Lopau: "Wir Großen haben ja manchmal ein Problem damit, wenn das Leben zu geregelt abläuft." Deshalb geht man vielleicht als zweifacher Familienvater fremd, deshalb nimmt frau als Geliebte vielleicht Amphetamine beim Sex, deshalb weigert man sich als Gehörloser vielleicht, sein Hörgerät weiter zu benutzen, und deshalb kommt man vielleicht als fast unbescholtener Bürger darauf, jemanden zu erpressen. Ein Tatort aus der Welt der Gehörlosen, über Benachteiligung und Bevorzugung, über Vor- und Nachteile des Lippenlesens und über die ganz normalen Abgründe in Familien.

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 1 Punkt.

Lars-Christian Daniels: 3 Punkte.

Joachim Huber: Hauptkommissar Jens Stellbrink: 7 Punkte.

Kirstin Lopau: Stellbrink zum Glück diesmal nicht so klamaukig, deshalb 7 Punkte. Nettes Team um ihn herum, auch 7 Punkte.

Unsere Kritiker

Christian Buß ist Kulturredakteur bei Spiegel Online und schreibt dort regelmäßig über den Tatort.

Lars-Christian Daniels bespricht für sein Blog Wie war der Tatort? und das Onlinemagazin Filmstarts den Tatort und weitere TV- und Kinofilme.

Joachim Huber ist Ressortleiter Medien beim Tagesspiegel.

Kirstin Lopau ist ZEITmagazin-Leserin und eine der meinungsstarken Kommentatoren bei unseren sonntäglichen Tatort-Diskussionen bei Facebook.

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: "Ohren werden doch eh überbewertet!" Ein wunderbarer Satz, im Tatort in Gebärden gesprochen von einer stolzen gehörlosen HipHop-Tänzerin und dann für die Ermittler und das hörende Fernsehpublikum durch eine Übersetzerin in Laute gefasst.

Lars-Christian Daniels: Hip-Hop-Queen Missy Elliott mochte ich schon immer. Deswegen schlägt mein Herz auch höher, wenn ohne Vorwarnung aus einer Zwei-Kubikmeter-Box She's a bitch wummert und die Tanztruppe der rothaarigen Powerfrau Kassandra (Kassandra Wedel) dazu eine heiße Sohle aufs Parkett legt. Und was macht Stellbrink, der alte Kostverächter? Hält sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Ohren zu. In diesem Leben werden wir keine Freunde mehr.

Joachim Huber: Der Blick aus des Kommissars Wohnung über Saarbrücken im Sonnenuntergang.

Kirstin Lopau: Davon gibt es zwei: In der Eingangsszene wird parallel der Leichenschmaus nach einer Bestattung und das Stelldichein von Mann und Frau gezeigt. Während die einen sich bei Zwetschgenkuchen an den Verstorbenen erinnern, bringen sich die anderen mit Amphetaminen auf Touren. Beides endet nicht so gut. Szene zwei: auf dem Präsidium frotzelt das Team miteinander. Stellbrink zu Hauptmeisterin Emmrich: "Dumm rumstehen und intelligent gucken, reicht nicht, wenn man Kommissarin werden will." Kollegin Marx danach zu ihr: "Mia, denk dran: Das ist nur dein Einweisungsbeamte und nicht der liebe Gott." Das Team untereinander hat mir diesmal gut gefallen.

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Kommissar Stellbrink pfeift einen Gehörlosen zusammen, weil er die Klingel der Haustür nicht gehört hat. Müssen wir mehr sagen?

Lars-Christian Daniels: Der rollerfahrende Hauptkommissar mit dem eigenwilligen Helm macht sich mit schalldichten Kopfhörern auf den Weg ins Präsidium, um die Wahrnehmungen gehörloser Menschen authentisch nachempfinden zu können: Hier entwickelt sich der fünfte Tatort aus Saarbrücken vorübergehend vom ambitionierten Aufklärungskrimi zurück zur seichten Klamotte. Ging schon bei den ersten beiden Fällen Melinda und Eine Handvoll Paradies furchtbar in die (Wickel-)Hose.

Joachim Huber: Verdächtiger Holzhändler sagt zur attraktiven Kommissarin, dass bei ihm immer alles hart sei.

Kirstin Lopau: Musste Stellbrink am Ende knutschen?

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 2 Punkte.

Lars-Christian Daniels: Knappe 4 Punkte.

Joachim Huber: Ehrliche sechseinhalb Punkte.

Kirstin Lopau: 6 Punkte.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Diskutieren Sie mit.