Emoji Rolle vorwärts

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Der augenrollende Smiley ist der beliebteste Emoji-Newcomer. In Zeiten, da aus emotionalen Nuancen sofort ein Shitstorm entstehen kann, ist er ein Punkt der Hoffnung. Von

Wer in der Informationsflut des Internets noch auffallen will, muss laut sein. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Opa statt Postkarten zum Geburtstag nun Romane aus Emojis schickt. Im Herbst 2015 erschien das letzte Emoji-Update für iOS, und der vom Internet und seinen Bewohnern lang erwartete Taco und ein puscheliger Löwe erblickten das gleißende Licht des Handydisplays. Ebenfalls im Update enthalten: der augenrollende Smiley. Und genau dieser hat sich als beliebtester Smiley aus dem neuen Emoji-Set durchgesetzt.

Was sagt das über uns? Während wir im analogen Leben das Augenrollen vor allem als theatralische Geste anwenden, die uns sichtbar vom Gegenüber distanziert, kommt der Smiley sanft und unaufgeregt daher. Zwischen all dem digitalen Tätärätä duckt sich das stille Augenrollen beinahe weg – und scheint damit einige Anhänger zu finden. Im gleichen Emoji-Set veröffentlicht wurde auch der zweifelnde Denker, der sich vor Skepsis mit der Hand am Kinn krault. Für 2017 geplant: der Smiley mit hochgezogener Augenbraue. Wollen uns Emoticons unterschwellig zum digitalen Innehalten anhalten? Zur Mäßigung? Zum Nachdenken? Zur Selbstreflexion etwa?

Denn noch gilt ja: Nur wer drei empört blinkende Gifs auf Facebook postet, hat sich heute wirklich (!!!) über eine banale Alltäglichkeit geärgert. Und nur unter Verwendung aller zur Auswahl stehenden Herz-Kuss-Kuschel-Smileys meint ein potenzieller Partner es tatsächlich ernst. Gleichzeitig wird aus emotionalen Nuancen im Netz gleich ein ganzer Shitstorm und aus einer leichten Verstimmung aus Versehen ein Hasskommentar. Passiert. Kein Wunder also, dass der Internetbewohner eine Auszeit von sich selbst braucht. 


Denn die Hitparade der Mondgesichter wird auch weiterhin von jenem Smiley angeführt, der dem Internet am nächsten und vom Alltag am entferntesten ist: jenem, der vor Lachen weint. Die Sirene unter den Emoticons. Das analoge Äquivalent dazu passiert ja, wenn’s hochkommt, ungefähr dreimal im Jahr. Äußerlich erkalten, aber auf der Tastatur, da glühen die Emotionen!

Das Internet ist offenbar noch nicht bereit für Zwischentöne. Auch auf Facebook soll es bald kleine Smileys geben, die das blaue Like ergänzen. Im Repertoire: Freude, Beifall, Liebe, Trauer, Wut. Das war’s. Und schon jetzt beschweren sich erste User über die Vielfalt von Bildern, aus denen sie zukünftig wählen können: "Wie sollen wir uns denn da entscheiden???" Ja, vielleicht gar nicht? Der Internetnutzer möchte die Welt so einfach, wie sie ihm gefällt – und am liebsten mit maßgeschneiderten Emoticons, manche drei, andere dreitausend. Es ist zum Augenrollen.

Was im analogen Leben noch als Arroganz gilt, ist im Netz eine seltene Wohltat: augenrollen, weiterziehen. Keinen Gedanken verschwenden, keinen weiteren Klick. Doch in Zeiten Schweiger'scher Ausrufezeichenkaskaden wird es der augenrollende Smiley schwer haben. Er ist und bleibt der Underdog auf der Handyklaviatur, das stille Kopfschütteln in Zeiten hysterischen Geplärrs, ein kleiner gelber Punkt der Hoffnung.

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