Gesellschaftskritik Eltern außer Kontrolle

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Kürzlich postete Madonna auf ihrem Instagram-Account ein Foto ihres fünfzehnjährigen Sohns Rocco. Das Bild ist schon etwas älter, Rocco hat da noch keinen rasierten Kopf, sondern seine langen blonden Locken leuchten in der Sonne. Um seinen Hals baumelt eine Kette aus Löwenzahnblüten. Darunter schreibt Madonna: "I miss this boy so full of life so full of love". Nun vermissen viele Eltern das jüngere Ich ihrer Kinder – auch gerne mal öffentlich –, wenn diese zu pubertieren beginnen. Sie fragen sich, wer über Nacht eigentlich den kleinen Engel gegen ein pickliges Trotzpaket getauscht hat, das nicht mehr mit ihnen spricht.

Aber um diesen Fall von Vermissen handelt es sich bei Madonna nicht. Sie liegt seit einiger Zeit im Sorgerechtsstreit mit ihrem Ex-Mann Guy Ritchie, dem Vater von Rocco. Bei ihm in London möchte Rocco viel lieber wohnen, statt mit seiner Mutter um die Welt zu touren. Das kann Madonna anscheinend nicht auf sich sitzen lassen und postet deshalb auf Instagram dauernd alte Fotos von Rocco, von sich und ihm oder von ihm und seinen Geschwistern.

Wenn Eltern und Social Media aufeinandertreffen, wird das für Kinder oft peinlich. Zum einen haben Eltern einen unerschöpflichen Vorrat an Fotos von ihren Kindern, und dieser Vorrat reicht ungünstigerweise viele, viele Jahre zurück. Zum anderen finden Eltern immer alles von ihren Kindern toll, auch und vor allem Fotos. Deshalb haben sie diese schon im analogen Zeitalter gern rumgezeigt ("Schau mal, wie gut dem Dicki dieser selbst gestrickte Pulli stand!"), was für Teenager schlimm war, aber entweder sofort unterbunden werden konnte oder in Abwesenheit geschah. Seit es Social Media gibt, sind diese beiden Grenzen leider aufgehoben. Man kann davon ausgehen, dass auch in Zukunft neue Social-Media-Plattformen allein deshalb erfolgreich werden, weil Kinder neue Inseln im Internet brauchen, auf denen sich ihre Eltern noch nicht auskennen. Es gibt viele Leitfäden für Eltern, wie sie ihren Kindern einen verantwortungsvollen Umgang mit den Sozialen Medien beibringen können. Doch wenn man sich anschaut, was Eltern über ihre Kinder im Netz preisgeben, dann ist es wirklich an der Zeit, dass die Kinder mal einen Leitfaden für ihre Eltern schreiben.

Rocco hätte zu diesem Leitfaden einiges beizutragen: Nein, Mama, es ist nicht witzig, wenn du ein Foto von mir mit deinen sechs Millionen Instagram-Followern teilst, auf dem ich in Badehose von der Seite zu sehen bin, und es mit dem zweideutigen Hashtag "#nosausage" versiehst. Es ist nicht okay, dauernd Fotos aus meiner Kindheit zu posten und darunter zu schreiben, wie schön doch alles war, um mich öffentlich unter Druck zu setzen. Es ist nicht fair, wenn du unter alte Familienfotos schreibst, dass man sehr wohl Popstar und eine gute Mutter sein kann, um mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Und es ist total peinlich, wenn du mich fotografierst, während ich neben meiner neuen Flamme Anaïs sitze, der Tochter von Noel Gallagher, und augenzwinkernd drunter schreibst: "Go away, Mum!".

Verzeihung, da ist uns ein Fehler unterlaufen: Das letzte Beispiel stammt gar nicht von Madonna, sondern ist dem Instagram-Account der Mutter von Anaïs entnommen. Dieser Leitfaden wird wirklich dringend gebraucht.

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