Roger Willemsen: Er interssierte sich für alles, weil alles wichtig war. © Jens Kalaene / dpa

Roger Willemsen Immer zu früh

Er konnte mit dem Ernsten unterhalten und das Unterhaltende ernst nehmen. Das war nur eines seiner vielen Talente. Nun ist Roger Willemsen gestorben. Von

Roger Willemsen war immer zu früh dran. Wenn man mit ihm einen Abgabetag für seine Kolumne vereinbart hatte, zum Beispiel einen Freitag, dann schickte er den Text bereits Donnerstag, manchmal auch Mittwochabend, obwohl er sich vorher sicher war, dass er den Freitag in keinem Falle schaffen würde. "Montag", schrieb er dann manchmal in einer seiner Mail, "frühestens." Ach, und wenn es erst am Dienstag gewesen wäre.

Fünf Jahre lang hat Roger Willemsen seine Jahreszeitenkolumne für das ZEITmagazin geschrieben, in den letzten drei Jahren war ich sein Redakteur, er schrieb mir Mails, ich schrieb zurück. In den Mails ging es um Abgabetermin und Längenwünsche (Roger Willemsen lieferte nicht nur zu früh – seine Texte hatten auch immer die exakte Länge) und manchmal ging es auch um andere Dinge. Aber es ging nie darum, wie glücklich wir in der Redaktion darüber waren, dass er für uns schrieb. Willemsens Jahreszeiten, im Frühling, im Sommer, im Herbst und im Winter, vier Seiten im ZEITmagazin, an denen es nichts zu rütteln gab. In keiner Mail habe ich Roger Willemsen geschrieben, dass ich ein Fan von ihm war, seit vielen Jahren schon. Seit dem November 1993.

Damals hatte er beim damaligen Pay-TV-Sender Premiere eine Interviewreihe, Willemsen – das Fernsehgespräch, und im November 1993 war sein Gast der Modemacher Wolfgang Joop. Ich erinnere mich, wie ich damals dachte, dass ich noch nie zwei Menschen im Fernsehen gesehen hatte, die so ernsthaft und gleichzeitig unterhaltend miteinander sprachen. Denn das war eine der großen Künste von Roger Willemsen: mit dem Ernsten zu unterhalten und das Unterhaltende ernst zu nehmen. Eine Kunst, mit der er im deutschen Fernsehen eigentlich zu früh dran war – so wie mit seinen Kolumnen.

Aber wie kann einer, der so vieles machte, mit allem zu früh dran sein? Willemsen, der in Bonn geboren wurde, studierte Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in seiner Heimatstadt und in Florenz, München, Wien. Nebenbei arbeitete er als Nachtwächter, Reiseleiter, Museumswärter. Er promovierte über die Dichtungstheorie von Robert Musil. Seine Habilitationsschrift über Selbstmord in der Literatur beendete er nicht. Er arbeitete als Übersetzer, er schrieb, er war Assistent für Literaturwissenschaften an der Uni München, er ging nach London und berichtete von dort als Journalist, 1991 ging er zum Fernsehen, zunächst zu Premiere, 1994 dann zum ZDF. Er konnte sich mit dem Schauspieler John Malkovich unterhalten, mit Jassir Arafat, Madonna und mit einem Kannibalen. Weil er sich für alles interessierte, weil für ihn alles wichtig war. Er schrieb einen bitterbösen Text über Heidi Klum und spielte in der tollen Sitcom Pastewka in zwei Folgen sich selbst.

Er machte Radio, Jazz war seine Leidenschaft, und er schrieb Bücher, die zu Bestsellern wurden, zuletzt Das Hohe Haus – ein Jahr im Parlament. Manche nannten ihn einen Intellektuellen – er machte sich Gedanken zu allem und nannte als seinen Beruf "Autor". In seiner Jahreszeitenkolumne folgte Fußball auf Weltpolitik auf Castingshows. Das Weltgeschehen dreier Monate auf 8.000 Zeichen. Und immer zu früh. Und immer genau richtig. Und nun nie wieder.

Im Frühjahr 1999 interviewte Willemsen für den Stern Herbert Grönemeyer, kurz nachdem dessen Frau Anna an Brustkrebs gestorben war. Ein Gespräch voller tröstender Trauer. Willemsens Fragen waren durchweg kurz, er holte niemals aus. Einmal fragte er: "Siehst Du Anna jetzt auf einer Zeitreise?", und Grönemeyer antwortete: "Ja. Sie ist stolz und mutig auf eine Reise gegangen, die mir noch bevorsteht. Das macht mir etwas Angst, denn so mutig, wie sie die Reise angetreten ist, macht es einen selber klein. Ich begreife sie als jemand, der nur woanders lebt."

Am 15. August 2015 ist Roger Willemsen 60 Jahre alt geworden. In der Rubrik Wochenmarkt schrieb ich aus diesem Anlass ein Rezept für einen Schokokuchen mit Beeren. Willemsen mochte diese Mischung. Drei Tage danach kam die Nachricht von seiner Krebserkrankung. Ich schrieb ihm eine Mail, er schrieb zurück: "Schlimm genug zu denken, dass Sie nun orientierungslos durch den Herbst müssen, während ich doch wenigstens Ihren Kuchen habe." Es war unser letzter Mailwechsel. Am 7. Februar 2016 ist Roger Willemsen gestorben.

Es ist, wie immer, zu früh.