Nichts wie weg: Adrian Tarrach (Rick Okon, r.) und Laura Hartmann (Ruby O. Fee, l.) machen sich aus dem Staub und verlassen Lauras Elternhaus. © WDR/Martin Menke

"Tatort"-Kritikerspiegel Sie lügt, er träumt

Ballauf und Schenk jagen im Kölner "Tatort" Bonnie & Clyde hinterher. Schuld an Tod und Tränen soll mal wieder die Liebe sein, oder das, was dafür gehalten wird.

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Natural Born Killers in öffentlich-rechtlicher Manier geht nicht? Doch, das geht. Die Verantwortlichen setzen ausgerechnet den oft als verschnarcht gebrandmarkten Kölner Tatort als harten, kunstvollen Roadtrip zweier verzweifelt Liebender in Szene.

Lars-Christian Daniels: Oliver Stones Natural Born Killers hat Ihnen immer schon besser gefallen als Arthur Penns Bonnie und Clyde? Dann müssen wir Sie enttäuschen: Im diesem Kölner Tatort fährt das junge Gangster-Pärchen Adrian Tarrach (Rick Okon) und Laura Hartmann (Ruby O. Fee) am Ende nicht gemeinsam in den Sonnenuntergang.

Kirstin Lopau: Ballauf: "Sie lügt. Er träumt." Schenk: "Gefährliche Mischung." Reiches Mädchen macht sich mit Lügen beim neuen Freund interessant, der für sie daraufhin den ein oder anderen Mord begeht. No need to run or hide, it's a wonderful, wonderful life. Selten war eine Abspannmusik so traurig.

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 7 Punkte.

Lars-Christian Daniels: 5 Punkte. Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) waren schon mal dynamischer.

Kirstin Lopau: Ballauf und Schenk beide 7 Punkte. Reisser 8 Punkte.


Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Das Pärchen liebt sich am Straßenrand in einem geklauten Cabrio. Als es gestört wird, ballert die junge Frau mit einer Pistole auf den Störenfried. Danach geht es mit rauchender Pistole zum sexuellen Höhepunkt. Gewagt und gut.

Lars-Christian Daniels: "Ich hab keine Lust, schon wieder 'nen Assistenten zu verlieren", mahnt Ballauf beim Stürmen einer Wohnung, in der sich Tobias Reisser (Patrick Abozen) in höchste Gefahr begeben hat. Eine wunderbare Hommage an die 2014 verstorbene Schreibtischkraft Franziska Lüttgenjohann (Tessa Mittelstaedt), die das Kölner Polizeipräsidium leider viel zu selten verlassen durfte und den Zuschauer am Ende nur noch mit ihren privaten Problemen langweilte. Beim WDR hat man offenbar dazu gelernt.

Kirstin Lopau: Keine Lieblingsszene, sondern der Twist im Plot gefällt mir am besten: Aus einem kaltblütigen Mörder wird plötzlich ein rächender Beschützer, der die Bösen tötet, die es wirklich verdient haben. Das süße Mädchen aus reichem Elternhaus enttarnt sich als wichtigtuerische Lügnerin. Als das Kartenhaus zusammenfällt, hat mir dieser Tatort am besten gefallen. Schön war auch, dass Tobias Reisser heute das Präsidium verlassen durfte, um nicht nur am Rechner zu brillieren, sondern auch vor Ort ein mutiges Solo hinzulegen. Und Rick Okon als junger Verliebter hat sehr eindrücklich gespielt.

Unsere Kritiker

Christian Buß ist Kultur-Redakteur bei Spiegel Online und schreibt dort regelmäßig über den Tatort.

Lars-Christian Daniels bespricht für sein Blog Wie war der Tatort? und das Onlinemagazin Filmstarts den Tatort und weitere TV- und Kinofilme.

Kirstin Lopau ist ZEITmagazin-Leserin und eine der meinungsstarken Kommentatoren bei unseren sonntäglichen Tatort-Diskussionen bei Facebook.


Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Das Ende, das wir hier nicht verraten wollen, ist sehr theatralisch in Szene gesetzt. Da verspielt der Krimi die Coolness, die er vorher gewonnen hat.

Lars-Christian Daniels: In gleich zwei Schlüsselszenen des Films kommt der 80er-Jahre-Klassiker When The Rain Begins To Fall von Jermaine Jackson & Pia Zadora zum Einsatz: beim brutalen Auftaktmord und bei einem improvisierten Heiratsantrag. Der Mord gefiel mir deutlich besser, was vielleicht auch an der batteriebetriebenen, zweifellos gut gemeinten Diskokugel lag, die den Kniefall vor der Angebeteten seiner Romantik beraubte.

Kirstin Lopau: Ich finde diesmal nichts peinlich. Endlich mal wieder ein guter Tatort aus Köln.


Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 7 Punkte.

Lars-Christian Daniels: 5 Punkte.

Kirstin Lopau: 8-9 Punkte.

6 Kommentare

Wie können Sie es wagen, so wenig ehrfurchtsvoll über die Perle des Weltfernsehns (den Tatort) zu schreiben? Wissen Sie denn nicht, dass es seit Goethe nichts Vergleichbares gegeben hat? Die Verantwortlichen der ARD (und aller 3. Programme!) warte gerade auf den Literaturnobelpreis - mindestens.

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