"Tatort"-Kritikerspiegel Wann werden die wieder normal?

© SWR/Alexander Kluge

Bodybuilding, YouTube und Rap – das ist zu viel für Lena Odenthal und ihre Männer. Das Team kompensiert Überforderung mit Zickerei und verliert unterwegs unsere Kritiker.

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Die jungen Menschen schauen ja nur noch aufs Smartphone. Deshalb ist dieser sonderbare Tatort über eine junge schwarze Ballerina, einen kettenbehangenen Rapper und mit Steroiden vollgepumpte Bodybuilder um ganz viele Handyfilmchen herumgebaut. Eine moderne Erzählidee – leider in biederer Ausführung.

Lars-Christian Daniels: Lass das mal den Jürgen machen! Drehbuchautor Jürgen Werner hat in den vergangenen Jahren viele tolle Bücher für den Dortmunder Tatort beigesteuert – und wenn's im Ruhrpott funktioniert hat, sollte die Rechnung doch auch in Ludwigshafen aufgehen, oder? Denkste. Anders als bei Faber & Co. wirkt der Dauerstress zwischen Odenthal, Kopper & Co. zu jedem Zeitpunkt konstruiert – und ist ganz nebenbei auch noch unglaublich anstrengend.

Kirstin Lopau: Keine Ahnung.

Kurt Sagatz: Der SWR hat mit Jürgen Werner, dem Erfinder des Dortmunder Tatort, und Regisseur Roland Suso Richter (Dresden, Mogadischu, Das Wunder von Berlin) zwei Könner ihres Fachs zusammengespannt. Herausgekommen ist ein Lena-Odenthal-Tatort, in dem das Opfer in einer Mordermittlung sehr schnell als der eigentliche Täter in einem Vergewaltigungsfall erkennbar wird. Dass Werner und Richter kein Mitleid für den getöteten Bodybuilder aufkommen lassen, hat nichts mit mangelnder Empathie zu tun. Denn daran mangelt es diesem Tatort ganz bestimmt nicht.

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 4 Punkte.

Lars-Christian Daniels: Odenthal: 0 Punkte, Kopper und Stern: 1 Punkt. Wenigstens der gemeinsame Besuch bei Koppers Stamm-Italiener ist halbwegs gelungen.

Kirstin Lopau: Dieses ewige Gemecker zwischen Stern, Odenthal und Kopper nervt langsam richtig, auch die Kollegen (Becker: "Wann werden die wieder normal?" Das frage ich mich auch.) Alle drei sind farblos und nur mit Zetern beschäftigt, jeweils 2 Punkte.

Kurt Sagatz: Von irrational über unsensibel bis unkonzentriert: 6 Punkte.

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Das Musikvideo, das der fiktive Rapper "El Macho" mit dem realen Reggaeton-MC Sesman aufgenommen hat, ist feinster YouTube-Trash und noch das Beste in diesem missglückten Jugendkultur-Tatort.

Unsere Kritiker

Christian Buß ist Kultur-Redakteur bei Spiegel Online und schreibt dort regelmäßig über den Tatort.

Lars-Christian Daniels bespricht für sein Blog Wie war der Tatort? und das Onlinemagazin Filmstarts den Tatort und weitere TV- und Kinofilme.

Kurt Sagatz ist Medienredakteur beim Tagesspiegel und schreibt dort regelmäßig über den Tatort.

Kirstin Lopau ist ZEITmagazin-Leserin und eine der meinungsstarken Kommentatoren bei unseren sonntäglichen Tatort-Diskussionen bei Facebook.

Lars-Christian Daniels: Erinnern Sie sich? 2005 erschütterte der Schleichwerbungsskandal das öffentlich-rechtliche Fernsehen – und seitdem ist der ARD offenbar höllisch daran gelegen, sich nichts mehr vorwerfen lassen zu müssen. In Minute 00:59 hat Kameramann Jürgen Carle allerdings ein Problem: Er muss vom Balkon einer Tatverdächtigen aus das Panorama der Stadt einfangen, obwohl an einem Hochhaus in großen roten Lettern "Sparkasse" prangt. Was im Nachhinein aus der Einstellung gemacht wurde, ist ganz großes Retusche-Tennis. Vielleicht hätte man besser gleich den schwarzen Balken genommen.

Kirstin Lopau: Die Sekretärin Frau Becker erklärt Johanna Stern, warum keiner im Team sie mag – anhand einer Asterix-Geschichte. Ansonsten war viel Lärm, Reggaeton und Goldzahnspange um nichts. Am Ende heulen alle und ein Sinnbild für den Tatort Ludwigshafen bleibt in Großaufnahme: leere Kaffeepapierbecher. Vielleicht ist das Team einfach leer und bereit zur Abdankung? Odenthal ist nach wie vor mit sich beschäftigt, Kopper ertränkt den Verlust seiner WG-Kameradin in Alkohol und Stern will lieb gehabt werden. Das ist nichtssagend und langweilig. So habe ich keine Lust mehr auf den Tatort Ludwigshafen.

Kurt Sagatz: Die vergewaltigte junge Frau liegt seit Wochen im Koma. Dennoch ist sie im Film sehr präsent und lebendig, denn Regisseur Richter hat sich eines Kunstgriffs bedient, indem immer wieder Smartphone-Videoclips der Balletttänzerin gezeigt werden, die ihre Freundin aufgezeichnet hat.

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Der Rapper besucht die im Koma liegende Ballerina im Krankenhaus – und nimmt seine protzige Goldzahnfront aus dem Mund. Soll wohl Respekt und Liebe ausdrücken. Na ja.

Lars-Christian Daniels: "Der Tatort lag auf dem Weg zur Kita, passte ganz gut rein!" – Fallanalytikerin Johanna Stern (Lisa Bitter) ist mal wieder bis in die Haarspitzen motiviert. Wir lassen ihren Satz sacken. Und stellen fest: Würde die Kita ihrer Kinder auf dem Weg zum Tatort liegen, hätte er ja noch halbwegs Sinn ergeben. Aber so? Immerhin: Die momentan nervigste aller Tatort-Figuren lässt diesmal zumindest ihr Tablet stecken, mit dem sie in den letzten Folgen pausenlos durchs Bild gefuchtelt hat.

Kirstin Lopau: Die ganze Geschichte der Morde ist einfach hanebüchen.

Kurt Sagatz: Die Spannungen im Ludwigshafener Tatort-Team werden langsam aber sicher unerträglich – nicht nur für Odenthal, Kopper und Sekretärin Keller, sondern auch für die Zuschauer. Dass die neue Kollegin Johanna Stern keinen Streit auslässt, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Es wird Zeit zum Umsteuern.

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 3 Punkte

Lars-Christian Daniels: Knappe 3 Punkte

Kirstin Lopau: 3 Punkte

Kurt Sagatz: Guter Plot, einfühlsame Kamera, tolle Musik: 8 Punkte

3 Kommentare

Wann werden die Kritiker endlich normal? Jede Woche wird - völlig zu Recht - der jeweilige Tatort als "naja, is ganz ok" beschrieben. Dabei erfüllen fast alle Filme dieser Serie weder den Anspruch, Polizei- und Justizarbeit in irgendeiner Form auch nur annähernd richtig darzustellen, und - was noch viel schlimmer ist - können diesen Mangel nicht einmal durch der Fiktion immanente Anforderungen an eine spannende Erzählung rechtfertigen. Die Charaktere sind regelmäßig alberne Stereotype (reicher Verdächtiger=arrogant, aber unschuldig; Ehefrau des Opfers=eiskalt, aber unschuldig; jovial kooperierender Randverdächtiger=ganz tief drin in der Sache; ermittelnder Kommissar=scheitert wg. Beruf im Privatleben und ist im Übrigen hart, aber herzlich), der Plot vorhersehbar oder mit völlig hanebüchenem Twist versehen, die Schauspieler nur in den Hauptrollen gut besetzt, die Dialoge zwischen bedeutungsschwanger und banal, nie jedoch: realistisch. Mehr als 10 "Tatorte" habe ich in meinem Leben nicht ertragen können. Zurück zur Eingangsfrage: Solange Kritiker diesen Schund nicht als das benennen, was er ist - nämlich das Verbrennen öffentlicher Gelder für ein miserables Kulturprodukt - wird sich daran auch nichts ändern. Man muss nicht HBO sein, um gutes Fernsehen zu machen. Man könnte vielleicht auch die ARD dazu bringen, spannende Krimis zu produzieren. Mit selbstgefällig-ironischer Rezeption und "ach, doll ist nicht, aber wir haben's ja trotzdem gern"-Kritiken aber sicher nicht.

"Die ganze Geschichte der Morde ist einfach hanebüchen."

Das trifft für viele Episoden der Reihe zu. Ebenso, dass die meisten Ermittler, bzw. deren oftmals im Vordergrund stehende zwischenmenschliche Verstrickungen platt und nervig sind. Vielleicht sollten sich die Drehbuchschreiber wieder auf gute und stimmige Krimigeschichten konzentrieren, statt auf die Psychopathologie der Kommissare. Ist es z. B. nicht ungewöhnlich, dass bei einer Verdächtigen eine Hausdurchsuchung durchgeführt wird, ohne dass die Leiterin der Untersuchung davon etwas weiß?
Und wenn‘s schon zwischenmenschenl soll, wie wäre es mit einer Liebe für die traurige Fr. Odenthal, durch die sie wieder aufblüht.

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