"Tatort"-Kritikerspiegel "Das sind deine Toten"

Mitra Kostic (Edita Malovcic) und ihr Bruder Milan (Sascha Alexander Geršak) haben Thorsten Lannert (Richy Müller) in ihrer Gewalt und versuchen, sich mit ihm als Geisel den Weg in die Freiheit zu erpressen. © SWR/Johannes Krieg

In Stuttgart haben die Kommissare Lannert und Bootz mit Schleusern zu kämpfen, die Menschen in Lkws nach Deutschland schmuggeln. Ein wichtiger Tatort zur richtigen Zeit

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Schleuser sind Schweine. Oder auch nicht. In diesem auf 24 Stunden verdichteten Thriller-Tatort aus Stuttgart geht Lannert auf Tuchfühlung mit zwei bosnischen Geschwistern, die ihr Geld damit verdienen, Flüchtlinge ins Land zu schmuggeln. Hinter der Gangsterfassade tut sich eine eigenwillige Moral auf. Ein interessanter ambivalenter Ansatz, der sich allerdings in der oft unglaubwürdigen Darstellung verliert.

Lars-Christian Daniels: Der Stuttgarter Tatort war stark im letzten Jahr. Wir sorgen dafür, dass das in 2016 so bleibt.

Markus Ehrenberg: Schleuser sind vielleicht doch keine so schlechten Menschen. Eine spannende Reflexion jedenfalls über die Geschäfte der Schmuggler. Ist das skrupelloser Menschenhandel oder doch auch Hilfe für verzweifelte Flüchtlinge, die niemand sonst leistet? Oder beides?

Kirstin Lopau: Die Flüchtlingsthematik ist endgültig auch im Tatort angelangt. All jene, die hinter den Flüchtlingen nur Zahlen und keine Menschen mit Schicksalen sehen, mögen bitte heute Abend einschalten. 23 Flüchtlinge aus aller Herren Länder sterben hinter den Resopalwänden eines Kühl-Lkws ihrer skrupellosen Schlepper auf dem Weg ins gelobte Land Deutschland. Wer hier keine Betroffenheit spürt, ist aus Eis.

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 5 Punkte.

Lars-Christian Daniels: Lannert: 8 Punkte. Bootz: 6 Punkte.

Markus Ehrenberg: 8 Punkte. Das Team Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) kann sich aufeinander verlassen. Und der Zuschauer darauf, dass der Stuttgarter Tatort nicht in Klamauk ausartet, sondern gesellschaftlich relevante Themen wie den Umgang mit Flüchtlingen zeitnah aufarbeitet – ohne Schwarzweiß-Malerei.

Kirstin Lopau: Lannert sehr emotional, 8 Punkte. Bootz etwas hölzern, deshalb 5 Punkte. Leider ist der Konflikt aus der letzten Folge zwischen den beiden noch nicht behoben.

Unsere Kritiker

Christian Buß ist Kultur-Redakteur bei Spiegel Online und schreibt dort regelmäßig über den Tatort.

Lars-Christian Daniels bespricht für sein Blog Wie war der Tatort? und das Onlinemagazin Filmstarts den Tatort und weitere TV- und Kinofilme.

Markus Ehrenberg ist Medienredakteur beim Tagesspiegel und schreibt dort regelmäßig über den Tatort

Kirstin Lopau ist ZEITmagazin-Leserin und eine der meinungsstarken Kommentatoren bei unseren sonntäglichen Tatort-Diskussionen bei Facebook.

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: "Wenn Du die Toten mit nach Hause nimmst, machst Du den falschen Job", sagt ein abgebrühter Drogenfahnder zum viel zu aufgewühlten Kommissar Bootz. Hat der Drogenfahnder recht.

Lars-Christian Daniels: Die Konfrontation des mutmaßlichen Schleusers Milan Kostic (stark: Sascha Alexander Geršak) mit Hauptkommissar Thorsten Lannert (souverän: Richy Müller) ist das dramaturgische Herzstück dieses packenden Thrillers. Beim Aufeinandertreffen in einer Stuttgarter Flüchtlingsunterkunft richten sie minutenlang die Waffe aufeinander, ohne dass einer der beiden den Abzug drücken würde. Anders als in Tschiller: Off Duty, mit dem Tatort-Kollege Til Schweiger gerade kolossal Schiffbruch an den Kinokassen erleidet, bricht sich die Gewalt nur selten Bahn. Der Spannung tut das keinen Abbruch.

Markus Ehrenberg: Lannert in den Fängen des Schleusers Kostic und seiner Schwester Mitra. Der Kommissar hatte vorher bei einer Routinefahndung nach Kostic unabsichtlich zugelassen, dass 23 Flüchtlinge in einem Lkw erstickt sind. Nun soll erneut ein Wagen mit Flüchtlingen nach Deutschland unterwegs sein. Lannert könnte sie retten – wenn er die Schleuser freilässt. Mitra sagt: "Das sind deine Toten, Lannert."

Kirstin Lopau: Als im Präsidium klar wird, dass der sinnlose Tod von 23 Menschen hätte verhindert werden können, kochen die Emotionen hoch. Lannert bitter: "23 Menschen sind krepiert, während wir 20 Meter entfernt waren." Der Mann von der Drogenfahndung empfindet das anders: "Immer schön Profi bleiben. Wenn Du Deine Toten mit nach Hause nimmst, hast Du den falschen Job." Bootz daraufhin: "Ich weiß ja nicht, was Sie haben, aber ich habe einen Beruf."

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Kommissar Lannert stürmt mit vorgehaltener Waffe in eine Flüchtlingswohnung, in der eine verängstigte Familie sitzt und ruft: "Keine Angst, ich bin von der Polizei." Bei Asylsuchenden, denen die Abschiebung droht, möglicherweise nicht die beste Ansage.

Lars-Christian Daniels: Der 18. Einsatz der Stuttgarter Hauptkommissare hat mit einigen Logiklöchern zu kämpfen: Am ärgerlichsten ist die Schlafmützigkeit der SEK-Beamten, die erst ein Zimmer im Flüchtlingsheim auffallend schlampig durchsuchen und später einen fremden Scharfschützen auf einem Nachbargebäude übersehen. Schönheitsfehler wie diese sind angesichts des hohen Unterhaltungswerts aber zu verschmerzen – dem Realitätsabgleich hat die Krimireihe schließlich ohnehin nur selten standgehalten.

Markus Ehrenberg: Fehlanzeige (bei dem Thema).

Kirstin Lopau: Etwas schwierig nachzuvollziehen ist, dass Bootz im Einsatz des SEK erkennt, dass der Schütze, der auf eine Schlepperin geschossen hat, nicht zum SEK gehört, obwohl er genau so wie das Team angezogen ist und man auch sonst wegen Dunkelheit nicht viel erkennt.

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 4 Punkte.

Lars-Christian Daniels: 7 Punkte.

Markus Ehrenberg:  9 Punkte. Vielleicht ein bisschen plakativ das Ganze, dennoch: Der richtige Tatort zur richtigen Zeit.

Kirstin Lopau: 7 Punkte.

15 Kommentare

@MakulaMakula: Nein, glücklicherweise sind nicht alle Tatorte so, geben Sie ihnen ruhig noch ein paar Chancen :)

Aber mal was anderes:
"Schleuser sind vielleicht doch keine so schlechten Menschen. Eine spannende Reflexion jedenfalls über die Geschäfte der Schmuggler. Ist das skrupelloser Menschenhandel oder doch auch Hilfe für verzweifelte Flüchtlinge, die niemand sonst leistet?"

Im ernst? Ich fand diesen Tatort auch deshalb so mittelmäßig bis schlecht, weil die Schmuggler ständig versucht haben die "Schuld" von sich wegzuschieben, obwohl sie dazu objektiv betrachtet GAR kein Recht hatten.

Meine persönliche Premiere und dann gleich so eine Enttäuschung. Sind die Tatorte alle so? So uninteressant,langweilig gar harmlos?Leider sehr banal und monoton in seiner Handlung. Fast schon beleidigend, wie einem "Spannung" suggeriert wird und mit hunderten Verhaltensfehler der Sonntag Abend "gerettet" wird. Was für ein Pfau Tanz mit den Waffen und diese nie enden wollende, produzierte,inkonsequente Choreographie.Mit 40 Jahren Erfahrung im Rücken, sollte sowas nicht passieren oder sind Tatorte vielleicht deshalb Kult, weil man sie feiert wie den ESC. Kitsch statt (Film)- Kunst?
Mein Format ist der Tatort dann doch nicht und schade, dass ich mit so einem Vakuum mein Sonntag Abend verbracht habe.

Schlecht und unrealistisch. Jamal, als Zvililist darf ewig 5m hinter dem SEK Einsatz hinterherdackeln. SEK wird nicht verständigt, wenn Jamal enttarnt wird. Egohero nimmt es natürlich selbst in die Hand, obwohl SEK im Haus ist. Lächerlich auch die ewige Gun-to-gun-Szene, wo der Polizist ständigt wegguckt und sich wegdreht.

Stark die Szene, wo Frau auf den Verdacht der Deustchen auf Selbst beibringung von Verletzungen hinwies. Das war wirklich eindringlich. Wie Selbstvebrennung eines Mädchens in einem Wallander Film

Die Schleuserdiskussion war zu pädagogisch und banal. "Deine Toten" war leich zu entkräften, der Schleuser zu naiv . Das SEK muss halt so sein, um eventuelle Gegner einzuschüchtern.

Warum immer diese Lehrstücke mit dem Holzhammer, diese ständige lautstarke Empörung mit Kollegenstreit und wenig Szenen die das, was man sagen will für sich sprechen lassen.

Saulangweilig! Nach einer halben Stunde lief der TV nur noch nebenher. Eine tolle Szene, wie der Klassepolizist bei schlechtem Licht aufwärts dem mysteriösen Killer in Sekundenbruchteilen einen Blattschuß setzt! Den trifft der im Ernstfall im ganzen Leben nicht, da kann er mit seiner Pistole schmeißen, und hat bessere Karten. :)))

Danke an die Tatort - Macher !
Einen größeren Blödsinn habe ich lange nicht gesehen.
Ein Polizist (Lannert) braucht sich nicht an Gesetze halten. Er darf gegen die ganze Welt seinem Gewissen folgen.
Bravo, weiter so, nur der mainstream bringt Quoten.

Bis jetzt ein Western. Auch da konnte man der Empörung nachgehen ohne sich um Rechtstaatlichkeit zu scheren. Kommt vielleicht noch wieder hierzulande. Zumindest bei Schleusern, Steuerhinterziehern und Bankern. Mörder und Räuber sind ja exculpiert. Die Gesellschaft ist schuld. Mal weiter schauen.

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