Gesellschaftskritik Kein Spaß im Wasserglas

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„Tequila-Tim“ sorgte mit ein paar Schnäpsen für Empörung. © dpa

Als Koch genügt es heute nicht mehr, am Herd zu stehen. Als Koch muss man ein Vorbild sein. Koch Tim Mälzer spürt das immer wieder. Einmal zeigte er sich mit einem Schweinekopf und erntete dafür Kritik der Vegetarier-Lobby. Nun taufte ihn die Bild-Zeitung "Tequila-Tim". Mälzer hat auf dem Küchensender Vox die Show Kitchen Impossible angerührt. Das Format besteht im Wesentlichen daraus, dass Mälzer und ein Kochkollege versuchen, exotische Gerichte zu erschmecken und nachzukochen. Dabei machte Mälzer unlängst auf sich aufmerksam, indem er, als die Sendung in Mexiko gastierte, vor der Kamera ungebührliche Mengen von Tequila schluckte.

Es fällt stets auf, wenn im Fernsehen Alkoholkonsum gezeigt wird. Das zeigt, wie ungewöhnlich Alkohol vor der Kamera geworden ist. Früher war Alkohol nicht wegzudenken, etwa in Talkshows: Legendär war 1982 die Sendung III nach Neun, als der damalige Dauerprovokateur Fritz Teufel sein Gegenüber, den BRD-Finanzminister Hans Matthöfer, mit Zaubertinte aus einer Wasserpistole attackierte. Die Antwort war ein Glas Rotwein in seinem Gesicht. Rotwein sorgte also für große Fernsehmomente. Heute könnte man sich bei Anne Will gegenseitig stilles Wasser ins Gesicht kippen. Aber das ist eben nicht vergleichbar.

Wo Alkohol im deutschen Fernsehen heute vorkommt, ist er Symbol persönlicher Krisen. Einst trafen sich die Tatort-Kommissare zum Bier, um mit dem Kollegen die Fälle zu besprechen. Nun sieht man sie nur noch Schnaps saufen, wenn sie nicht mit ihrer verkrachten Persönlichkeit zurechtkommen.

Es gab nur spärliche Versuche, dem Alkohol ein TV-Comeback zu verschaffen. Im vergangenen Jahr gab es eine Talksendung mit Hugo Egon Balder: Der Klügere kippt nach. Hier gehörte es zum Sendekonzept, dass man während des Talks wie in der Kneipe Bier trank und langsam betrunken wurde. Die Sendung wurde eingestellt, weil die Quoten zu schlecht waren. Was man nämlich nicht bedacht hatte: Menschen, die betrunken werden, reden langweiliges Zeug. Wahrscheinlich sind Sendungen, in denen gesoffen wird, die beste Alkohol-Prävention.

Am Ende der Koch-Sendung klagte Mälzer übrigens, "ich bin noch nie so gef**** worden wie heute". Vielleicht war es doch Trinken wegen persönlicher Probleme.

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Mit Alkohol sollte nicht so selbstverständlich umgegangen werden, so dass er im Fernsehen nebenbei vorkommt. Das suggeriert dem Zuschauer, diese Droge sei nicht gefährlich.

Wie teuer diese Irrtum ist, zeigen die Statistiken. An Alkohol sterben in Deutschland jährlich ca. 75.000 Menschen, was eine enorme Zahl darstellt, wenn man sie mit anderen Todesursachen vergleicht. Hier mangelt es offensichtlich enorm an Aufklärung. Diese Fernsehwerbung ist fehl am Platz.

Ach immer diese säkularisierte protestantische Leibfeindlichkeit.

Wie kommt es eigentlich, dass davon besonders verseuchte Bürger wie Engländer und Skandinavier dann durch Binge-Trinken und Koma-Saufen auffallen? Wie kommt es, dass auch deutsche Jugendliche, geplagt von Heerscharen von Anti-Alkoholikern, auch immer mehr durch Kontrollverlust beim Alkoholkonsum auffallen? Wer säuft eigentlich all das Zeug, dass jedes Jahr mehr über den Ladentisch wandert?
An Aufklärung fehlt es nicht, an Rollenvorbildern doch auch nicht.

Alkohol ist ein Genußmittel und im übrigen gilt der alte Spruch: Menschen, die nicht genießen können, sind nicht zu genießen. Biolek, ich vermisse dich.

Ich muss gestehen, ich habe nie verstanden, warum es automatisch mit Genuss-Unfähigkeit verbunden wird, wenn jemand keinen Alkohol trinkt oder kein Interesse an anderen Drogen hat. Man kann schließlich auch andere Dinge genießen, man kann sich auch ohne Alkohol sauwohl fühlen, und von mir selber kann ich sagen, dass ich Alkohol nie "genossen" habe, weil er mir einfach nicht schmeckt, fertig. Daher fehlte mir nie etwas, im Gegenteil, ich habe nie gekotzt am nächsten Tag, bin nie betrunken gefahren, hab nie jemanden beschwipst blöd angeredet oder so was. Genauso wenig gibt es einen echten Grund, warum man unbedingt zum Fisch Weißwein, zum Braten Bier, zum Wild Rotwein trinken "muss". Muss man nämlich gar nicht, witzig, oder? Warum einem das fehlen sollte, damit man "Genuss" erlebt - keine Ahnung, mir geht´s genau andersrum: Ich finde diejenigen, die Alkohol zum Genießen brauchen, sind arm dran. Ich kann das ohne.