Andersrum ist auch nicht besser Willst du mit mir gayen?

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Ein Freund hat auf seinem Handy vier verschiedene Dating-Apps installiert. Warum es unbedingt vier sein müssen, habe ich ihn gefragt. Obwohl wir beide schwul sind, kennt er sich auf diesem Gebiet viel besser aus als ich, denn er ist single. Er erklärte mir, dass er jede App zu einem bestimmten Zweck nutzt: Grindr zeigt eine Liste mit Männern an, die sich in der Nähe befinden. Je näher der andere Mann ist, desto weiter oben erscheint er auf der Liste. Die App sei für spontane Abenteuer, sagt der Freund. Gayromeo dient ihm als schwules Melderegister – "Dort sind alle". Von der dritten App Hornet hatte ich noch nie etwas gehört. Ja, sagt der Freund, die sei in Deutschland ein Geheimtipp. Der Joker! Viele Touristen seien dort zu finden und die Konkurrenz noch gering.

Seine vierte App ist Tinder. Das ist die Anwendung, bei der man per Fingerwisch entscheidet, ob man den Kandidaten attraktiv findet. Auch viele Heteros nutzen sie. Es gibt aber einen Unterschied: Wenn Heteros über ihre Erlebnisse mit Tinder berichten, hat das mit ernsthafter Partnersuche so viel zu tun wie ein Lesekreis mit einem Swinger-Club. Der Freund aber sagt, bei schwulen Männern habe die Tinder-Suche etwas Verbindliches. Nach einem Match – das heißt, beide haben ihr Interesse bekundet – begegne man sich auf Augenhöhe. Es sei die App für Schwule, die etwas Ernstes suchten. Eine Beziehung. So wie er.

Mir wurde klar, warum viele Heteros glauben, dass Schwule rund um die Uhr auf der Suche nach Sex sind und sich nicht binden möchten. Vier verschiedene Dating-Apps gleichzeitig zu benutzen und eigentlich einen festen Partner zu suchen, stellt für den Freund aber keinen Widerspruch dar.

Doch beim vielen Daten scheint er vom eigentlichen Ziel abgekommen zu sein. Ich glaube, das Gefühl kennt jeder, der schon mal hungrig vor einer Tüte Chips saß. Eigentlich hat man Lust auf ein saftiges Steak. Trotzdem wandert die Hand immer wieder in die Chipstüte. Am Ende ist man irgendwie satt, aber gut fühlt sich das nicht an.

So wie ihm scheint es vielen zu gehen, die einen festen Freund suchen: Denn sie sagen nicht den Satz, den ältere Junggesellen oder Vertreterinnen des Kuschelpop-Genres sagen. Also nicht: "Der Richtige war halt noch nicht dabei." Sie sagen: "Ich bin nicht der Richtige dafür." Doch wahrscheinlich liegt es gar nicht an ihnen. Vielleicht ist das der Preis der Freiheit. Sie bedienen sich aus der prallen Tüte der Möglichkeiten – und sind dann doch enttäuscht, dass der Traummann wieder nicht dabei war. Je mehr potenzielle Partner man schon weggeschickt hat, desto höher werden die Anforderungen an den perfekten Partner, der irgendwo warten soll.

Auch viele schwule Männer träumen von monogamen Beziehungen. Worin wir uns nicht von den Heteros unterschieden: Dass Reiz und Eifer des Verliebtseins irgendwann nachlassen. Die einen kompensieren das mit Investitionen in die Wohnungseinrichtung. Andere bemühen sich um ein Kind, und setzen sich gleich wieder dem Vorwurf aus, damit doch nur wieder heteronormative Rollenklischees zu erfüllen. Eine weitere Option ist, die Beziehung zu öffnen. Zuerst durch Ausnahmeregelungen – im Urlaub, beim Ausgehen, zu Ostern. Manchmal öffnet sich die Beziehung so weit, dass man gar nicht mehr durchblickt, wer denn nun eigentlich drin ist.

Trotzdem werden schwule Männer von vielen für diese Offenheit beneidet: In kleiner Runde berichtete ein Hetero-Mann neulich, dass er seine Dates wahnsinnig anstrengend findet. Es klang so, als habe der Feminismus einen Umweg ums Dating gemacht. Der Mann verspürte Druck, die Frau zu unterhalten. Und die Rechnung zu bezahlen. Er muss viel investieren und weiß nicht, ob es schließlich zum Sex kommt. Da habe ich verstanden, dass es eine Besonderheit ist, dass Schwule nicht in einer klassischen Partnerschaft sein müssen, um ständig Sex zu haben.

Viel entspannter läuft es für den Freund mit den vier Dating-Apps. Das liegt wohl daran, dass es sich bei den Schwulen nur um Männer handelt. Ich wage eine Prognose: Die Chance, dass alle Beteiligten mit ähnlichen Erwartungen zum Date erscheinen, ist statistisch höher. Das sollte mal untersucht werden! Vielleicht tauscht der Freund sich mit seiner nächsten etwas ernsteren Tinder-Verabredung locker darüber aus, wie die Grindr-, Gayromeo- und Hornet-Erlebnisse in jüngster Zeit so waren.

Schwer vorstellbar ist hingegen folgende Situation: Beim ElitePartner-Date berichtet die Frau dem Mann, dass sie sich gestern noch spontan mit diesem Typen aus ihrer App getroffen hat, nachdem dieser ihr Nacktbilder von sich geschickt hat. Als sie dem Mann die Bilder zeigt, sagt er einfach nur: "Ach der! Mit dem hatte ich auch schon was." 

Trotz aller entspannten Regellosigkeit des schwulen Datings: Das macht die Sache bei Heteros etwas weniger kompliziert.

26 Kommentare

Vielen Dank für diesen durchaus wichtigen Artikel. Für viele Schwule, besonders in ländlichen Regionen oder ausserhalb von Großstädten, ist es sicher schwer, Kontakt im Alltag zu anderen Schwulen aufzunehmen. Natürlich setzen Sie große Hoffnung in derartige Plattformen. Und nicht jeder hat bei aller Einsamkeit und vielleicht Zweifel an der eigenen Sexualität die Stärke, Nein zur Chips Tüte zu sagen. Unsere Gesellschaft, besonders die oberflächliche Schwule, erzieht uns doch nur noch dazu uns selbst der nächste zu sein. Und so macht der eine aus einer “offenen“ Partnerschaft mit Halbwahrheiten schnell die Hoffnungen eines wahrlich Interessierten kaputt. Das gibt man dann schnell an das nächste Romeo Date weiter usw... Ich bin homosexuell, Single und nutzte derartige Apps, finde es aber unglaublich schwer, überhaupt ein “klassisches“ Date zu haben. Der Großteil der Männer sucht wissentlich oder nicht nach der schnellen Befriedigung und sollte das Online-Gegenüber zu anstrengend sein oder nur eine falsche Frage stellen, ist der nächste Match ja nicht weit. It's a truly happy gay life. Ps.: Meinen großteils Hetero Freunden geht es nicht anders. Aber das passende Deckelchen findet sich wirklich nur mit viel Glück.

Wie sieht sich ein Schwuler?
Wann kommt endlich das echte ehrliche Outing des Schwulseins in der Presse. Ein Homosexueller ist nicht der Dualität des Seins enthoben. Was empfindet er, wenn er einem Hetero begegnet, was empfindet er wenn er Frauen begegnet. Hat er Angst vor ihnen, hat er eine Philosophie seines Seins? Wer sind seine Vorbilder? Was sind Mutter und Vater für ihn?
Es scheint immer so, als umgebe Schwule eine Art Unantastbarkeit, im wahrsten Sinn des Wortes. Was ist dem Schwulen lieber, offen oder heimlich. Was ist Liebe für ihn? Ist die Homoliebe so wie früher die Liebe zum andern Geschlecht? Mal ganz abgesehen von Lesbischen Frauen, die sich ja noch mehr abschließen. In den Medien "New Normal" oder "Modern Family" ist Männer-schwul ja eher komisch. Wie empfinden schwule Männer ihre Rolle in den Medien? Warum der Exhibitionismus?
Warum darf ein Hetero viel Fragen nicht fragen?
Zum Beispiel Fragen zur Hygiene. Und eine brennend heiße Frage, wie ist ihre Haltung zum Sexismus???
Gibt es Sexismus bei Homosexuellen Männer und Frauen?
Macht mal eine Fragestunde.

Wie schön, dass Sie so viele Fragen haben. Sie lassen sich am ehesten so beantworten: Es gibt nicht "den" Schwulen. Die Bandbreite an Haltungen, Meinungen, Lebensentwürfen ist unter schwulen Männern so groß wie unter Heteros. Sie werden deswegen kaum umhin kommen, sich mit Schwulen als Individuen und nicht als Gruppe auseinander zu setzen, wenn Sie diese Fragen beantwortet haben möchten.

und welche fragen beze gleich hygiene haben sie? sind sie blöd?

Ich wische mir den arsch nach dem Klo genau so ab wie jeder andere - dass er sauber ist! wir kommen nicht von nem anderen Planeten wo andere Regeln für Hygiene oder die anderen Dinge des Lebens gelten...

Der Artikel 'schwafelt' vollkommen an der Realität der meisten Schwule in Deutschland vorbei. Ein Großteil der Schwule in Deutschland ist zutiefst verstört. Sei es durch eine heterosexuell geprägte männerfeindliche Erziehung im Elternhaus mit den klassischen Dogmen erwachsene Männer wären pervers, Kinderschänder, man solle sich vor ihnen in Acht nehmen etc. oder durch den Zwang die eigene Schwulität durch einen, in der breiten Masse Anerkennung findenden, Überpartner zu neutralisieren zuwollen. Im Artikel scheint es so als wäre das Singeldasein eine selbstbestimmte Wahl. Das ist es nicht, auch wenn viele es ihrem Ego zuliebe so gesehen haben wollen. Im Endeffekt vegetieren und verleben die meisten ihre Lebenseit. Bei den vielen Partnern sollte man zwischen Sex und Doktorspiele unterscheiden können.

Es muß schon einen Grund haben warum von den täglich eine Million Männern die in Deutschland zu Prostituierten gehen zwischen 15 und 20% einen Mann oder einen "Ladyboy" bevorzugen, sich aber niemals als "schwul" outen würden. Das gilt auch für Frauen die ihrem eigenen Geschlecht den Vorzug geben. Übrigens kann jeder diese Feststellung auch in SOA (Thailand/Philippinen) sehr leicht bestätigt finden. Hier dürften sich 30% der Touristen auf das eigene Geschlecht konzentrieren wie jeder Reiseleiter oder Kenner dieser Länder bestätigen wird.

>> Gayromeo dient ihm als schwules Melderegister – "Dort sind alle". <<

Stimmt nicht.

Ansonsten könnte der Artikel aber Recht haben. Gut, dass es mir nicht so geht. Wenn ich ein Topf bin, dann passt vermutlich eh nur ungefähr 1 Deckel drauf, und den habe ich gleich beim ersten Date gefunden. Da brauche ich also hoffentlich gar keine Apps, die gab es damals auch noch nicht, hat ja trotzdem irgendwie geklappt. :)

Zitat: >>>Trotzdem werden schwule Männer von vielen für diese Offenheit beneidet: In kleiner Runde berichtete ein Hetero-Mann neulich, dass er seine Dates wahnsinnig anstrengend findet. Es klang so, als habe der Feminismus einen Umweg ums Dating gemacht<<<

Diesen Aspekt kann ich gut nachvollziehen. Ich habe mich schon dabei ertappt, wie ich damit haderte, als Heterosexueller auf die Welt gekommen zu sein. Keine heterosexuelle Begegnung, ohne dass die "große Politik" zu Fragen des Geschlechterverhältnisses über allem schwebt. Bis endlich geklärt ist, welche konkrete Vorstellung die jeweilige Frau von Geschlechterrollen hat, stehen so einige Fettnäpfchen bereit.

Glauben Sie wirklich, dass das gesellschaftliche Umfeld einem schwulen Paar wohlwollender gegenübersteht? Als heterosexueller weißer Mann genießt man neben vielen anderen Privilegien eben auch das der Ignoranz. Wenn Sie glauben, die "Rollenbilder" seien nicht "gesellschaftspolitsch aufgeladen", sollten Sie mal bei der CSU nachfragen, warum gleichgeschlechtliche Paare immer noch nicht heiraten, geschweige denn adoptieren dürfen. Und wenn Sie was über völlig absurde "externe Erwartungen" erfahren wollen, fragen Sie mal im homosexuellen Freundeskreis, wer schonmal die frage gehört hat "Und wer von euch ist der Mann und wer die Frau?" Seinse froh, dass sie sich nur drum sorgen müssen, ob Sie mal im Haushalt helfen sollen oder nicht.

Ich kann das gut nach vollziehen. Viele Konflikte, die meine heterosexuellen Freunde und Freundinnen in ihren Partnerschaften erleben, sind mir als schwulem Mann weitgehend fremd. Homosexuelle Beziehungen ächzen nicht unter der Last tradierter Rollenerwartungen; dafür müssen Homos in ihren Beziehungen mehr miteinander aushandeln, was oft auch nicht gelingt. Schwuler Sex ist mit eigenen Problemen belastet – Infektionen und Drogengebrauch – aber schwule Männer scheinen sich in ihren sexuellen Interessen näher zu stehen und können ihre Sexualität miteinander besser verhandeln als viele Heteros. Es erstaunt mich immer wieder, dass Heteromänner mir sexuelle Fantasien anvertrauen, welche sie ihren Frauen niemals mitteilen würden.

schon die typische frage die allen schwulen paaren die ich kannte regelmäßig gestellt wird 'wer ist den bei euch die frau/wer trägt die hosen/etc.' zeigt doch, das die gesellschaft selbst bei gleichgeschlechtlichen paaren auf die selbe art und denkweise rangeht, wie bei den heteros. viele wollen schwule noch in einfachen, ihnen bekannten rollenbildern erklärt bekommen.
die mediale darstellung von schwulen hat der sache auch keinen gefallen getan

@ Sterling_Archer

Je nach politischer Einstellung gibt es an die Rollen von Männern und Frauen in Hetero-Beziehungen bestimmte gesellschaftliche Erwartungen. Als Hetero-Mann konnte ich diese gesellschaftspolitische Aufladung der Geschlechterrollen auch noch nie völlig ausblenden. Würden Sie sagen, dass die dümmliche Frage an Schwule, wer in der Beziehung "die Frau" sei, sich auf der gleichen gesellschaftspolitischen Ebene abspielt?

Ich habe Sie schon ganz richtig verstanden. Sie schreiben Sie haderten mit Ihrer Heterosexualität wegen der "großen Politik" zu Fragen des Geschlechterverhältnisses. Ich sage Ihnen nur, dass Sie damit noch verhältnismäßig einfach davonkommen. Die "große Politik" der gleichgeschlechtlichen Liebe ist, vorsichtig ausgedrückt, mindestens genauso enervierend. Und in Teilen der (Ost-)Deutschen Provinz mit Gefahr für Leib und Leben verbunden - und das zu Zeiten in denen Homos in Deutschland so akzeptiert sind wie wohl nie zuvor.

Das klingt vielleicht konservativ, aber der größte Unterschied besteht für mich nach wie vor darin, dass fast alle Frauen unbedingt Kinder bekommen wollen, während der Anteil an adoptierfreudigen Schwulen doch eher gering ist. Das Thema spielt bei heterosexuellen Paaren ständig rein: Sei es die traditionelle Erwartung, dass der Mann seiner Versorgerrolle nachkommt, aber heute auch zunehmend die Erwartung, dass der Mann seine Freizeit mit dem Kind verbringt, allgemein gut mit Kindern kann, und dass die Beziehung natürlich die ewige Liebe ist, weil man den Kindern keine Trennung zumuten möchte. Achja, und die Kinder brauchen ein Haus, für das man einen Kredit aufnimmt, was zu finanziellen Abhängigkeiten führt etc. pp. ... Das alles schwingt bei heterosexuellen Beziehungen spätestens ab Mitte 20 mit. Schwule haben es da definitiv einfacher.

redshrink, Ihre Bemerkung zu Infektionen und Drogenmissbrauch würde mich interessieren: Ich hab mich schon immer gefragt, wie Schwule mit dem höheren Risiko für Geschlechtskrankheiten umgehen. Auch in der Beziehung nur mit Kondom? Sicherlich besteht das Risiko auch in heterosexuelle Beziehungen, aber es ist doch irgendwie kleiner.

Erinnert mich irgendwie an die Frauen: "Ich hatte schon so viele Männer, aber der perfekte perfekteste war nicht dabei, also suche ich weiter."

Im Grunde ist das bei Homos ja genau so. Aber wer da Werber und wer Umwerbter ist, entscheidet sich bei jedem Aufeinandertreffen neu.

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