Andersrum ist auch nicht besser Willst du mit mir gayen?

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© David Ramos/Getty Images

Ein Freund hat auf seinem Handy vier verschiedene Dating-Apps installiert. Warum es unbedingt vier sein müssen, habe ich ihn gefragt. Obwohl wir beide schwul sind, kennt er sich auf diesem Gebiet viel besser aus als ich, denn er ist single. Er erklärte mir, dass er jede App zu einem bestimmten Zweck nutzt: Grindr zeigt eine Liste mit Männern an, die sich in der Nähe befinden. Je näher der andere Mann ist, desto weiter oben erscheint er auf der Liste. Die App sei für spontane Abenteuer, sagt der Freund. Gayromeo dient ihm als schwules Melderegister – "Dort sind alle". Von der dritten App Hornet hatte ich noch nie etwas gehört. Ja, sagt der Freund, die sei in Deutschland ein Geheimtipp. Der Joker! Viele Touristen seien dort zu finden und die Konkurrenz noch gering.

Seine vierte App ist Tinder. Das ist die Anwendung, bei der man per Fingerwisch entscheidet, ob man den Kandidaten attraktiv findet. Auch viele Heteros nutzen sie. Es gibt aber einen Unterschied: Wenn Heteros über ihre Erlebnisse mit Tinder berichten, hat das mit ernsthafter Partnersuche so viel zu tun wie ein Lesekreis mit einem Swinger-Club. Der Freund aber sagt, bei schwulen Männern habe die Tinder-Suche etwas Verbindliches. Nach einem Match – das heißt, beide haben ihr Interesse bekundet – begegne man sich auf Augenhöhe. Es sei die App für Schwule, die etwas Ernstes suchten. Eine Beziehung. So wie er.

Mir wurde klar, warum viele Heteros glauben, dass Schwule rund um die Uhr auf der Suche nach Sex sind und sich nicht binden möchten. Vier verschiedene Dating-Apps gleichzeitig zu benutzen und eigentlich einen festen Partner zu suchen, stellt für den Freund aber keinen Widerspruch dar.

Doch beim vielen Daten scheint er vom eigentlichen Ziel abgekommen zu sein. Ich glaube, das Gefühl kennt jeder, der schon mal hungrig vor einer Tüte Chips saß. Eigentlich hat man Lust auf ein saftiges Steak. Trotzdem wandert die Hand immer wieder in die Chipstüte. Am Ende ist man irgendwie satt, aber gut fühlt sich das nicht an.

So wie ihm scheint es vielen zu gehen, die einen festen Freund suchen: Denn sie sagen nicht den Satz, den ältere Junggesellen oder Vertreterinnen des Kuschelpop-Genres sagen. Also nicht: "Der Richtige war halt noch nicht dabei." Sie sagen: "Ich bin nicht der Richtige dafür." Doch wahrscheinlich liegt es gar nicht an ihnen. Vielleicht ist das der Preis der Freiheit. Sie bedienen sich aus der prallen Tüte der Möglichkeiten – und sind dann doch enttäuscht, dass der Traummann wieder nicht dabei war. Je mehr potenzielle Partner man schon weggeschickt hat, desto höher werden die Anforderungen an den perfekten Partner, der irgendwo warten soll.

Auch viele schwule Männer träumen von monogamen Beziehungen. Worin wir uns nicht von den Heteros unterschieden: Dass Reiz und Eifer des Verliebtseins irgendwann nachlassen. Die einen kompensieren das mit Investitionen in die Wohnungseinrichtung. Andere bemühen sich um ein Kind, und setzen sich gleich wieder dem Vorwurf aus, damit doch nur wieder heteronormative Rollenklischees zu erfüllen. Eine weitere Option ist, die Beziehung zu öffnen. Zuerst durch Ausnahmeregelungen – im Urlaub, beim Ausgehen, zu Ostern. Manchmal öffnet sich die Beziehung so weit, dass man gar nicht mehr durchblickt, wer denn nun eigentlich drin ist.

Trotzdem werden schwule Männer von vielen für diese Offenheit beneidet: In kleiner Runde berichtete ein Hetero-Mann neulich, dass er seine Dates wahnsinnig anstrengend findet. Es klang so, als habe der Feminismus einen Umweg ums Dating gemacht. Der Mann verspürte Druck, die Frau zu unterhalten. Und die Rechnung zu bezahlen. Er muss viel investieren und weiß nicht, ob es schließlich zum Sex kommt. Da habe ich verstanden, dass es eine Besonderheit ist, dass Schwule nicht in einer klassischen Partnerschaft sein müssen, um ständig Sex zu haben.

Viel entspannter läuft es für den Freund mit den vier Dating-Apps. Das liegt wohl daran, dass es sich bei den Schwulen nur um Männer handelt. Ich wage eine Prognose: Die Chance, dass alle Beteiligten mit ähnlichen Erwartungen zum Date erscheinen, ist statistisch höher. Das sollte mal untersucht werden! Vielleicht tauscht der Freund sich mit seiner nächsten etwas ernsteren Tinder-Verabredung locker darüber aus, wie die Grindr-, Gayromeo- und Hornet-Erlebnisse in jüngster Zeit so waren.

Schwer vorstellbar ist hingegen folgende Situation: Beim ElitePartner-Date berichtet die Frau dem Mann, dass sie sich gestern noch spontan mit diesem Typen aus ihrer App getroffen hat, nachdem dieser ihr Nacktbilder von sich geschickt hat. Als sie dem Mann die Bilder zeigt, sagt er einfach nur: "Ach der! Mit dem hatte ich auch schon was." 

Trotz aller entspannten Regellosigkeit des schwulen Datings: Das macht die Sache bei Heteros etwas weniger kompliziert.

Kommentare

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Zitat: >>>Trotzdem werden schwule Männer von vielen für diese Offenheit beneidet: In kleiner Runde berichtete ein Hetero-Mann neulich, dass er seine Dates wahnsinnig anstrengend findet. Es klang so, als habe der Feminismus einen Umweg ums Dating gemacht<<<

Diesen Aspekt kann ich gut nachvollziehen. Ich habe mich schon dabei ertappt, wie ich damit haderte, als Heterosexueller auf die Welt gekommen zu sein. Keine heterosexuelle Begegnung, ohne dass die "große Politik" zu Fragen des Geschlechterverhältnisses über allem schwebt. Bis endlich geklärt ist, welche konkrete Vorstellung die jeweilige Frau von Geschlechterrollen hat, stehen so einige Fettnäpfchen bereit.