Digitale Familie Jäger des verlorenen Cache

© Shawn Patrick Ouellette/Getty Images

Die Kinder fangen an zu maulen. "Hier ist nichts", sagt der Zehnjährige und schiebt lustlos mit dem Stiefel nasses Laub zur Seite. Ich halte das Handy hoch und drehe mich unter den Bäumen, bis ich die rote Markierung auf dem Display direkt vor mir habe. Sie zeigt auf den Eisenzaun vor uns, angeblich sind wir nur zwölf Meter vom Ziel entfernt. In dieser Richtung steht eine Reihe moosbewachsener Grabsteine.

"Papa, in der App steht, wir sollen nicht auf den Friedhof klettern!" Meine Indiana-Jones-Ambitionen werden im Keim erstickt, das Kind hat recht. Aber wo zur Hölle ist diese verdammte Dose, nach der wir suchen? Suchen wir überhaupt eine Dose? Der 16-Jährige sagt, seine Füße seien kalt und tippt auf seinem Telefon herum. "Ich will nach Hause", quäkt der Dreieinhalbjährige auf meiner Schulter. Ich suche den Zaun ein letztes Mal ab. Dann tippe ich in mein Telefon "Gefunden!" und fühle mich wie ein Verräter. Gar nichts haben wir gefunden. Mein Handy gibt in der Kälte den Geist auf.

Dabei hat es so vielversprechend angefangen mit uns und unserem neuen Hobby. "GPS-Schnitzeljagd für Einsteiger", lese ich an einem Samstag auf einer Schiefertafel im Berliner Ökowerk. In dem ehemaligen Wasserwerk im Berliner Grunewald machen wir manchmal Halt, um nach einem Wochenend-Spaziergang einen Kaffee zu trinken, sie verkaufen dort guten Biokuchen. Außerdem bieten sie zusammen mit der Volkshochschule allerhand Veranstaltungen für Kinder an. Ich nehme mir das Kursheft mit und melde uns direkt auf der Website an.

Marin Majica

Marin Majica und seine Partnerin hatten schon jeweils einen Sohn, als sie sich trafen. Sie bekamen zusammen noch einen dritten. Die Jungs sind heute 17, zehn und vier Jahre alt, tragen alle unterschiedliche Nachnamen, teilen jedoch das große Interesse an digitaler Technologie. Bei ZEITmagazin ONLINE schreibt Marin Majica monatlich die Kolumne Digitale Familie und berichtet aus dem Alltag einer digitalisierten Großstadtfamilie.

"Natur und Technik, eine gute Kombination", denke ich. Man muss sich als Vater heutzutage schließlich einiges einfallen lassen, um mit Minecraft und Playstation konkurrieren zu können. Und wir sind zurzeit auf der Suche nach Ersatzaktivitäten im Freien. Es gilt die Zeit zu überbrücken, bis die Drohne aus der Reparatur zurückkommt, mit der wir sonst am Wochenende in Berlin und Brandenburg unterwegs sind. Die Phantom 3 Pro hängt noch in China fest, nachdem der Patenonkel des Jüngsten sie gegen einen Baum geflogen hat. Warum also nicht auf der Suche nach versteckten GPS-Wegmarken durch den Wald laufen, denke ich. Geocaching heißt das.

Die Entscheidung für den Anfängerkurs ist ein Glücksgriff. Der lustig-schräge Kursleiter erklärt uns ein paar Grundlagen und drückt uns einen altmodischen gelben GPS-Empfänger in die Hand – ohne Touchscreen! Dann schickt er uns und die anderen Teams mit drei GPS-Koordinaten auf die Suche nach den Schätzen. Goldene Wintersonne scheint, die Jungs und ich stapfen durch den Wald und versinken knöcheltief im Matsch, wir sind eine Superlight-Version des Wildnisfilms The Revenant mit Leonardo DiCaprio. Das fühlt sich sehr männlich an. Wir finden Tupperware-Dosen mit kleinen Aufgaben und Plastikschlangen darin, das sind die Schätze. Auf unserem Weg begegnen wir sogar Wildschweinen, die schnaufend davongaloppieren. Am Ende zerschlagen wir Eisschollen auf dem Teufelssee und kommen Stunden später beseelt nach Hause.  

Ein Facebook-Freund gibt mir den Tipp, mich auf der Website zum Hobby umzuschauen. Auf der Plattform geocaching.com tauscht sich die weltweite Fangemeinde aus, es gibt auch eine App, in der alle versteckten Caches eingetragen sind. Ein mir bis dahin verborgenes Netzwerk aus Zeichen und Verweisen wird sichtbar wie in einem Roman von Thomas Pynchon. Allein in Berlin gibt es mehr als tausend zu entdeckende Koordinatenpunkte. Ein geheimes Abenteuer direkt vor der Haustür.

Die Realität ist dann allerdings … nicht ganz so aufregend. Der Cache direkt vor unserer Haustür unter dem U-Bahn-Viadukt: unauffindbar. Der Cache auf dem kleinen Friedhof bei uns um die Ecke: vergangene Woche noch da, plötzlich nicht mehr gelistet. Wir lesen, dass manche der Caches bereits 2011 versteckt wurden. Das kommt den Jungs vor wie eine Geschichte aus dem Mittelalter. Ungefähr so alt scheint auch die Geocaching-App zu sein, sie läuft irre langsam auf unseren Telefonen. Wir haben die Vermutung, dass wir für dieses Hobby etwas spät dran sind. Die Kinder lernen: Nur weil etwas im Internet steht, muss es noch lange nicht aktuell sein.

Aber wir wollen noch nicht aufgeben und entscheiden uns für eine Route mit drei Stationen in einem Teil von Berlin, in dem wir noch nie waren. Aus der Hightech-Schnitzeljagd wird aber nichts, wir finden noch nicht einmal den Anfangspunkt – unter anderem weil unsere zwölf Monate alten Handys viel ungenauer sind als der olle GPS-Empfänger im Einführungskurs. Nur auf neun Meter genau sei die Ortsbestimmung, warnt uns die App, wir sollen einfach großflächig suchen. Stellen Sie sich mal irgendwo in den Wald und suchen alles im Umkreis von neun Metern nach einer münzgroßen Dose ab. Eben. "Ich will nach Hause, Papa."

Eine Entdeckung mache ich dann doch noch. Während unseres Ausfluges kommen wir an einem merkwürdigen Baum vorbei, den ich selbst mit der App PlantNet, einer Art Shazam für Pflanzen, nicht genauer bestimmen kann. Mit der gefurchten Rinde und seinen knotigen Verwachsungen ist er ein Alptraumgewächs wie aus einem Horrorfilm. Ich mache, was jeder vernünftige Mensch tun würde: Ich fotografiere den Baum und stelle das Foto auf Instagram.

Dabei stelle ich fest, dass mehr als 26 Millionen Fotos mit dem Hashtag #tree gepostet wurden, mit #trees 19 Millionen. Mein Foto wird im Handumdrehen von mir unbekannten Baumliebhabern aus Kalifornien, Montana, Berlin und Polen gelikt. Wer sich für Bäume interessiert, findet weltweit offenbar schnell Anschluss. Vielleicht konzentrieren wir uns von nun an auf das Sammeln und Posten von Baumbildern – bis sie in China unsere Drohne repariert haben.

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