Gesellschaftskritik Duzer in Nadelstreifen

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"Lieber Hos" klingt frischer als "Lieber Hans-Otto". © dpa

Der Chef des Otto-Versands möchte von seinen Angestellten geduzt werden. Hans-Otto Schrader hat 53.000 Mitarbeitern das Du angeboten. Sie sollen ihn künftig "Hos" nennen. "Lieber Hos" klingt nämlich noch frischer als "Lieber Hans-Otto". Hos meint, das stehe für den Kulturwandel beim Otto-Versand. Das Business-Du ist ein äußerst beliebtes Kulturwandelmittel in deutschen Unternehmen. Chefs stellen sich vor, dass ihre Angestellten sich seit Jahrzehnten wünschen, ihre Vorgesetzten duzen zu dürfen, um das Gefühl haben zu können, alle seien Freunde – wenn nicht sogar eine Familie. Davon reden Manager so, als hätten sie ihren Angestellten etwas geschenkt, dabei nehmen sie ihnen in Wirklichkeit etwas weg, das Sie nämlich.

Im Deutschen ist in der Anrede eine Differenzierung der persönlichen Nähe möglich. Es wird den Deutschen oft angekreidet, dass sie unpersönlich und förmlich seien, weil sie nicht einfach wie die Briten "you" sagen.  Doch wer "Sie" sagt, ist deswegen nicht distanziert, sondern höflich. Er gibt dem anderen die Möglichkeit, auf Distanz zu bleiben, wenn er möchte. Das Sie macht klar, dass  man zwar in bestimmten Funktionen miteinander zu tun hat, deswegen aber noch keine persönliche Verpflichtung eingeht. Besonders hilfreich ist das in Angestelltenbeziehungen. Solche sind ja im Grunde eine unangenehme Sache. Man muss sich mit Menschen auseinandersetzen, mit denen man unter anderen Umständen nichts zu tun haben wollte, man bekommt eben Geld dafür.

Der gesiezte Angestellte gibt seine Lebenszeit und behält wenigstens noch seine Würde. Der Chef darf sich nicht einbilden, dass er mit dem Monatsgehalt auch persönliche Freundschaft einkauft. Ein Chef, der das Du einführt, nimmt seinen Angestellten das Letzte, nämlich die Distanz, die sie zu ihm wahren dürfen. Was kommt als nächstes? Wird Hos Facebook-Freundschaftsanfragen an alle Mitarbeiter verschicken? Müssen dann 53.000 Leute an seine Timeline posten, wenn er Geburtstag hat?

In Wahrheit ist die Einführung des Du die billigste Form der Innovation. Man will angelsächsische Unternehmenskultur zum Nulltarif. Dabei irren die neuen Duzer in Nadelstreifen. Im englischen You ist es nämlich tatsächlich die zweite Person Plural, die im Laufe der Jahrhunderte die erste Person Singular Thou verdrängt hat. Nicht das Sie, sondern das Du wurde bei den Briten abgeschafft. Es ist in England nicht so, dass sich Chefs und Angestellte duzen. In Wirklichkeit siezt man sich bei den Briten sogar, wenn man "fuck you" sagt. Während man in England also umso höflicher zueinander wurde, will man in Deutschland heute unhöflicher werden. Und das ist wiederum sehr, sehr, deutsch.

34 Kommentare

Es scheint ja auch eine deutsche Eigenschaft zu sein, dass man zu anderen hinschielt und meint, die würden es besser machen. Alle Anredetraditionen haben sich doch im Laufe der Zeit entwickelt und sind dann jeweils üblich. Bei uns ist es im Allgemeinen das differenzierende Du bzw. Sie. Doch auch hierzulande gibt es verschiedene Formen, wie das "Hamburger Sie" (Vorname und Sie), das man bei der ARD öfters hört, oder das "Münchner Du" (Nachname und Du), das sich bei Supermarktangestellten eingebürgert hat.

Aber das Aufoktroyieren von oben nach unten geht gar nicht. Man stelle sich den umgekehrten Weg vor: Der Betriebsrat beschließt, dass ab jetzt alle Mitarbeiter und Chefs geduzt werden. Das geht auch nicht.

Für mich persönlich gilt: Das "Du" muss sich jemand durch vertrauliche Nähe erst verdienen.

Die blosse Verwendung der Wörter "Du" und "Sie" bestimmt nicht über das Mass an Respekt. Es geht mehr um den Gebrauch der Sprache "danach" also beispielsweise das eher zurückhaltendere, achtungsvollere Verhalten gegenüber dem Angesprochenen bei der Umschreibung eines nachfolgenden Sachverhaltes. Dies funktioniert so auch in der englischen Sprache. Hier wird ganz natürlich bei Verwendung nur eines Personalpronomens die Sprache je nach sozialer Situation angepasst. Dasselbe machen wir als Muttersprachler in Deutsch, haben dazu aber noch zwei verschiedene Personalpronomen, die so also eher als Signalwörter oder als Erinnerung funktionieren (quasi Konditionierung?), lediglich den nachfolgenden Text auf eine Person abzustimmen, der wir mit mehr oder weniger Respekt begegnen und dies so ganz offensichtlich zu Beginn des Gesprächs anzeigen. Lässt man im Gespräch diese Unterscheidung weg, in dem man eine "Sie-Person" duzt, ändert das erfahrungsgemäss anfangs wenig am achtungsvolleren sprachlichen Ausdruck. Die Vorsicht oder besondere Achtung gegenüber dieser Person wird, wenn sie entgegen dem verwendeten Personalpronomen wünschenswert ist, dann eben inhaltlich entsprechend gestaltet. Im Ergebnis ändert sich also erst einmal nichts bzw. wenig. Wird eine "Du-Person" gesiezt (Eltern durch ihre Kinder in gewissen Ländern), gibt es ebenfalls eine gewisse Anpassung, eine Vertrautheit, die unabhängig von den verwendeten Personalpronomen über diese hinaus mitgeteilt wird.

Der Autor irrt, wenn er sagt, im Englischen gebe es nur das "Sie". Sprachhistorisch stimmt das zwar, für das heutige Englisch ist es aber so, dass es ganz einfach keine Unterscheidung vom Typ Du/Sie, tu/vous gibt.

Das hat auch nur oberflächlich etwas mit Höflichkeit zu tun, denn die Annahme, der Engländer sei weniger höflich als wir Deutschen wird wohl jeder als abwegig erkennen, der schon einmal länger als zwei Minuten in England war.

Zunächst ist thou nicht die erste, sondern die zweite Person Singular. Das spielt aber keine Rolle - you wird als informell empfindet, thou eher als formell, da nur in formellen Zusammenhängen noch existent.
Ich kann all das, was der Vf. darin sieht, im Sie nicht Erkenntnissen. Es braucht für Höflichkeit und Respekt keine Pluralform. Das Arbeitsverhältnis wird kein anderes durch das Du. Aber das Sie verkommt vielfach zur abwertenden Anrede. Führungscliquen in Unternehmensbüro und Behörden sind per Du. Gesiezt wird, wen man mit der Kneifzange nicht anfassen will. In einem demokratischen Rechtsstaat, der auf dem Grundgedanken der Gleichheit und Freiheit aller beruht, finde ich das Du angemessen.

Unerwähnt bleibt, dass englischsprechende Deutsch bei Britten nicht selten als unhöflich gelten. Wenn ich richtig informiert bin, ist es im brittischen englischen deutlich schwieriger höflich zu sein, da eben nur eine Form der Ansprache genutzt wird. Stattdessen kexistieren bestimmte Höflichkeitsformeln, die den deutschen meist unbekannt sind.

Hier reden alle über Distanz. Wenn ich an die ganzen persönlichen Fragen, die sowohl direkt als auch indirekt mit Geld zu tun haben, frage ich mich wo ist die Distanz? Da hilft auch das Sie nicht. Es gibt halt Leute, die Achtung vor Privatsphäre haben und andere nicht. Was hat das mit Sie zu tun? Da erzählen einem die Leute beim Bäcker die ganze Lebensgeschichte: Eheprobleme, Arbeitsprobleme, usw. (mit Sie). Sehr persönlich. Volle Belästigung! Wo wohnen Sie? Damit wollen die Leute wissen ob man in einem guten Stadtteil lebt und Geld hat. Das soll eine SIE-Distanz und Respekt sein? Nein bestimmt nicht.

Ich finde die Zwangsduzerei ebenfalls unangenehm, vor allem bei Vorgesetzten und älteren Menschen. Ja, es ist eine Abgrenzung, die aber auch nach beiden Seiten wirkt. Ich möchte erst einmal Distanz wahren, bis man sieht, wie man sich versteht. Das Sie ist erst einmal eine Höflichkeit, bei älteren Menschen auch Respekt. Ich würde niemandem im Alter meiner Großeltern duzen, der nicht mit mir verwandt ist. Ich hätte auch keinen meiner Lehrer in der Oberstufe oder Dozenten an der Uni duzen wollen, deren Beruf ist es, mir etwas beizubringen und nicht Freundschaften zu schließen. Mit meinem Vorgesetzten will ich mir auch kein vertrautes Verhältnis aufzwingen oder ein Verhältnis auf Augenhöhe vorgaukeln lassen, indem ich ihn duze und ein wenig Abgrenzung vom Chef hätte ich auch schon gerne. Bei den Vorgesetzten, die ich duzen musste, habe ich mich nie wohlgefühlt. Dort, wo es (auch bei Kollegen) beim Sie blieb, war das Ganze irgendwie entspannter, gelegentlich hat sich dann auch ein Du ergeben, aber wie gesagt ergeben und nicht aufoktroyiert.

Zitat: "Das Sie ist erst einmal eine Höflichkeit, bei älteren Menschen auch Respekt."

Da kann ich immer nur verdutzt mit dem Kopf schütteln. Mir ist unbegreiflich, wie viel man in ein einzelnes Wort hinein interpretieren kann. Auch frage ich mich, wodurch sich z.B. alte Menschen automatisch Respekt verdient haben als andere? Oder weshalb erwähnen Sie diesen Umstand extra?

Ich finde es unangenehm wenn sich jeder mit mir Dutzen will. Auch mit SIE kann man freundschaftlich, ja sogar vertraulich umgehen. Das Du ist Leuten mit denen mich tieferes verbindet vorbehalten. Ich will nicht jedermanns Kumpel sein und erwarte auch das das respektiert wird!

"Johann wurdest du bitte mal meinen Anzug rauslegen!"
"Jawohl mein Herr, werde ich sofort für Sie erledigen!"
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Du&Sie waren und sind klare Standesgrenzen, die sich in unserer Sprache in unser Jahrhundert gerettet haben. Genau so mMn. überflüssig wie der "Herr Dr."!
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"DU" hat mit Freundschaft z.B. in Scandinavien nichts zu tun. Die Positionen bleiben für alle merkbar die gleichen.
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Wir sind sprachlich einer der wenigen Gruppen, die das noch nach aussen kenntlich machen. Das "Vornamen Sie" mMn. ist die schlimmeste Krücke die daraus entstanden ist:-((
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Ein Kollege beschrieb mal (der arbeitete an einer UNI in Oslo):
In Norwegisch & Englisch ging das in einer gemischten Sprachgruppe locker hin und her mit du/you....
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Als er dann mal durch Zufall mit 2 deutschen Studs. alleine war, rutsche man in die Muttersprache und die Studs sietzten den Prof mit Nachnamen und Titel..... Eine wie er sagte lächerliche Siezuation. :-))
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Gruss, ja dich meine ich
Sikasuu

Ja Titel gehören ebenso dazu. In Norwegen gilt es als sehr persönlich den Schulabschluss miteinander zu vergleichen. Hier macht man sich einen Aufkleber auf die Rückscheibe des Autos und fährt mit der Aufschrift: ABITUR 2016 durch die Stadt, damit auch jeder sehen kann welchen Schulabschluss man hat. Hinterher Sietzt man sich und findet alles ja nicht so persönlich.

In der Schweiz ist man - anders als in Deutschland , und auch im geschäftlichen Umgang - sehr schnell beim "Du". Das hängt mit dem unterschiedlichen Staatsverständnis zusammen. Deutschland ist jahrhundertelang hierarchisch "von oben herab" regiert worden, vom Adel oder später auch mal von Diktatoren. In der Schweiz sind derartige Hierarchien kaum ausgeprägt, jeder ist automatisch "Gleicher unter Gleichen". Wilhelm Tells Weigerung, den Hut des habsburgischen Landvogts Gessler zu grüssen, ist tief in der schweizerischen Mentalität verankert, man akzepiert Autoritäten nur sehr widerwillig. Und das verbindet die Menschen. Und da hierarchisch niemand über den anderen steht, ist das "Du" eine fast zwangsläufige Folge.

Das ist auch nicht ganz richtig: Beides sowohl das Du als auch das Sie wurden abgeschafft. Es geht hier nicht um das Buchstäbliche verstehen der ganzen Sache. Die Unterscheidung ist weg! Abstrakt gesehen. Da die Unterscheidung weg ist, bleibt nur ein Wort das DUSIE Wort.

Nö, das Rumgeeiere mit "Du" und "Sie" im deutschsprachigen Raum finde ich nur noch anstrengend. Im beruflichen Umfeld habe ich viel mit Pädagogen und Technikern (IT) zu tun. Die Angehörigen der jeweiligen Gruppen duzen sich ganz selbstverständlich untereinander. Das "Du" der Personen der anderen Seite muss man sich immer erst einzeln mühsam erarbeiten.
Wer unbedingt das "Sie" braucht, um Respekt gegenüber anderen auszudrücken oder sich von anderen respektiert zu fühlen tut mir eigentlich leid.
Und zum guten Beispiel Skandinavien: In den seltenen Fällen wo man glaubt, besonders höflich sein zu müssen geht das auch: Wenn man royalen Besuch hat werden nur kleine Kinder fragen "Hallo König, willst du noch eine Tasse Kaffee?". Der Erwachsene wird eher formulieren: "Möchte der König noch ein Stück Kaffee?". Das ganze natürlich z.B. auf Schwedisch. ;-)

Das "Du" gegenüber König und Co. wird in Schweden immer üblicher. Laut Königshaus ist das auch in Ordnung - und wenn es das nicht in Ordnung fände, dann würde ich als Republikaner den König erst recht duzen. :D

Die Situation ist in Schweden aber auch anders als in Deutschland. Die schwedische "Du-Reform" ist erst wenige Jahrzehnte alt, und sie schaffte kein relativ leicht begreifliches "Sie" ab, sondern ein regional zersplittertes Chaos aus Titeln, Umschreibungen, Dritte-Person-Anreden usw. Wenn es ein einheitliches Äquivalent zu "Sie" als Höflichkeitsform gegeben hätte, wer weiß, ob die Reform dann Anklang gefunden hätte. Heute verwenden ja immer wieder mal Schweden "Ni" (also wörtlich "Ihr") als Höflichkeitsform - obwohl das früher eigentlich eine Anrede an Untergebene war. Es zeigt aber, das ein gewisser Wunsch nach solch einer Form besteht.

Ich glaube kaum, dass Sie einem CEO verbieten, Ihnen das DU anzubieten oder Sie zu duzen. Sie wissen ja, was ein Abstellgleis ist. Zum anderen Ihr Vergleich mit dem "A" Wort im Schwabenland entbehrt jeder Grundlage. Wie waere es aber grundsaetzlich Angestellte mit Vornamen und "Sie" anzureden? Das haette doch eine persoenliche Note.

Von unseren GF-Mitglieder geduzt zu werden, fände ich absolut daneben. Umgekehrt ebenso. Im Englischen sagen wir selbstverständlich you und reden uns mit Vornamen an, einfach, weil es üblich ist. Und selbstverständlich bin ich auch mit deren Assistenzen per Sie.
Mit Kollegen und den unmittelbaren Vorgesetzten ist Du ok, wenn es auch einen persönlichen Austausch gibt und/oder wir keine funktionsbedingten konkurrierenden Interessen haben.

Naja, gegenüber Fremden bei eher förmlichem, gesellschaftlichen Kontakt nehmen aber auch Amerikaner nicht immer den Vornamen. Gegenüber einem deutlich höher gestellten Vorgesetzten auch nicht unbedingt. Gibt natürlich Unternehmen, die da auf die Weise eine "lockere" Firmenkultur, oder eine, bei der Privates und Berufliches verschwimmt, erreichen wollen.

Das Einführen des Dus (oder alternativ die Verwendung des Vornamens) finde ich einseitig schlicht unhöflich. Das Du kann man verwenden, wenn man sich auf ähnlicher Ebene begegnet oder wenn sich eine persönliche Bezeihung entwickelt. Ein CEO kann sich mit dem Hausmeister Duzen, wenn er mit dem gerne in der Mittagspause quatscht, das auf Gegenseitigkeit basiert und er auch nicht vor hat, ihn demnächst rauszuschmeißen. Aber mit ein paar 10000 Angestellten wird er ein solches Verhältnis nicht haben.

Dass in englischsprachigen Länder die zweite Person plural als direkte Anrede benutzen wird stimmt zwar, aber damit hat sich auch die Bedeutung gewandelt. Als alternative wird dort heute der Vor- oder eben als Sie-Form der Nachname als Anrede benutzt um klarzustellen wie es gemeint ist.
In Skandinavien gibt es wirklich nur noch das "du". Und nach mehrjähriger Erfahrung finde ich es extrem angenehm, wenn man auf den Sprachlimbo mit "sie" und "du" verzichten kann. Das erleichtert den Umgang miteinander erheblich.

"... finde ich es extrem angenehm, wenn man auf den Sprachlimbo mit "sie" und "du" verzichten kann. " Der Sprachlimbo bleibt aus wenn man beim "Sie" bleibt, solange sich die Gesprächspartner untereinander auf ein "Du" geeinigt haben und niemand ein generelles "Du" einführt.

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