Endlich Vintage! Keine Falten? Frommer Wunsch, Froillein

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Neulich waren der Hund und ich im Fernsehen. Wir saßen auf einem roten Sofa, also der Hund davor, wir wurden ja gefilmt, und dazu sehr nett zum Thema Alter befragt, der Hund vermutlich, weil er jetzt um die Schnauze herum ein wenig weiß wird, und ich, nun ja. Wir waren Testpersonen, es ging unter anderem um die Effekte einer kleinen Befragung von Bürgern in einer norddeutschen Einkaufszone auf ältere Studiogäste. "Was geht gar nicht im Alter?", lautete die Frage und die Antworten waren so: Gar nicht ginge, sagte ein Typ mit allen Anzeichen des Ekels: rote Hosen! An älteren Damen! Überhaupt nicht ginge: Falten in einem gebräunten Gesicht, sagte ein junge Frau. Eine ältere Frau sagte, gar nicht ginge, wenn eine Mutter dieselben Kleider wie ihre Tochter trage. Eine noch jüngere Frau sagte, gar nicht ginge, wenn die Älteren auf Facebook und Twitter und so unterwegs wären. Oldies-Alarm im Netz! 

Keine Falten. Keine Bräune. Keine roten Hosen. Und alles ohne Internet. Was die Leute so denken. Mir wurde klar, wie schnell man zum Ärgernis wird, im Alter. Als Frau. Okay, ich trug gerade keine rote Hose, auf einem roten Sofa würde man ja mit roten Hosen eine komische Figur abgegeben, im besten Falle mittig amputiert wirken, natürlich nur, wenn man das Rot exakt getroffen hätte. Aber nie rote Hose? Das ganze lange Alter nicht? Meine süßen weichen Kirschkordhosen in die Tonne stopfen? Und keine Falten? Frommer Wunsch, Froillein.

Die Aufnahmen im Studio zeigen leider , dass ich bei bester Ausleuchtung um den Mund herum durchaus schon kräusele, es sieht aus wie wenn ich ein kleines "Phhh" von mir geben würde, etwa so, wie ich das Schnütchen spitzen musste, als ich vor Jahren bei den Yogis in der Geburtsvorbereitung das Wegatmen der Wehenschmerzen übte. Ich kann verstehen, dass Leute das nervig finden. Es funktionierte ja auch nicht, das Wegatmen, was man erst zu spät merkt, nämlich im Kreissaal, wenn der Kurs schon bezahlt ist und der Wehenrhythmus für Reklamationen schon zu hart kommt. Ich selbst mag noch heute nicht hinsehen, wenn irgendwo ein spitzes Faltenschnütchen auftaucht, dann zieht sich mein Muttermund in schmerzlicher Erinnerung hart zusammen.

Susanne Mayer

Susanne Mayer ist Kulturreporterin des ZEIT-Feuilletons. Jeden Monat erscheint dort ihre Männer!-Kolumne. Für das ZEITmagazin ONLINE berichtet sie von jenem seltsamen Kontinent, wo einem graue Haare wachsen – Endlich Vintage! Eine Kolumne über das Altern. Gerade ist ihr Buch Die Kunst, stilvoll älter zu werden beim Berlin Verlag erschienen. Hier finden Sie die Autorin auf Twitter.

Aber kann das alles ein Grund sein, nur noch in Island Urlaub zu machen, damit sich Falten nicht mit Bräune kombinieren und sowieso unter gepolsterten Parkas verschwinden? Gibt es jetzt für mich ein Florenz-Verbot? Nie mehr Cappuccino vor dem Caffè Paszkowski mit Blick auf die Piazza della Repubblica, aus Angst vor der südlichen Sonne, wegen nachdunkelnder Fältelung? Und wie hält man in Island Kontakt, ohne Internet? Könnte ich noch meine Freunde auf Facebook stalken? Wäre es erlaubt, heimlich zu twittern? Haben womöglich auf Facebook so wenige Leute ihr Geburtsjahr eingeblendet, weil sie fürchten, demnächst automatisch aus den Freundeslisten herausgeharkt zu werden. Wegen des Alters? Das wäre dann ab wann? Ab 35? Oder 42? Dürfen dann womöglich auch auf ZEIT ONLINE nur noch Leute schreiben, die ZEIT ONLINE vor 20 Jahren nicht miterfunden haben? Werde ich womöglich ausgemustert, weil ich vor zehn Jahren den ersten Reiseblog mit eingespielten Fotos und Videos schrieb? 

Was ist überhaupt mit alten Männern? Ich stelle mir vor, wie die Vintage-Zone nur noch bevölkert ist von alten faltigen Männern in roten Kordhosen, die nicht verstehen, wo die alten Damen in ihren roten Kordhosen hin sind und sich einsam fühlen und auch mal was verboten kriegen möchten. 

Das letzte Mal hatte ich Rote-Hosen-Ärger, als ich etwa 14 war. Ich hatte mir eine Hose aus knallrotem schottischen Tartan gekauft. Das Styling Marlene, also weit geschnitten, das Muster Vivienne, also Westwood. Dazu trug ich schwarze Lack-Stiefelchen mit Plateausohlen. Mein Vater war empört. Mein Vater war ein Jesuitenzögling, was sich stilistisch in etwa so niederschlug wie es der karge deutsche Protestantismus noch heute gelegentlich tut, alle Farben waren erlaubt, solange sie hellgrau oder dunkelgrau waren. Sogar Weiß war verboten, jedenfalls als Lippenstiftfarbe. 

Lippenstift lernte ich damals, im Gehen blind aufzutragen, man verlässt das Haus, und wenn man vom Küchenfenster aus nicht mehr zu sehen ist – kommt der kleine süße Stift hervor. Erwachsenwerden hatte sich deshalb schon früh in mir zu einem wilden Wunsch verknäult, nie mehr meine Lippenstiftgewohnheiten oder meine Hosenfarbe verteidigen zu müssen. Eigentlich gar nichts mehr. Man nannte es Freiheit. Ja, ich werde jetzt ein wenig leidenschaftlich. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass die Kinder im Kindergarten nicht mehr, wie in meiner Kindergartenzeit üblich, an kleinen Leinen zum Spazieren geführt werden. Kinder dürfen bei Tisch sprechen, was sie wollen. Und jetzt wollen Leute, die meine Kinder sein könnten, mir erzählen, welche Hose mir erlaubt sei? Und was ist mit den Kleidern? Wer diese Kolumne regelmäßig liest, weiß, dass die Hälfte meiner Kleidchen von meiner Mutter sind. Müsste ich meiner Mutter nun, wenn sie noch leben würde, verbieten, sich bei mir ihre eigenen Kleider zurückzuleihen, weil es jetzt die Kleider ihre Tochter sind? 

Alles so ein Muff. Man soll anderen Leuten ja nicht erzählen, was sie zu denken haben, oder zu sagen, schon gar nicht erwähnen, dass es Zeiten gab, in denen ein frischer Wind wehte. Aber was wäre die richtige Haltung auf diese Verbieteritis? Vermutlich ein lockeres: Leck mich. Ich vermute, auch das ist heute verboten, also mir, wenn vielleicht auch noch nicht dem Hund.

Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Die Jugend kennzeichnet sich dadurch aus, dass man meint alles zu wissen und *den* Plan zu haben.
Das "Alter" - also wenn man beginnt ernsthaft Falten zu haben- dadurch, dass man erst weiß, was man alles nicht wusste (als man selbst jung war).
Klar hat man als echter "älterer" Mensch Falten. Vielleicht sehen rote Hosen und gebräunte Haut auch nicht mehr so hip aus. Aber das Tolle ist: Mit dem Alter nehmen nicht nur Falten, sondern auch die Einstellung zu, dass die Meinung der anderen ungefähr so wichtig ist (oder sein soll) wie der berühmte Reis Sack in China.
Sehr entspannend.

Vielleicht sollten Sie einen anderen Autor der ZEIT, Daniel-C. Schmidt, zum Thema befragen.
Ortete er doch erst kürzlich "Omas mit Gehstock" in Banksys Freizeitpark.

Ältere Menschen dürfen nicht nur keine roten Hosen mehr tragen, sie mutieren auch automatisch zu "Omas" und "Opas", egal, ob sie Nachkommen haben oder nicht.

Es ist nicht ohne Komik, dass eine Generation, die aus Gründen der political correctess die abstrusesten Verrenkungen vollführt, in Bezug auf Altersdiskriminierung völlig merkbefreit wirkt.