Justin Bieber Marmorierte Memoiren

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© Jason Merritt / Getty Images

Neulich hat Justin Bieber für die Zeitschrift GQ etwas über seine Tattoos erzählt. In einem kurzen Schwarzweißfilm, untermalt von ruhiger Musik, erklärte "Biebs" mit nacktem Oberkörper und großer Ernsthaftigkeit verschiedene Zeichen. In der Armbeuge: das Auge seiner Mutter. Auf dem Unterarm: eine Eule, die für Weisheit steht. Auf dem Oberarm: zweimal der Buchstabe L, der ihn daran erinnern soll, den Kopf hochzuheben, wenn er ihn hängenlässt. Auf der Wade: ein Bild von Jesus. Auf der Schulter: ein Indianerkopf, das Symbol der Eishockeymannschaft, zu deren Spielen sein Opa ihn immer mitnahm. Und, sein erstes Tattoo, auf der Leiste: die Möwe Jonathan aus dem gleichnamigen Buch, "ein Buch über eine Möwe", so Bieber, "die mehr als eine Möwe sein wollte".

Dieser Satz ist im Grunde der Schlüssel zur großflächigen Tattoo-Mania: Denn dort geht es um Körper, die mehr sein wollen als Körper. Die tätowierte Haut ist zugleich Lebenslauf (das Wort "believe" ließ Bieber sich an dem Tag stechen, als sein gleichnamiges Album rauskam – linke Armbeuge), Terminkalender (Geburtsdatum von Biebers Mutter – unterhalb des rechten Schlüsselbeins), Poesiealbum ("X bedeutet unknown, weil ihr vielleicht meine Schale kennt, aber nicht unbedingt mich" – rechter Unterarm) und Kalenderblattweisheit ( "vertraue", "vergebe", "Geduld" – verschiedene Biebersche Körperteile).

Seit Fotos aufgrund ihrer Vielzahl nicht mehr als ikonische Erinnerungen dienen, schreibt man sich besondere Momente in die Haut ein. Überall wird der Außenwelt mitgeteilt, was man selber wichtig und besonders findet, weil man sich damit selber wichtig und besonders findet und so der Furcht begegnet, in der Masse unterzugehen. Im Grunde sind die Tattoos in Bieberscher Menge die Memoiren der Gegenwart. Bald, Bieber hat es vorgemacht, werden Prominente aus ihren Tattoos vorlesen statt aus ihren Autobiographien. Und frisch Verliebte können sich so gründlich im Bilderbuch des anderen über dessen – im wahrsten Sinne des Wortes – Vorlieben informieren (grobe Kenntnisse in Chinesisch, Hebräisch und Sanskrit helfen dabei), dass das mit der Liebe vielleicht schon vorbei ist, bevor es angefangen hat.

Denn einen Nachteil haben diese Memoiren natürlich: Auf Papier konnte man über seine Jugendsünden elegant hinwegsehen oder sie ironisch kommentieren. Bieber hat ein Tattoo von seiner Exfreundin Selena Gomez am Handgelenk. Im Video sagt er, er habe schon versucht, es mit Schattierungen zu verdecken. Leider vergeblich.

14 Kommentare

Nun ... Tattoos sind Geschmacksache... Vor allem ich habe eine richtig gefragte Tätowiererin, wo unter praktisch sechs Monaten kein Termin zu bekommen ist ... ich kann mich also sehr lange fragen "Will ich das wirklich?"

.und wenn Sie meinen rechten Arm sehen würden ... das madagassische Tropenbiotop. Ein Phelsuma madagascariensis in voller Lebensgrösse und Farbenpracht auf einem Bambus, zwei endemische Orchideenarten, ein Trachelophorus giraffa, eine Pfefferranke und das alles fotorealistisch gemacht - ich glaube ich muss im Gegensatz zu Totenschädeln und Dämonenfratzen meine Tattoos nicht verstecken!

"...weil man sich damit selber wichtig und besonders findet und so der Furcht begegnet, in der Masse unterzugehen."

Ist das so? Dafür hätte ich gerne einen wissenschaftlichen Beleg. Der Vorwurf eines Minderwertigkeitskomplexes und die damit verbundene Etikettierung einer relativ großen Menschengruppe wiegt schwer, der möge dann auch belegt sein, und nicht so bedeutungsschwanger im Raum stehen bleiben. Was für eine Form von Gesellschaftskritik soll das sein? Und dann dient auch noch ausgerechnet Justin Bieber als Referenz. Eigene Vorurteile als Journalismus verkaufen. Clever. Das wäre doch was für ihren Twitter-Kanal, Frau Kemper? Für Denunziationen ist das sicherlich die geeignetere Plattform.

Tattoos sind, das habe ich hier gelernt, Glaubenssache - nur braucht es dringend, wie bei allem allegorischen Schriftsinn, einen "Katechismus zur Bildgrammatik". Sonst sind unangenehme Mißverständnisse unvermeidlich. In Biebs' Falle ist es etwa das "L", das ihn ermuntern solle, nicht den Kopf hängen zu lassen. OmG - hang down your head, Tom Dooley! Schon bei Luther steht (in Erläuterung einer Sachsenspiegel-Stelle), das lange L machen, bedeutet: gerichtlich am Galgen aufgehängt zu sein.

Sie haben recht! Da ich selber mehr als ein Tatoo habe und die Dinger lebenslang halten .... man sollte sich sehr gut vorher(!) überlegen, was man sich auf die Haut stechen lässt!

Ich habe da so eine private Regel: Eine Tattooidee wird drei Monate lang als Ausdruck an die Pinwand gehängt und ich überlege mir jeden Tag "Will ich das wirklich?" Drei bis sechs Monate sind auch die Terminvergaben bei meiner Tätowiererin - wie gesagt - sie ist eine gute und gefragt!

Auch meine Tätowiererin hat schon den Mut besessen, mir die eine oder andere Idee auszureden. Das bekommt man halt nicht, wenn man zu einem Pfuscher geht!

Naja, ich könnte da auch noch was psychologisieren. Zeigt "Biebs" sich wirklich so häufig entblößt der Umwelt, gäbe es da nicht effektivere Kommunikationswege, wenn alle Tattoos erklärungsbedürftig sind? Es könnte sich auch um den Versuch handeln, die Ereignisse aus einem total irrealen Leben ohne echte Bezugspunkte ein Stückchen weiter zu manifestieren. Vielleicht hilft es ihm ja, sein 27tes Lebensjahr zu überstehen.

Hach ja, immer wieder schön die ach so liberale zeit-online Redaktion zum Thema Tattoo zu lesen. Tattoos tragen ja schließlich nur Proleten, Dumme, Künstler mit Minderwertigkeitskomplex und Fußballer...
Wie wäre es denn mal mit einem wirklich sachlichen Artikel zum Thema Tattoo und Tattookunst im Wandel der Zeit. Die Autorin hat doch Kunstgeschichte studiert, wie ihr Profil hergibt. Da ließe sich doch sicherlich ein wirklich interessanter Artikel schreiben und nicht so eine schlechte "Gesellschaftskritik". Wenn man sich anguckt, was wirklich wahre Gesellschaftskritik wäre, eigentlich peinlich das so ein Artikel in dieser Rubrik veröffentlicht wird.

@Mr. Majaspe,

Danke für Ihre Meinungsäusserung! ich kann zu dem Thema inzwischen nur noch grinsen! Ich habe ein Doppelstudium in Ingenieurwissenschaften und Philosophie, habe einen Job in der Industrie mit einen sechsstelligen Gehalt, besitze praktisch alle Schiffahrtspatente die man auf dieser Welt erwerben kann ... Prolet? unsere Bibliothek beläuft sich auf inzwischen über 10,000 Bände. Breitwand-TV? Fehlanzeige!

Ich bin wie geschrieben absolut bunt tätowiert - am 13. April kommt weiteres dazu!

Ich habe mir da inzwischen nicht nur eine bunte sondern auch eine dicke Haut zugelegt und kann über dumme Kommentare nur grinsen! Was mir übrigens in meinem (etwas eher gehobenen) privaten und beruflichen Umfeld aufgefallen ist: Es gab nie dumme Kommentare! Anfragen liefen darauf hinaus"Oh, Du hast ein neues Tattoo .. darf ich mal gucken?"

Natürlich erzählen Tattoos Geschichten! Die Meinen? Linker Arm? Ein sehr kunstvoll ausgeführtes Tribal im polynesischen Stil (nicht diese primitiven großflächigen schwarzen Dinger, sondern richtig hübsch und mit vielen Details gemacht): Hochseesegler! Ja, meine Frau und ich sind in der Südsee gesegelt!

Rechter Arm? Ein madagassisches Tropenbiotop mit einem Phelsuma madagascariensis in voller Lebensgröße, einem richtig bizarren Trachelophorus giraffa, zwei endemischen Orchideenarten, einem Bambus und eine Pfefferranke Hobby: Fernreisen!

Warum sollen Tattoos keine Geschichten erzählen? Und wenn die wie bei mir von einer richtig guten Tätowiererin gemacht sind ....

Die Tattoos von Justin Biber wären alles, nur nicht mein Geschmack ... aber schließlich muss er es mögen!

Herrn Bieber für seinen sorglosen Umgang mit der eigenen Haut zu tadeln ist natürlich risikolos. Wobei ich zugeben muss, dies mit Interesse gelesen zu haben. Auf welche nebulös angedeutete Körperstelle er wohl " Geduld" tätowiert hat ? Nun, den Geburtstag seiner Mutter wird er doch wissen, aber wenn er wirklich öfter nachschauen muss, ist unter dem rechten Schlüsselbein eine echt doofe Stelle.

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