Wir müssen reden Kein Sex ist auch Sex

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ZEITmagazin Online: Welchen Effekt kann es auf uns haben, ganz bewusst eine Weile auf Sex zu verzichten, genauso wie man etwa zwischen Aschermittwoch und Karfreitag den Süßigkeiten oder dem Alkohol entsagt? 

Ulrich Clement: Interessant ist dabei das Spiel mit Unterschieden, denn durch sie nehmen wir wahr. Sich zu enthalten ist ein geschicktes Manöver, um einen Unterschied zu erzeugen, so dass man das, was man eine Zeit lang nicht hatte, besonders wertschätzen kann, wenn man es dann wieder hat.

ZEITmagazin Online: Wie funktioniert dieser Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Wertschätzung?

Clement: Unsere menschliche Wahrnehmung funktioniert über die Erzeugung von Unterscheidungen. Das heißt, wir müssen bei dem Vielen, das wir physiologisch wahrnehmen können, Wichtiges und Unwichtiges auseinanderhalten. Dazu arbeitet unser Gehirn mit Kontrastbildung oder mit Figur-Grund-Verhältnissen, wie man auch sagt. Man organisiert also blitzschnell das Wahrgenommene in den Vorder- oder in den Hintergrund. In Letzterem landet alles, was immer gleich ist – auch wenn es gut läuft, sodass wir es nicht nur nicht mehr wahrnehmen, sondern auch nicht mehr wertschätzen können. Das ist zunächst schlicht ein psychologisches Prinzip unserer Wahrnehmung. Man kann es sich jedoch aktiv zunutze machen, indem man bewusst Unterschiede generiert, etwa zwischen Genuss und Verzicht.

ZEITmagazin Online: Enthaltsamkeit bezieht sich meist auf Dinge oder Verhaltensweisen, für die soziale Regeln oder Tabus gelten. Dem Verzichtsgedanken liegt also immer auch ein "Besser nicht zu viel davon" zugrunde. So verzichtet man in solchen Phasen typischerweise auf das Rauchen, auf Alkohol, auf Fleisch, auf Süßes oder eben auf Sex. Nicht aber auf Kartoffeln oder Duschen.

Ulrich Clement

Prof. Dr. Ulrich Clement ist systemischer Paartherapeut und Sexualforscher. Zuletzt ist sein neustes Buch "Think Love. Das indiskrete Fragebuch" bei Rogner & Bernhard erschienen. In Heidelberg betreibt Ulrich Clement eine Privatpraxis für Coaching, Paar- und Sexualtherapie.

Clement: Natürlich gibt es diese rationale Seite, dass man gesund lebt und sich bestimmte schädliche Dinge nicht zuführt. Das ist unproblematisch und leuchtet unmittelbar ein. Doch Enthaltsamkeit folgt auch einer bestimmten Dramaturgie: Es ist eine Wohltat für das Selbstwertgefühl, wenn ich einer Verführung nicht erliege, sondern ihr widerstehen kann. Ähnlich wie bei dem berühmten Marshmallow-Test: Ich widerstehe der kurzfristigen Verlockung, so dass der auf später verschobene Genuss noch intensiver erlebt wird. Wenn ich mich nicht verführen lasse, habe ich zwar nicht den Genuss, dafür aber die innere Befriedigung, Herr und nicht Opfer meines Wollens zu sein. Man sollte Enthaltsamkeit nicht immer nur als miesepetrig bewerten. Sie folgt auch einer Ästhetik des Triumphs: Ich habe es geschafft!

ZEITmagazin Online: Warum ist Enthaltsamkeit als Übung in Selbstschulung so befriedigend fürs Ego?

Clement: Weil es befriedigend ist, seine Selbstwirksamkeit zu erfahren. So heißt dieser psychologische Effekt. Ich nehme mich nicht als Opfer von Umständen wahr, sondern als deren Gestalter.

ZEITmagazin Online: Schwingt im Widerstehen gegen eine Verführung nicht auch etwas von einem Trieb mit, dem es entgegenzuwirken gilt?

Clement: Der Witz ist natürlich: Ginge es nur darum, einen Trieb zu beherrschen, wäre Enthaltsamkeit fad. Reizvoll wird das durch den Verlauf. Es kommt nicht nur darauf an, dass ich mich beherrsche, sondern ebenso darauf, wann ich diese Beherrschung wieder aufgebe. Auch psychologisch wäre eine dauerhafte Enthaltsamkeit weniger stark, denn kompetent bin ich nur, wenn ich die Wahlmöglichkeit habe und auch das Gegenteil kann. Ich bin also lediglich dann kompetent enthaltsam, wenn ich frei bin, die Enthaltsamkeit auch wieder mit Sex zu beenden.

ZEITmagazin Online: Steckt im bewussten Verzicht auf Sex auch eine Kritik an einer womöglich zu stark auf Sex fixierten Gesellschaft  – ganz ähnlich wie im bewussten Konsumverzicht auch eine Kritik an unserer Konsumgesellschaft deutlich wird und im Medienverzicht eine kritische Haltung zur Informationsflut?

Clement: Beim Konsum und in der Mediennutzung stimme ich Ihnen zu. Beim Verzicht auf Sex sehe ich aber keine ähnliche Grundhaltung. Denn im bewussten Verzicht beispielsweise auf Konsum schwingt auch ein Überlegenheitsgefühl mit, eine Hochnäsigkeit, mit der ich dann in meinem Konsumverzicht auf die anderen herabblicke, die sich nicht beschränken können. Verzicht auf Sex ist hingegen kein breiter kultureller oder gar moralischer Trend. Es ist eher eine Genussstrategie.

ZEITmagazin Online: Enthaltsamkeit als Genussstrategie?

Clement: Als Teil einer Genussstrategie. Das ist wichtig, denn Enthaltsamkeit allein wäre keine. Erst das Warten, die Vorfreude, das Dilatieren und Hinauszögern, bis es dann wieder so weit ist und die Enthaltsamkeit endet, machen es insgesamt zu einem Genuss.

ZEITmagazin Online: Ist dieser Genuss größer, wenn man sich ihm nicht als Single, sondern als Paar hingibt?

Clement: Mit einem Partner kommt die Bündnisfreude hinzu.

ZEITmagazin Online: Dass man sich so freimütig für Abstinenz entscheiden kann, liegt das auch daran, dass Erotik und Sex heute ein selbstverständlicher Teil der Mainstream-Erlebniskultur geworden sind?

Clement: Sex ist kein externes, also gesellschaftliches Kontrollmittel mehr, wie er es beispielsweise früher für die Frau und deren Rolle in der bürgerlichen Ehe war. Enthaltsamkeit hätte in einer Gesellschaft oder in einer Zeit, in der viele Facetten des Sex sowieso verboten sind, natürlich keinerlei Sinn. Insofern: ja. Es ist ein Beleg unserer Freiheit, dass wir heute einfach Ja zum Sex sagen können genauso wie Nein.

ZEITmagazin Online: Besteht denn im Umkehrschluss zum oben Gesagten die Gefahr, dass man den Spaß am Sex gar nicht mehr zu schätzen weiß, wenn man mit regelmäßiger Zuverlässigkeit guten Sex hat?

Clement: So schlimm ist regelmäßiger Sex auch wieder nicht! Aber hier wird der Unterschied zwischen Zufriedenheit und Glück deutlich: Das eine ist ein kontinuierlicher Zustand des Wohlbefindens, der auch ereignislos bleiben kann und nur durch negative Ereignisse gestört wird. Glück hingegen ist etwas Punktuelles. Es geschieht plötzlich, vergeht aber auch wieder. Ein dauerhaftes Glück kann es im Gegensatz zu dauerhafter Zufriedenheit nicht geben. Enthaltsamkeit zielt auf eine Glückserzeugung ab. Mit ihr wollen wir etwas wieder aus dem Hintergrund herauslösen.

ZEITmagazin Online: Das würde für eine Partnerschaft bedeuten, dass Sex und Enthaltsamkeit ein probates Mittel sein können, um Glücksmomente zu erzeugen.

Clement: Genau.

ZEITmagazin Online: Manche Religionen fordern eine gewisse Form Enthaltsamkeit zu bestimmten Phasen, wie der Islam zur Fastenzeit oder das Judentum während der Menstruation. Ist das nun eher als Kontrollinstrument zu interpretieren oder als menschenfreundliche Genussstrategie?

Clement: Gemeint ist das als Kontrolle. Aber es hat einen interessanten Effekt. Michel Foucault hat das sehr klug in seinem Werk Sexualität und Wahrheit beschrieben. Durch die Diskursivierung der Sexualität, also dadurch, dass man rund um die Sexualität Gebote und Verbote errichtet und damit dauernd über sie redet, macht man sie überhaupt erst zum wichtigen Thema. Es stimmt also nicht die simple Beschreibung, dass Sex unterdrückt wurde, sondern dass man paradoxerweise über das Aussprechen von Verboten und das Schaffen von Konflikten Sexualität ins Gespräch bringt und ihr Bedeutung und Raum gibt. Die katholische Kirche mit ihren vielen Enthaltsamkeitsforderungen ist nach Foucault ein schönes Beispiel dafür.

ZEITmagazin Online: Bleibt die Frage, ob die Erwartung an den Ostersamstag, oder wann auch immer die Enthaltsamkeit endet, nicht zu groß ist?

Clement: Nicht unbedingt. Wenn die Stimmung positiv aufgeladen ist, kann auch ein großes Ereignis folgen.


9 Kommentare

Zitat aus dem Interview: Manche Religionen fordern eine gewisse Form Enthaltsamkeit zu bestimmten Phasen, wie der Islam zur Fastenzeit oder das Judentum während der Menstruation.

Das Christentum könnte man auch noch erwähnen. Dort ist Enthaltsamkeit ebenso gefordert. Sex dient dort allein zur Zeugung neuen Lebens. Gute Christen haben also nahezu nie Sex.

Ansonsten ein interessantes Gespräch. Enthaltsamkeit kann durchaus reizvoll sein, wenn sie von beiden Partnern (oder eben einem Single) gewollt ist. Enthaltsamkeit ist aber frustrierend, wenn sie erzwungen, aufgezwungen ist.
Herr Clement wird viele Fälle kennen, in denen das das Thema ist.
Mit Sicherheit sitzen mehr Paare vor ihm, bei denen ein Partner sich dem anderen verweigert, als Paare, die dieses Element des Reizes in der Beziehung leben.

Ich finde Ihrr Ansicht gegenüber des Christentums sehr amüsant. Es zeichnet einen religiösen Menschen aus dem Gehorsam zu leisten der Regeln vorgibt und sie unter irgendeinen Deckmantel verpackt.
Die Bibel an sich verdeutlicht klar das Sex nur in die Ehe gehört, aber nicht dass es nur zu Fortpflanzungs zwecken dienen soll (siehe das Hohelied). Im Grunde genommen ist das was der Artikel wieder gibt (alle Achtung) auch im 1.Korinterbrief zu finden. Der Autor empfieht es dort auf Sex für eine Zeit zu verzichten, in der man seine Zeit nutzen kann um für sich persönlich Gott näher zu kommen. Er stellt aber klar heraus, dass es notwendig ist anschließend wieder einander beizuwohnen.

Was in der Bibel steht, ist ja nicht zwangsläufig das, was in der Kirche vertreten und gepredigt wird, bzw von wirklich Gläubigen gelebt wird.
So ist das mit den Religionen. Es gibt die Grundlagen und die, die diese unters Volk (oder übers Volk) bringen. Über die Doppelmoral der Kirchenvertreter muss ich angesichts der neuesten Meldungen (Würzburg) ja nichts weiter sagen. Fragen Sie doch mal konservative Pfarrer oder Bischöfe zum Thema "Spass am Sex".
Wie der einzelne Christ (die Bandbreite dürfte ziemlich groß sein zwischen "Kirchenmitglied" und wirklich und wahrhaftig gläubig) mit dem Thema umgeht, ist ja wieder was anderes.

Etwas Ähnliches habe ich mir auch gedacht. Als hätte jeder Sex oder würde irgendwie irgendwann von irgendwem begehrt. Meine Kinder brauchen mich. Punkt. Was spielt jetzt Sex noch für irgendeine Rolle????? Schreiben in der Zeit nur noch Teens und Twens oder vielleicht noch ein paar frustrierte Dreißiger? Das bleibt so die nächsten 30 Jahre. Ist so. Und es gibt genug Anderes zu tun.

Das scheint mir doch sehr realitätsfern. Ich weiß dadurch, dass ich generell mit Menschen verschiedenster Generationen gerne über alles Mögliche lange und intensive Gespräche führe, dass Sex in eigentlich jedem Alter idR eine verhältnismäßig wichtige Rolle spielt. Nicht wie in den Zwanzigern, aber auch nicht, als sei ein Verlangen non-existent. Bitte nicht von sich selbst auf andere schließen. Weder über Generationen noch Geschlechter hinweg.

Unsere Kinder haben uns auch gebraucht. Aber zum einen nicht 30 Jahre rund um die Uhr und zum anderen spielte für uns auch in dieser Zeit Sex durchaus eine Rolle und lässt sich durchaus auch damit vereinbaren – OHNE die Kinder zu vernachlässigen!
„Ist so“ stellt eine meines Erachtens unzulässige verallgemeinernde Tatsachenfeststellung dar. Und im Grunde tun Sie mir leid...

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