Die Komissarinnen Henni Sieland und Karin Gorniak mit der Kommissarsanwärterin Maria Mohr bei Schlagersängerin Tina Derlinger: v.l. Henni Sieland (Alwara Höfels), Tina Derlinger (Alexandra Finder), Karin Gorniak (Karin Hanczewski), Maria Mohr (Jella Haase) © MDR/Andreas Wünschirs

"Tatort"-Kritikerspiegel Ätänschen, please

Neues Team, neues Glück? Das Ermittlerinnen-Duo muss im Dresdner "Tatort" nicht nur einen Mord in der Schlagerszene handeln, sondern auch den eigenen antiquierten Chef.

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Wir zeigen Sachsen, wie es singt und trinkt. Die Pegida kommt im neuen Tatort aus Dresden zwar nicht vor, dafür aber ostdeutsche Schlagermusiker und ihr mörderisches Geltungsbedürfnis.

Lars-Christian Daniels: Sachsen hat einen besseren Tatort verdient als die Leipziger Beiträge der letzten Jahre – und nebenbei liefern wir Ihnen endlich das erste weibliche Ermittlerduo in der über vierzigjährigen Geschichte der Krimireihe. Das war's aber auch schon mit den Neuerungen: Irgendwie wird man bei diesem Tatort das Gefühl nicht los, man hätte das alles schon mal irgendwo anders (besser) gesehen.

Kurt Sagatz: Nach dem frühen Aus in Erfurt startet der MDR in Dresden mit dem ersten rein weiblichen Ermittlerteam – allerdings unter Kontrolle eines Vorgesetzten, dessen Sinn für Gleichberechtigung nicht vorhanden ist. Klingt konstruiert, scheint jedoch aufzugehen. Dass ausgerechnet im Schlagermilieu ermittelt wird, zeugt von Selbstironie.

Kirstin Lopau: Ein neues Team in Dresden, das nicht psychologisch betreut werden muss, wild in der Gegend herumballert oder sonstige schwere Macken hat. Nein, dieses Team ist herrlich! Worum es hier geht? Es geht um Alt gegen Jung, um Antiquiert gegen Technisch auf der Höhe, um Kollege gegen Kollegin. Selten sind diese Themen so amüsant und dennoch würdig behandelt worden.


Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 7 Punkte.

Lars-Christian Daniels: Karin Gorniak (Karin Hanczewski): 4 Punkte, Henni Sieland (Alwara Höfels): 6 Punkte.

Kurt Sagatz: Das weibliche Ermittlerteam zeigt gute Ansätze, Martin Brambach wahre Spielfreude: 7 Punkte.

Kirstin Lopau: Karin Gorniak und Henni Sieland beide 9 Punkte. Hoffentlich bleiben die Damen so herrlich. Ihr Chef Peter Michael Schnabel auch 9 Punkte, der alte Kauz ("Immer dieses Internet!").

Unsere Kritiker

Christian Buß ist Kultur-Redakteur bei Spiegel Online und schreibt dort regelmäßig über den Tatort.

Lars-Christian Daniels bespricht für sein Blog Wie war der Tatort? und das Onlinemagazin Filmstarts den Tatort und weitere TV- und Kinofilme.

Kurt Sagatz ist Medienredakteur beim Tagesspiegel und schreibt dort regelmäßig über den Tatort.

Kirstin Lopau ist ZEITmagazin-Leserin und eine der meinungsstarken Kommentatoren bei unseren sonntäglichen Tatort-Diskussionen bei Facebook.


Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: "Früher oder später sind wir alle einsam. Deshalb hat der Mensch die Musik erfunden." Wurde die Berechtigung für die Musikform Schlager je einleuchtender auf den Punkt gebracht?

Lars-Christian Daniels: Das ist die letzte Szene mit der naiven Polizeianwärterin Maria Magdalena Mohr (Jella Haase), die mich schwer überrascht hätte, wenn sie die Bild-Zeitung (die ich natürlich nicht lese!) ärgerlicherweise nicht schon vor ein paar Wochen verraten hätte.

Kurt Sagatz: Vor der echten Leiche müssen zwei Schnapsleichen aus dem Weg geräumt werden. Merke: Das Buch stammt von Stromberg-Erfinder Ralf Husmann.

Kirstin Lopau: Ich mochte die Sticheleien zwischen den Kolleginnen sehr gern. "Ole hat gekocht." "Er hat von deinem Geld Sushi gekauft, meinst du." Am allerbesten ist aber der Umgang aller mit der Polizeianwärterin Maria Magdalena Mohr, die so dringend dazugehören möchte. Der Chef ("Ich hab die gute Laune im Gepäck" als Klingelton macht aus einem schlecht gelaunten Grantler keine Stimmungskanone!) kennt den "Zynnömöm-Soya-Latte" nicht, den er von Maria bekommt, und behandelt sie auch sonst zunächst ziemlich schlecht, einzig, weil sie eine Frau ist, die sich mit diesem Internet auskennt und souverän ihr Smartphone bedient. Karin sieht in Maria eine Gefahr, weil sie "die Frauen" im Revier in Verruf bringen könnte, wenn sie nur einen klitzekleinen Fehler macht. Henni möchte Maria gern unterstützen und lobt sie immer wieder. Der aus einem Bilderbuch für Nerds entsprungene Kriminaltechniker Mommsen fragt sie nach einem Date (sie bleibt nicht die einzige). Und schlussendlich gibt ihr der genervte Gerichtsmediziner Lammert nicht mal die Hand zur Begrüßung.


Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Nervige Kinder, noch nervigere Lebensabschnittsgefährten: Die privaten Probleme der Ermittler sind streckenweise arg plakativ inszeniert.

Lars-Christian Daniels: "Ich hab 'ne Arschloch-Allergie, da krieg ich Ausschlag", keift Oberkommissarin Gorniak - und merkt dabei gar nicht, dass eigentlich sie die unsympathischste Figur im Präsidium ist. Zwar treffen auch die sexistischen Sprüche und die Political Incorrectness von Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) nicht immer ins Schwarze, doch die an Ekel-Chef Bernd Stromberg (Christoph Maria Herbst) angelehnte Figur sorgt immer wieder für Lacher.

Kurt Sagatz: Männer machen Frauen Komplimente, Frauen machen Männern Kaffee, so denkt Kommissariatsleiter Schnabel (Martin Brambach). Dann sollte er sich aber nicht so aufregen, wenn ihm Kripo-Anwärterin Mohr (Jella Haase) einen teuren Edelkaffee kauft.

Kirstin Lopau: Den gab es nicht. Ein stimmiger Tatort, alles in allem ein wirklich toller Start für Dresden. Nur der Todesfall im Team hätte nicht sein müssen.


Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 8 Punkte.

Lars-Christian Daniels: 5 Punkte.

Kurt Sagatz: War dieses Ende des ersten Falls nötig? 6 Punkte.

Kirstin Lopau: 8-9 Punkte, erfrischend, frech, sympathisch unperfekt. Ein tolles neues Team!

17 Kommentare

Langsam mache ich mir Sorgen um die Polizeiführungen in Deutschland. In praktisch allen Bundesländern scheint es eine unüberwindbare Beförderungsvoraussetzung zu sein, dass man verblödet ist. Je höher, desto blöder.
Die Männerbilder waren wie üblich. Männer sind dumm, sexistisch und haben nichts anderes im Kopf als nichts.
Was mir am Dresdener Tatort gut gefallen hat, war der offene Sexismus der Kommisarinnen. Obwohl es unrealistisch dargestellt war. Im wahren Leben wird dieser Sexismus still gelebt.

Ich fühlte mich sehr gut unterhalten und habe mich köstlich amüsiert - vielleicht gerade auch deshalb, weil es kein typischer Tatort war. Die Damen sind Klasse, ihr Chef einfach super - bloß die Praktikantin hätte nicht sterben sollen (sie war das Sahnehäubchen als Typin) , das passte absolut nicht in den Ablauf und war sowohl dramaturgisch als auch inhaltlich einfach völlig überflüssig.

ich warte immer noch auf eine tatort-kritik im zeit-magazin, in der frau lopau in ihrer nacherzählung nicht spoilert. sie sollte doch mittlerweile eigentlich wissen, dass die kritik erscheint, bevor der tatort ausgestrahlt wird.

der tatort? hätte man einfach mal zwei kommissarinnen gehabt, ohne dass ständig zum thema gemacht würde, dass sie frauen sind, wäre das viel souveräner gewesen.

aber nein, und es muss auch wieder eine alleinerziehende mutter dabei sein, gibt's in sonntagabendkrimis ja kaum. und anders als der bisher einzige alleinerziehende vater felix stark aus berlin, der höchstens mal zu spät kam, um den sohn abzuholen, muss die mutter mal wieder aufpassen, dass der sohn nicht freidreht und sich in schwierige richtungen entwickelt (und dann gar endet wie schon der kommissarinnensohn in machdeburg). getrennt lebende väter dürfen ja stattdessen sonntagabends regelmäßig entführte töchter heldenhaft retten (bootz, eisner, tschiller), während die egoistischen rabenmütter ihre kinder immer dem job hinten an stellen (lindholm, lürsen, rubin, lenski, bönisch) und das partout nicht richtig auf die reihe kriegen.

die sonntagabendstereotype werden also einmal mehr bedient und die chance im neuen tatort verpasst. besonders schade, da die beiden kommissarinnen doch genug witz und profil haben und das ständige frauen-thematisiere doch nicht bräuchten, um interessant zu sein.

Das Ende ist doch Unfug, oder?

Ich dachte (Fernsehen bildet und so ...), dass illegal erlangte Beweismittel vor Gericht nicht gelten und somit der überführende Beweis, nämlich das Lied auf dem illegal durchsuchten Computer, nicht zu verwerten wäre. Ohne das wäre die Mörderin nicht überführt worden.

Oder war das lediglich zu viel US-Fernsehen und hier wäre das tatsächlich gültig?

Der Witz mit dem Panda war gut !

"Bist Du Maria ?

Wer will das wissen ?

Der singende Hackfresser da drüben.
Er meinte Du sollst ihn besser im Kinderland treffen,

Danke.

Stehst Du auf Tiere ?

Was ?

Sag ja nur.
Falls Du keinen Bock auf den Johannes hast,
ich hab um sechs Feierabend.

Danke, aber ich komm klar.

Komm schon - ich bin vom Aussterben bedroht !
"

Ansonsten fand ich den Film äußerst blöd.

Warum habe ich bei einigen Kommentaren das Gefühl, dass der Tatort nicht gefallen durfte?
Mir ist das Erstwerk aus Dresden eigentlich ganz angenehm begegnet, ein gleichzeitig irgendwie sympatisches und doch irgendwie anstrengendes Ermittlerteam, dessen Teil man sicherlich ungern wäre, ermittelt im satirisch überspitzt dargestellten Schlager-Milieu und findet über Umwege "den Täter". Die Ermittler, jeder für sich betrachtet bieten genügend Profil um einigermaßen glaubwürdig zu sein, sind aber keine allzu tragischen Figuren, so dass sie die sonstige Handlung nicht völlig überlagern. Selbst der Chef des Frauenteams hat in seiner Unfähigkeit einen gewissen Sympathiewert. Die Handlung an sich, kaum spektakulär, bildet eine meiner Meinung nach gelungene Abwechslung zu den sonst häufig großen Themen. Sehr angenehm ist auch, dass die Ermittler nicht mit dem Verbrechen verknüpft sind. Dass ein Tatort, der das erste weibliche Ermittlerduo bietet auch ein wenig in die Emanzenecke treten muss, sollte wirklich keine Überraschung sein und bringt, wenn man sich selbst das Lachen nicht verbietet, auch ein wenig Witz in das Ganze.

Insgesamt:
-Hoher Unterhaltungswert
-stimmige, "leichte" Charaktere
-gerade noch nicht zu albern
-vielleicht etwas seicht

Also nicht der beste Tatort aller Zeiten, aber das Team hat Potential und ich würde sogar sagen, dass mir der Tatort überdurchschnittlich gut gefallen hat.

Peinlichster Wahlbeeinflussungsversuch angesichts der bevorstehenden Wahlen in Sachsen-Anhalt. Ich würde mir das als Sachse/Sächsin einfach nicht mehr gefallen lassen, als grenzdebile(r) Konsument(in) volksdümmlicher Musik dargestellt zu werden. Der Harpe-Kerkeling-Verschnitt eines Toni-Fans würde als kritisches Statement gegenüber Pegida-Generalverdächtigungen durchaus gelungen sein, ist aber vermutlich authentisch gemeint.
Alles in Allem, Wasser auf die Mühlen von Lügenpresse.

Peinlicher Tatort. Pöbelnde Polizistinnen deren Verhalten vor lauter emanzipation leider genauso proletenhaft ist, wie das der bösen Männer, denen sie ja so weit überlegen sein sollen. Da ist mit jemandem in den Schreibstuben die Ideologie durchgegangen.

Toll, dass uns Lars-Christian Daniels und Kirstin Lopau hier in allerbester BILD-Zeitungsmanier (die ich natürlich nicht lese!) und in Erinnerung an den großen Wolfgang Neuss in schöner Kooperation verraten, dass die junge Polizeianwärterin in der letzten Szene stirbt.

Neuere Kommentare anzeigenNeuere
Ältere Kommentare anzeigenÄltere