© MDR/Andreas Wünschirs

"Tatort"-Kritikerspiegel Ätänschen, please

Neues Team, neues Glück? Das Ermittlerinnen-Duo muss im Dresdner "Tatort" nicht nur einen Mord in der Schlagerszene handeln, sondern auch den eigenen antiquierten Chef.

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Wir zeigen Sachsen, wie es singt und trinkt. Die Pegida kommt im neuen Tatort aus Dresden zwar nicht vor, dafür aber ostdeutsche Schlagermusiker und ihr mörderisches Geltungsbedürfnis.

Lars-Christian Daniels: Sachsen hat einen besseren Tatort verdient als die Leipziger Beiträge der letzten Jahre – und nebenbei liefern wir Ihnen endlich das erste weibliche Ermittlerduo in der über vierzigjährigen Geschichte der Krimireihe. Das war's aber auch schon mit den Neuerungen: Irgendwie wird man bei diesem Tatort das Gefühl nicht los, man hätte das alles schon mal irgendwo anders (besser) gesehen.

Kurt Sagatz: Nach dem frühen Aus in Erfurt startet der MDR in Dresden mit dem ersten rein weiblichen Ermittlerteam – allerdings unter Kontrolle eines Vorgesetzten, dessen Sinn für Gleichberechtigung nicht vorhanden ist. Klingt konstruiert, scheint jedoch aufzugehen. Dass ausgerechnet im Schlagermilieu ermittelt wird, zeugt von Selbstironie.

Kirstin Lopau: Ein neues Team in Dresden, das nicht psychologisch betreut werden muss, wild in der Gegend herumballert oder sonstige schwere Macken hat. Nein, dieses Team ist herrlich! Worum es hier geht? Es geht um Alt gegen Jung, um Antiquiert gegen Technisch auf der Höhe, um Kollege gegen Kollegin. Selten sind diese Themen so amüsant und dennoch würdig behandelt worden.


Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 7 Punkte.

Lars-Christian Daniels: Karin Gorniak (Karin Hanczewski): 4 Punkte, Henni Sieland (Alwara Höfels): 6 Punkte.

Kurt Sagatz: Das weibliche Ermittlerteam zeigt gute Ansätze, Martin Brambach wahre Spielfreude: 7 Punkte.

Kirstin Lopau: Karin Gorniak und Henni Sieland beide 9 Punkte. Hoffentlich bleiben die Damen so herrlich. Ihr Chef Peter Michael Schnabel auch 9 Punkte, der alte Kauz ("Immer dieses Internet!").

Unsere Kritiker

Christian Buß ist Kultur-Redakteur bei Spiegel Online und schreibt dort regelmäßig über den Tatort.

Lars-Christian Daniels bespricht für sein Blog Wie war der Tatort? und das Onlinemagazin Filmstarts den Tatort und weitere TV- und Kinofilme.

Kurt Sagatz ist Medienredakteur beim Tagesspiegel und schreibt dort regelmäßig über den Tatort.

Kirstin Lopau ist ZEITmagazin-Leserin und eine der meinungsstarken Kommentatoren bei unseren sonntäglichen Tatort-Diskussionen bei Facebook.


Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: "Früher oder später sind wir alle einsam. Deshalb hat der Mensch die Musik erfunden." Wurde die Berechtigung für die Musikform Schlager je einleuchtender auf den Punkt gebracht?

Lars-Christian Daniels: Das ist die letzte Szene mit der naiven Polizeianwärterin Maria Magdalena Mohr (Jella Haase), die mich schwer überrascht hätte, wenn sie die Bild-Zeitung (die ich natürlich nicht lese!) ärgerlicherweise nicht schon vor ein paar Wochen verraten hätte.

Kurt Sagatz: Vor der echten Leiche müssen zwei Schnapsleichen aus dem Weg geräumt werden. Merke: Das Buch stammt von Stromberg-Erfinder Ralf Husmann.

Kirstin Lopau: Ich mochte die Sticheleien zwischen den Kolleginnen sehr gern. "Ole hat gekocht." "Er hat von deinem Geld Sushi gekauft, meinst du." Am allerbesten ist aber der Umgang aller mit der Polizeianwärterin Maria Magdalena Mohr, die so dringend dazugehören möchte. Der Chef ("Ich hab die gute Laune im Gepäck" als Klingelton macht aus einem schlecht gelaunten Grantler keine Stimmungskanone!) kennt den "Zynnömöm-Soya-Latte" nicht, den er von Maria bekommt, und behandelt sie auch sonst zunächst ziemlich schlecht, einzig, weil sie eine Frau ist, die sich mit diesem Internet auskennt und souverän ihr Smartphone bedient. Karin sieht in Maria eine Gefahr, weil sie "die Frauen" im Revier in Verruf bringen könnte, wenn sie nur einen klitzekleinen Fehler macht. Henni möchte Maria gern unterstützen und lobt sie immer wieder. Der aus einem Bilderbuch für Nerds entsprungene Kriminaltechniker Mommsen fragt sie nach einem Date (sie bleibt nicht die einzige). Und schlussendlich gibt ihr der genervte Gerichtsmediziner Lammert nicht mal die Hand zur Begrüßung.


Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Nervige Kinder, noch nervigere Lebensabschnittsgefährten: Die privaten Probleme der Ermittler sind streckenweise arg plakativ inszeniert.

Lars-Christian Daniels: "Ich hab 'ne Arschloch-Allergie, da krieg ich Ausschlag", keift Oberkommissarin Gorniak - und merkt dabei gar nicht, dass eigentlich sie die unsympathischste Figur im Präsidium ist. Zwar treffen auch die sexistischen Sprüche und die Political Incorrectness von Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) nicht immer ins Schwarze, doch die an Ekel-Chef Bernd Stromberg (Christoph Maria Herbst) angelehnte Figur sorgt immer wieder für Lacher.

Kurt Sagatz: Männer machen Frauen Komplimente, Frauen machen Männern Kaffee, so denkt Kommissariatsleiter Schnabel (Martin Brambach). Dann sollte er sich aber nicht so aufregen, wenn ihm Kripo-Anwärterin Mohr (Jella Haase) einen teuren Edelkaffee kauft.

Kirstin Lopau: Den gab es nicht. Ein stimmiger Tatort, alles in allem ein wirklich toller Start für Dresden. Nur der Todesfall im Team hätte nicht sein müssen.


Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 8 Punkte.

Lars-Christian Daniels: 5 Punkte.

Kurt Sagatz: War dieses Ende des ersten Falls nötig? 6 Punkte.

Kirstin Lopau: 8-9 Punkte, erfrischend, frech, sympathisch unperfekt. Ein tolles neues Team!

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