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Tatort-Kritikerspiegel Makatsch macht sie Matsche

Heike Makatsch gibt im neuen "Tatort" ihr Debüt als Kommissarin und muss im eigentlich beschaulichen Freiburg für Ordnung sorgen. Für Smalltalk bleibt da keine Zeit.

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Freiburg ist eine der lebenswertesten Städte Deutschlands? Nur wenn man das nötige Geld hat. Dieses Tatort-Special mit Heike Makatsch zeigt Freiburg aus der Perspektive von Jobcentern und Gentrifizierungselend.

Lars-Christian Daniels: Natürlich hat die 220.000-Einwohner-Stadt Freiburg einen eigenen Event-Tatort verdient. Auch wenn von Eventcharakter wenig zu spüren und Freiburg augenscheinlich ein Dorf ist. Hier kennt offenbar jeder jeden: Der Sohn des Mordopfers ist zufällig mit der Tochter der Hauptverdächtigen befreundet, zu deren Clique ausgerechnet die Tochter der ermittelnden, gerade aus England zurückgekehrten Kommissarin zählt. Das spart eine Menge Zeit.

Kerstin Decker:
Vielleicht sollte jeder seine Miete selbst zahlen, statt sie sich zahlen zu lassen. Mitunter ist es lebensgefährlich, in einem Jobcenter zu arbeiten. Und eventuell sollten sich Kinder von Hartz-IV-Empfängern lieber neue Eltern suchen, bevor es zu spät ist.

Kirstin Lopau: Mitarbeiter der Agentur für Arbeit leben gefährlich und trauen sich in der Raucherpause nicht vor die Tür. Alternativ: Miethaie sind mit allen Wassern gewaschen. Oder: Bio-Kiffen ist auch keine Lösung.


Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 6 Punkte.

Lars-Christian Daniels: 5 Punkte.

Kerstin Decker: Heike Makatsch ist eine wunderbare Schauspielerin, das kann sie nicht einmal als Kommissarin verleugnen. Aber dem deutschen Fernsehen geht gewiss keine Ausnahmekriminalistin verloren, sollte dieser Tatort ohne Fortsetzung bleiben.6 Punkte.

Kirstin Lopau: Ellen Berlinger bekommt 3 Punkte.


Unsere Kritiker

Christian Buß ist Kultur-Redakteur bei Spiegel Online und schreibt dort regelmäßig über den Tatort.

Lars-Christian Daniels bespricht für sein Blog Wie war der Tatort? und das Onlinemagazin Filmstarts den Tatort und weitere TV- und Kinofilme.

Kerstin Decker begann im Tagesspiegel als Fernsehkritikerin, schreibt dort heute vor allem Reportagen und Filmkritiken.

Kirstin Lopau ist ZEITmagazin-Leserin und eine der meinungsstarken Kommentatoren bei unseren sonntäglichen Tatort-Diskussionen bei Facebook.

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Die Kommissarin, die gerade vom BKA in ihre alte Heimatstadt zurückgekehrt ist, wird auf dem Revier mit brachialem Badisch begrüßt. Damit kehrt die Mundart unsanft in den Tatort zurück.

Lars-Christian Daniels: "Arbeitet deine Mutter eigentlich immer noch bei KiK?" - "Meiner Mutter gehört KiK, du Lappen." Diese Pausenhofgespräche könnten gleichzeitig Namen von Facebook-Gruppen sein. Oder sind sie es bereits? Ich habe noch nicht nachgeschaut.

Kerstin Decker: Der entmietete Hausbewohner und latent Tatverdächtige Kurani kehrt immer wieder zu seinem Elternhaus zurück. Das mochte ich.

Kirstin Lopau: Ach, Heike, Heldin meiner Teenagerzeit, ich hatte mich so auf dich gefreut. Ich fand dich immer toll, nur diesmal nicht. Die Kommissarin ist von Anfang an hölzern und hält diese seltsame Art des Spiels bis zum Schluss. Ihre Tatort-Rolle ist angelegt wie die aller Kommissare: zerrüttete Familienverhältnisse, privat also alles schwierig, dafür im Beruf eine glatte Eins. Im Team wirkt Berlinger wie ein ausgesetztes Alien. Das gibt sich hoffentlich, wenn sie nach 14 Jahren auf der britischen Insel richtig ankommt. Der Fall ist eher belanglos und auch Heike Makatschs Augenaufschlag tröstet mich nicht über die Langeweile hinweg. Schade.


Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: "Der Aal wurde gebadet!" So freut sich der Forensiker und erklärt den unwissenden Kollegen, dass man DNA-Spuren auf dem Penis des Opfers gefunden habe, das anscheinend vorher Sexualkontakt hatte. Ein bisschen zu viel der erotischen Sprachakrobatik.

Lars-Christian Daniels:  "Ich mach die so was von Matsche!" – Jungschauspielerin Anna-Lena Klenke kann einem fast ein bisschen leid tun. Sie verkörpert die eingebildete Göre Harriet, jene Vorzeigezicke, die so fest zum Inventar klischeebeladener High-School-Komödien zählt wie der große Abschlussball. Von den Filmemachern wird sie immer wieder zu realitätsfernem Sprücheklopfen genötigt.

Kerstin Decker: Keine Szene ist völlig peinlich, aber die ganze Geschichte überanstrengt sich etwas.

Kirstin Lopau: Zu Beginn schleicht Berlinger um sein Elternhaus. Das passt nicht.


Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 7 Punkte.

Lars-Christian Daniels: 4 Punkte.

Kerstin Decker: 3 Punkte.

Kirstin Lopau: 4 Punkte.

24 Kommentare

Hoffentlich haben nicht viele Kinder und Jugendliche diese Anleitung zum "Biokiffen' gesehen!!! Meine Tochter 16_ kannte das gar nicht. Ich möchte nicht hoffen, dass das Viele nachmachen, auf die Gefahren wurde zu wenig hingewiesen. Für ich war das Anleitung zur Körperverletzung , wenn nicht sogar Anstiftung oder Beihilfe.Und inhaltlich die abstruse Geschichte mit der verlassenen Tochter, aua!

Liebe Landsleute,
melde mich als gebürtiger Deutscher aus meiner Wahlheimat in Asien.
Ich frage mich, wer kann mich bitte aufklären, was die ständigen Berichte über eine Fernsehserie (Tatort) in den deutschewn Medien soll/für einen Sinn macht ? Ist das alles so interessant, für meine Landsleute, jede Woche (gefühlt jeden Tag) über Tatortfolgen zu lesen?
Und das in einer einstmals seriösen Zeitung?

Der Tatort ist eine Institution im deutschen Fernsehen.
Offensichtlich ist das für Ihre Landsleute interessant genaug, sonst würden die Medien nicht darüber berichten.

Und offensichtlich lesen selbst nach Asien ausgewanderte Deutsche die entsprechenden Berichte, sonst würden sie ja hier nicht kommentieren.

Man gibt sich ja wirklich Mühe, unvoreingenommen den Tatort anzusehen und ihn irgendwie gut zu finden.
Doch wenn man sich plötzlich bei dem Gedanken erwischt, jetzt müsste Til Schweiger mit der Knarre um die Ecke kommen, dann weiß man, dass man doch lieber die ZDF-Schnulze angesehen, Die hält zumindest, was sie verspricht.

Was ist denn hier los? Gefällt euch das denn nicht,wenn mal versucht wird den ganzen Gentrifizierungswahnsinn zur Darstellung zu bringen.und wozu Leute fähig sind,wenn sie von Obdachlosigkeit bedroht werden.Wenn sie dann erst eine depressive Müdigkeit überfällt bevor sie aus dem Fenster springen.und dass es den Gutsituierten erklärt wird,warum so viele Ausgestossene durch die Städte irren.Es wird nämlich immer behauptet,das in Deutschland einfach keiner verhungern könne.usw.
und Obdachlose wären obdachlos weil sie sich die Miete sparen wollten.usw

Gute Kamerarbeit, aber das alleine ergibt ja noch keinen gelungenen Krimi. Und dazu dieser Dialektverschnitt; es ist ein Elend mit der Tatortüberproduktion. Gescheite Drehbücher fallen eben nicht vom Himmel, auch nicht über Freiburg.
Nach dreißig Minuten hat es mir gereicht, nicht mal auf 'Sherlock' konnte ich mich freuen, da habe ich die DVD. Cumberbatchs außergewöhnliche Stimme synchronisierte - das ist ein Unding.

Wenn dieser Tatort etwas deutlich gemacht hat, dann die gelebte Multi-Kulti in der Münsterstadt.
Viele Stimmen, viele Sätze, viel Gerede und keiner, wirklich keiner spricht einen auch nur halbwegs erkennbaren badischen Akzent.
Alles Zugereiste.

Ansonsten: Naja. Es gab schlechtere Tatorte, aber auch viele bessere.

Zum Glück war das ja eine einmalige Tat an diesem Ort.
Der Schwarzwald Tatort kommt, aber mit anderen Darstellern und in anderer Konstellation.

Einmal ist keinmal und das wäre dann wohl auch besser gewesen.

Sehr ambivalent die Wertung der Damen und Herren Kritiker- was (wiedereinmal!) dem Kollegen Buß vom Spiegel zu verdanken ist. Der findet das gut- leider!
Den i.d.R. liegt der gute mit seinen Wertungen zu 95% voll daneben...

Ansehen werde ich mir das trotzdem- wann gibt es für uns "Vergessene" aus dem ganz tiefen Badischen schon einen Tatort von "nebenan"

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