Falke (Wotan Wilke Möhring) und Grosz (Franziska Weisz) versuchen den Tathergang zu rekonstruieren. © NDR/Marion von der Mehden

Tatort-Kritikerspiegel Liebe auf den ersten Hieb

Im Hamburger "Tatort" bekommt Kommissar Falke eine schlagkräftige Kollegin. Die braucht er auch, denn es plumpst ja nicht jeden Tag eine Leiche vom Himmel in den Pool.

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Junge Dschihadisten aus Braunschweig oder Hannover sprechen auch nicht anders als andere Typen in ihrem Alter. In diesem Tatort über einen aus Syrien heimgekehrten Kämpfer des IS liefern sich zwei junge Männer ein Wortduell nach Macker-Art. Gewagt und gelungen.

Lars-Christian Daniels: Wenn Bundespolizist Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) ermittelt, dann sind die Schleuserbanden nicht weit. Das hat 2014 in den beiden Tatort-FolgenKaltstartund Die Feigheit des Löwen schon gut funktioniert. Diesmal gehen wir allerdings einen Schritt weiter und schleusen keine Flüchtlinge, sondern einen Terroristen ins Land. Dieser lässt seinen Drohungen bald Taten folgen.

Kurt Sagatz: Der IS-Terror erreicht den Tatort und Kommissar Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) braucht Unterstützung. Die bekommt er mit Franziska Weisz als Polizistin Julia Grosz. Der Dschihadist der "Braunschweiger Brigade" kennt seinen Flughafen-Schleuser aus alten Jugendtagen und kann für den Syrien-Heimkehrer wenig Verständnis aufbringen. Ein bisschen zu viel Stoff für 88 Minuten Sonntagskrimi.

Kirstin Lopau: Schleuserbanden, Braunschweiger Brigade und Terrorgefahr machen den Tatort (mal wieder) aktuell.


Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 8 Punkte.

Lars-Christian Daniels: Falke: 6 Punkte. Grosz für ihr solides Debüt: auch 6 Punkte.

Kurt Sagatz: Franziska Weisz darf als Falkes neue Partnerin erst langsam auftauen, das bremst ihr Schauspiel merklich: 6 Punkte. Falkes Witze sind wirklich nicht lustig, doch immerhin lässt seine Verkrampfung nach: 7 Punkte.

Kirstin Lopau: Falke. 6-7 Punkte. Grosz: 8-9 Punkte ("Smalltalk ist ja voll Ihr Ding, was?").

Unsere Kritiker

Christian Buß ist Kultur-Redakteur bei Spiegel Online und schreibt dort regelmäßig über den Tatort.

Lars-Christian Daniels bespricht für sein Blog Wie war der Tatort? und das Onlinemagazin Filmstarts den Tatort und weitere TV- und Kinofilme.

Kurt Sagatz ist Medienredakteur beim Tagesspiegel und schreibt dort regelmäßig über den Tatort.

Kirstin Lopau ist ZEITmagazin-Leserin und eine der meinungsstarken Kommentatoren bei unseren sonntäglichen Tatort-Diskussionen bei Facebook.


Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Kommissar Falke spielt bei einem Realtest am Flughafen Hannover einen Terroristen und wird von seiner neuen Kollegin Julia Grosz verprügelt. Es ist Liebe auf den ersten Hieb.

Lars-Christian Daniels: Die Leiche fällt diesmal vom Himmel, weil sie heimlich im Triebwerk eines Flugzeugs versteckt wurde und die Schwerkraft meistens siegt. Wo landet sie? In einem Swimmingpool, in dem ein junges Pärchen gerade zum romantischen Teil des Nachmittags übergehen will. Platsch!

Kurt Sagatz: "Derber Schlag" sagt Falke anerkennend, als er in seiner Undercovermission die Flughafensicherheit testet und unsanft von Julia Grosz gestoppt wird.

Kirstin Lopau: Die Entsorgung der Leiche ist in diesem Tatort sehr amüsant: "Bumm. Zack. Arschbombe." Ein startender Flieger verliert die Leiche, da sie am Fahrgestell befestigt wurde. Anschließend landet der Tote im Pool eines Luxusanwesens direkt neben einem knutschenden Pärchen. Mir gefällt die etwas undurchsichtige Julia Grosz von der Bundespolizei sehr gut an Falkes Seite. Sie ist ein gutes Gegengewicht zu seiner gewohnt starken Rolle und besticht durch ihre dröge, distanzierte Art: "Ich neige dazu, niemandem zu vertrauen und meine Kollegen zu erschießen." Rührend ist, wie Falke für ein Treffen mit seinem Sohn extra sein Hemd bügelt. Und ich freue mich darüber, dass Falkes Handy endlich so lange klingelt, dass ich den Klingelton-Song erkenne. Es hat mich rasend gemacht, das Lied bisher nicht benennen zu können!


Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Das Finale, bei dem es zur mentalen Wandlung des deutschen IS-Kämpfers kommt, unterwandert die erzählerische Konsequenz dieser ansonsten starken Tatort-Folge.

Lars-Christian Daniels: Bundespolizist Thorsten Falke ist mit seinem Sohn Torben im Café verabredet – und wird erwartungsgemäß per SMS versetzt, als er gerade sein zweites Glas Milch getrunken hat. Leider ist Falke der Einzige, der wirklich an ein Wiedersehen mit seinem wenig an ihm interessierten Sohn geglaubt hat.

Kurt Sagatz: Der Schleuser und seine schwangere Freundin streiten sich über eine Gemüsesuppe, während die islamistischen Glaubensbrüder ihren im Keller angeketteten Terroristenkumpel suchen. Amateure.

Kirstin Lopau: Ich weiß ja nicht, ob ein getriebener Terrorist, geblendet von perfider Propaganda, wirklich Skrupel bekommt, wenn er kurz davor ist, ins Paradies aufzusteigen.

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 8 Punkte.

Lars-Christian Daniels: 6 Punkte.

Kurt Sagatz: Das Terror-Szenario ist glaubhaft. Sich nur darauf zu fokussieren, wäre besser gewesen. Darum nur: 7 Punkte.

Kirstin Lopau: 7 bis 8 Punkte.

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