Bruderzwist: Ali (Nadim Jarrar, li.) zerstört die kunstvollen Zeichnungen seines kleinen Burders Fahd (Hassan Akkouch) © ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

"Tatort"-Kritikerspiegel Drogenkochen nur mit Schürze

Eine Schülerin wird ermordet, unter Verdacht stehen reiche Söhne noch reicherer Eltern. Im Luzerner "Tatort" weiß die Jugend nicht so recht, wohin mit Geld und Hirn.

Was wollen uns die Drehbuchautoren sagen?

Christian Buß: Die Eliteschüler von heute sind die Verbrecher von morgen. Nach dem Tod einer Internatsschülerin ermitteln Flückiger und Ritschard zwischen Bankdirektorensöhnen und arabischen Prinzen.

Lars-Christian Daniels: Erinnern Sie sich an den Bodensee-Tatort Herz aus Eis von 2009, in dem Blum und Perlmann in einem Eliteinternat ermittelten? Und womöglich auch an den Münchner TatortDer Wüstensohn, in dem Batic und Leitmayr 2014 mit einem unter Diplomatenschutz stehenden arabischen Prinzen aneinander gerieten? Perfekt: Wir haben einfach beide Geschichten miteinander kombiniert. Sie können also nebenbei noch ein gutes Buch lesen, wenn Ihnen das alles irgendwie bekannt vorkommt.

Joachim Huber: War immer schon ein Fehler, wenn bei Männern das Hirn zwischen die Beine rutscht.

Kirstin Lopau: Mit Diplomatenstatus lebt es sich ganz ungeniert. Oder: Die Sprösse von den oberen Zehntausend aller Länder sind im Grunde auch nur sehr arm.

Wie überzeugend sind die Kommissare?

Christian Buß: 6 Punkte.

Lars-Christian Daniels: 3 Punkte für die Kommissare, 9 Punkte für Gerichtsmedizinerin Haas: Schleppt einfach den zwanzig Jahre jüngeren Praktikanten ab!

Joachim Huber: Reto Flückiger (Stefan Gubser) 7 Punkte, Liz Ritschard (Delia Mayer) 7 Punkte.

Kirstin Lopau: Flückiger und Ritschard beide 2 Punkte.

Unsere Kritiker

Christian Buß ist Kulturredakteur bei Spiegel Online und schreibt dort regelmäßig über den Tatort.

Lars-Christian Daniels bespricht für sein Blog Wie war der Tatort? und das Onlinemagazin Filmstarts den Tatort und weitere TV- und Kinofilme.

Joachim Huber ist Ressortleiter Medien beim Tagesspiegel.

Kirstin Lopau ist ZEITmagazin-Leserin und eine der meinungsstarken Kommentatoren bei unseren sonntäglichen Tatort-Diskussionen bei Facebook.

Was ist Ihre Lieblingsszene?

Christian Buß: Der Bruder eines verdächtigen arabischen Internatsschülers ist auch als Diplomat tätig und wird von den Ermittlern aus einem wichtigen Treffen gerissen: "Die Herren von der Fifa sind sehr enttäuscht darüber, dass ich ihr Mittagessen so schnell verlassen musste." Schöne Grüße aus Katar.

Lars-Christian Daniels: "Brauchen Sie nicht so ein Ding, so einen...", will der Hausmeister eines teuren Eliteinternats den genervten Flückiger vorm Betreten eines Zimmers zur Rede stellen. Der hat statt des fehlenden Durchsuchungsbefehls einen guten One-Liner griffbereit: "Sie gucken zu viele Krimis."

Joachim Huber: "Müssen Sie keine Birne wechseln?" Kriminaltechnikerin verscheucht aufdringlichen Hausmeister.

Kirstin Lopau: Ach, ich quälte mich ein wenig durch den Tatort – nicht, weil er so schlecht, sondern weil er so langweilig ist. Ein Lächeln, wenn auch ein müdes, rang mir die Rolle des Praktikanten ab (natürlich), der für die Dame von der Spusi eine Rolle spielt: "Herzig, gell?" – "Definitiv zu jung für Dich!" (stimmt). Oder die Einstellung des superreichen Schülers, der gerade vom Internat geflogen ist: "Mein Vater gehört zu den hundert reichsten Schweizern. Wozu brauch ich ein Abitur?" (Stimmt auch, einen Frisör bräuchte er sehr viel dringender). Ansonsten ist die Story zäh.

Was ist der peinlichste Moment?

Christian Buß: Die Ermittler stehen vor der Leiche der toten Schülerin, die erst erschlagen, dann auf die Landstraße geworfen und schließlich von einem LKW überrollt wurde. Die verdrehten nackten Beine ragen aus einem hübschen Sommerkleid. Fragt die Forensikerin die lesbische Ermittlerin Ritschard kokett: "Gefällt sie dir?".

Lars-Christian Daniels: "Die Herren von der Fifa sind sehr darüber enttäuscht, dass ich ihr Essen so plötzlich verlassen musste", poltert der arabische Minister Ali Al-Numi durchs Präsidium – und wirkt dabei in etwa so glaubwürdig wie Wolfgang Niersbach bei seiner letzten Pressekonferenz. Ansonsten ist es einmal mehr der überzeichnete, ewig mahnende Amtsrat Mattmann, der diesen enttäuschenden Schweizer Tatort immer wieder zur Geduldsprobe werden lässt.

Joachim Huber: Internatsschüler trägt beim Drogenkochen eine Schürze, auf der eine Frau in BH und Strapsen appliziert ist.

Kirstin Lopau: Eine knarrende Eingangstür ins Penthouse eines Luxushotels ist wohl ziemlich unrealistisch.

Ihre Gesamtwertung für die Folge?

Christian Buß: 5 Punkte.

Lars-Christian Daniels: Knappe 4 Punkte.

Joachim Huber:  Ehrliche 6,5 Punkte.

Kirstin Lopau: 3 Punkte, langweilig.

3 Kommentare

In dem Film kocht niemand Drogen. Der Junge in der Schürze füllt "sauberen" Urin in Kondome ab und verkauft diesen an seine Mitschüler, damit die den Drogentest bestehen.

(Warum er die Kondom-Urin-Bomben an einer Leine in seinem Zimmer aufhängt, verstehe ich trotzdem nicht.)

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