Yoga Ein Prosit auf die Achtsamkeit

Menschen tun einiges, um Zerstreuung zu finden. Sie töpfern, kolorieren Malbücher und falten Origami-Tiere. In Berlin kann man nun beim Bieryoga die Seele anschubsen. Von

Wir sehen aus, als wären wir vor unserem Sofa der Länge nach ausgerutscht und dann aus Faulheit auf dem Teppich neben der Bierflasche einfach liegengeblieben. Wir tragen bunte Leggins, Jogginghosen oder Jeans, haben leicht einen sitzen und vorerst keine Termine. Es riecht abgestanden, der Fliesenboden klebt noch an manchen Stellen, nur die ausgerollten Yogamatten machen den Anschein von partieller Sauberkeit. Feng-Shui-Berater hätten hier viel zu tun.

Es gibt keine Duftkerzen, keine Klangschalen, keine sanften Farben an den Wänden. Wir liegen auf dem Boden der Berliner Loftus Hall, einem Club im Berliner Bezirk Neukölln, neben uns ein, zwei, drei Bierflaschen pro Teilnehmer der Bieryoga-Stunde. Wir haben fünf Euro Eintritt bezahlt, um nach einer anstrengenden Woche mit fünf Zentimetern Abstand zueinander Verrenkungen zu machen und dabei Bier zu trinken. Wir sind hier schließlich in Berlin, und der gemeine Bewohner dieser Stadt wird nicht müde, Aktivitäten, die eigentlich nicht viel miteinander zu tun haben, zu kombinieren. Ich bin skeptisch – und auch meine 25 Yogamattennachbarn wissen noch nicht so recht, wie ihnen hier geschieht. Lediglich die erste Reihe sitzt schon mit überschlagenen Beinen in der ersten Dehnung. Streber.

"Kauft euch am Anfang ein oder zwei Bier, aber macht sie nicht gleich auf, sonst werden sie schal", sagt Jhula. Sie ist ausgebildete Yogalehrerin, leitet den Kurs und trinkt gern Bier. Es ist ihre 20. Veranstaltung, eine Anfängerstunde, wie sie erklärt, während sie auf die Bühne am Kopf des dunklen Raumes klettert. Sonst feiert man hier Partys, das Bier fühlt sich heimisch, die Yogamatten nicht so.

Eine Besucherin Anfang 30 ist mit ihrer Mutter gekommen und sagt: "Ich habe ein bisschen Angst" – vor der Mutter, dem Bier oder Yoga? In Berlin möchte man seine eigenen Grenzen austesten. Ich bin müde, es ist 19 Uhr an einem Freitagabend, wer hatte noch mal diese Idee? Jhula erklärt im Schneidersitz, dass wir alle auf eigene Gefahr hier wären, das haben wir vor Beginn der Stunde auch unterschrieben. Wir sollen auf uns achten, schließlich sei Alkohol im Spiel. Bisher habe sich aber niemand verletzt. Die erste Flasche klirrt beim Absetzen auf den Fliesen.

Ich habe ein bisschen Angst.
Teilnehmerin mit Mutter

Wir wärmen uns auf, leichte Beuge, ein Biergruß, dreimal hintereinander. So heißt der Sonnengruß in Berlin-Neukölln, wenn man ihn mithilfe einer Bierflasche vollführt. Noch sind Flasche und Körper keine innige Verbindung eingegangen, es geht erst einmal darum, die Flasche mitzuführen, ohne zu kleckern oder selbst hinzufallen – und immer mal einen Schluck zu nehmen. Lässigkeit üben wir noch. Die Teilnehmer trinken häufig, das entspannt. Ebenso zur Übung gehört das Anstoßen mit dem Yogamattennachbar, in Berlin ist man freundlich, auch wenn es einem nie jemand glauben will. 

Nach den ersten Dehnungen kommen wir zum echten Yoga, die Posen heißen hier zwar anders (Barhocker, Bierbank, Ich-muss-aufs-Klo), man kennt sie aber schon, wenn man mal in einem Kurs war. Der herabschauende Hund, bei dem man die Hände auf dem Boden aufstützt und den Po in die Luft streckt, ist die erste Pose im Laufe des angebrochenen Abends, in der man nicht trinken kann. Großes Bedauern, nächste Pose: die Taube.

Yogamatte an Fliesenboden in der Berliner Loftus Hall © Elisabeth Rank

Für die Taube sitzt man auf dem Boden, winkelt das rechte Bein nach vorne an, während man das linke nach hinten durchstreckt, die Hände sichern das Konstrukt an den Seiten, das Herz streckt sich der Diskokugel entgegen, der Rücken ist gerade, zumindest soll er das sein. Wir versuchen nun die vor uns stehende Bierflasche mit dem Mund zu greifen, der erste Schaum spritzt durch den Raum auf die linke Fußsohle der Vorderfrau. Das könnte man selbst zu Hause auf dem Vorsofaboden nicht besser machen: Flasche mit den Lippen greifen, die Öffnung mit der Zunge verschließen, dann mit Schwung über vorne nach oben bringen und aus der Vertikalen trinken. Danach mit dem Mund wieder auf dem Boden absetzen. Ja, das sieht leider genauso aus, wie es klingt – bei Anfängern zumindest. Bei Jhula wirkt die mit dem Kopf in die Luft geschriebene Bierkurve wie ein getanzter Vorname. Anschließend strecken wir uns in die Bierbank, die eigentlich die Plank-Pose ist. Dem Humorlevel ist das zweite Bier zuträglich, jetzt ist's auch schon egal, einfach machen. Dann schwitzt man sogar.

Happy-Baby-Pose? Bring it on

Aber selbst beim Bieryoga gibt es diese Menschen, die auch in den erniedrigendsten Positionen noch grazil aussehen. Vor mir sitzt diese kleine schmale Frau, die ihre Hände hinter dem Rücken verschränken kann, während sie ihre Beine elegant übereinander schlägt, gerade Haltung, dazwischen ein Schluck Bier, easy. Natürlich kann sie auch auf einem Bein stehen und sich ein volles Bier auf den Kopf stellen, ohne dass sich das Bier oder sie auch nur einen Zentimeter bewegen. Sie wird mein Fixpunkt am muffigen Horizont, während ich mein Bein nach oben "strecke". Nach 30 Minuten werden die Gedanken süffig. Und so liegen wir später nebeneinander, strecken die Füße wie nackte Babys in die Höhe und rollen auf unseren Hintern hin und her. Happy-Baby-Pose? Bring it on!

Schüchternheit, Scheu und Scham legt man hier schnell ab. Kurze Zeit später befinde ich mich in einer Partnerübung, bei der wir uns gegenübersitzen, die Füße aneinanderdrücken und dann die Beine spreizen, während wir uns mit einer Hand aneinander festhalten. Die andere Hand hält das Bier und prostet dem Gegenüber zu. Bier verbindet, Ungelenkigkeit auch, und Alkohol macht geschmeidig, zumindest im Kopf. Statt Oooohm summen wir am Ende Prooooost. Das Gefühl eigener Beklopptheit, das sich in dem Moment auf die Teilnehmer legt, befreit ungemein. 

Ich vergesse, dass es draußen noch hell ist, dass die Woche anstrengend war, ich vergesse meinen angespannten Nacken und was ich heute eigentlich noch alles tun müsste, und das ist es doch, was man vom Yoga will. Abstand zu sich und seinen Eitelkeiten. Nichts denken. Die eigenen Hirnwindungen beobachten, selbst wenn man sie doppelt sieht. Mit Zauberhand und wellnessartiger Wohlfühlatmosphäre hat Bieryoga nichts zu tun, aber Zerstreuung findet man trotzdem. Das kleine Glück funktioniert auch auf zwei klebrigen Quadratmetern, wenn man es lässt.

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