Wir müssen reden Komm schon, Baby!

ZEITmagazin Online: Kann man ernsthaft kommen, wenn "Mausi" nach ihrem "Bärchen" ruft?

Ulrich Clement: Manche schon.

ZEITmagazin Online: "Maus", "Hase" und "Bär" gehören zu den beliebtesten Kosenamen, die sich Partner in Deutschland gegenseitig geben – nicht nur unter Zoologen. Wieso eigentlich?

Clement: Es sind Verniedlichungen, die einem Gespräch die Schärfe nehmen und ihm eine regressive, kindhafte Form geben. Mit dieser Kuschelsprache wird die Harmonie des Zusammenseins betont. Dabei macht man sich auch klein. Sich in diese Kindposition zu begeben, kann für manche sexuell erregend sein.

ZEITmagazin Online: Der Kosename "Baby" – ein weiterer Klassiker – soll sogar eine beruhigende Wirkung auf Frauen haben. Mich würde es eher aggressiv machen. Stimmt da was nicht mit mir?

Clement: Der Ausdruck "Baby" legt ja eine wechselseitige Entsprechung nahe: Wenn Sie das Baby sind, wird der andere zum väterlichen Typ, zu einem Mann, der Schutz anbietet. Das wirkt auf manche möglicherweise beruhigend und vielleicht auch erotisch angenehm. Wenn es Sie eher stört, dann deshalb, weil Sie als erwachsene Frau Ihre Kindseite nicht erotisch besetzen können. Oder wollen.

Ulrich Clement

Prof. Dr. Ulrich Clement ist systemischer Paartherapeut und Sexualforscher. Sein Buch Think Love. Das indiskrete Fragebuch erschien 2015 bei Rogner & Bernhard, gerade hat er Dynamik des Begehrens im Carl-Auer Verlag veröffentlicht. In Heidelberg betreibt Ulrich Clement eine Privatpraxis für Coaching, Paar- und Sexualtherapie.

ZEITmagazin Online: Was sagen Kosenamen über die Paarkonstellation aus?

Clement: Man darf solche Namen nicht überbewerten. Wenn allerdings beide nur in Bärchen- und Baby-Kategorien sprächen, fände ich es schon auffällig. Wobei man einen Kosenamen ja durchaus auch ironisch verwenden kann, während man sich auf einer erwachsenen Ebene begegnet.

ZEITmagazin Online: Helfen Sie mir bitte, auf dieser Ebene den versteckten Sinn von "Hasenpups" zu finden.

Clement: Das ist vermutlich kein dauerhafter Name, sondern eher einer, der situativ verwendet wird, um etwas auch verbal zu inszenieren und zu verstärken. Nehmen wir beispielsweise "Maus": Das kann jemand auch verwenden, wenn er sich gerade angegriffen fühlt und seiner Partnerin signalisieren will, dass er groß und sie eine Minifigur ist, die er belehren kann.

ZEITmagazin Online: Was sagt es über ein Paar aus, wenn es eher von "vögeln" spricht oder von "Liebe machen"?

Clement: Es sagt vor allem dann etwas aus, wenn das Paar eine dieser Formulierungen ausschließlich verwendet. Wenn die beiden variieren, bedeutet es erst mal nur, dass sie unterschiedliche sexuelle Qualitäten erleben und benennen können. Das Wichtigste bei diesen Jargonausdrücken ist indes, ob man "Ich vögle dich" sagt oder "Ich vögle mit dir".

ZEITmagazin Online: Als Linguistin mag ich es interessant finden, ob ich als intransitives oder als präpositionales Objekt angesprochen werde. Aber was bedeutet es erotisch?

Clement: Beim einen mache ich den anderen zum Objekt, an dem ich – sehr zugespitzt – Handlungen vornehme. Verwende ich hingegen ein "mit", mache ich ihn neben mir, dem Subjekt, zum Partner und betone das symmetrische Miteinander. Das macht auch erotisch einen Unterschied.

ZEITmagazin Online: Worin liegt der Reiz von Dirty Talk?

Clement: Reden dient ja nicht nur dem Informationsaustausch, sondern stellt auch einen bestimmten Sound her. So möchte man mit Dirty Talk weniger einen bestimmten Sachverhalt beschreiben, sondern sich gegenseitig aufheizen. Was bei vielen gut funktioniert. Andere stört es jedoch.

ZEITmagazin Online: Was kann daran gefallen?

Clement: Das Sprechen wirkt erotisierend, weil es das, was man gerade tut, ausschmückt oder doppelt, indem man wiedergibt, was geschieht. Man kann aber auch eine Handlungsaufforderung äußern, in Form eines Wunsches oder Befehls. Oder eine Fantasie heraufbeschwören, die als erotisch empfunden werden kann, auch wenn real etwas anderes stattfindet.

ZEITmagazin Online: Eine Freundin, nett, rücksichtsvoll und empathisch, hatte sich mal gewünscht, dass ihr Partner sie "Schlampe" nennt, und dabei ging es ihr nicht um herumliegende Dreckwäsche. Warum können selbst ordinäre Ausdrücke erotisierend wirken?

Clement: Weil sie ein Trick sind, um aus der Gegenseitigkeitsfalle herauszukommen. "Schlampe" ist zwar alltagssprachlich ein abwertender Begriff, kann aber im sexuellen Kontext die Anerkennung der sexuellen Eigenständigkeit des anderen sein. Wenn der Mann sie "Schlampe" nennt, gesteht er seiner Partnerin zu, dass sie eine sexuelle Person ist, die sich souverän ihrer Triebhaftigkeit und Sinnlichkeit hingeben kann. Das kann anstacheln, weil der Mann, indem er ihre sexuelle Autonomie anerkennt, sich nicht um sie zu kümmern braucht. Jeder kann sich seiner eigenen Lust hingeben. Üblicherweise ist unsere Sprache politisch korrekt, demokratisch und drückt aus: "Ich liebe dich", "Ich fühle mich dir verbunden" oder "Wir sind gleich". Unterwerfung und Hingabe in sexuellen Handlungen oder im Dirty Talk sind hingegen Asymmetrien, die erotisierend wirken können.

ZEITmagazin Online: Das setzt großes Vertrauen voraus.

Clement: Und das Bewusstsein bei beiden, dass es sich um ein Spiel handelt. Wenn jemand eine schwere Traumatisierung erfahren und sie nicht verarbeitet hat, dann kann der oder die Betreffende häufig den Unterschied zwischen der gespielten Als-ob-Situation und einer tatsächlichen nicht klar erkennen. Das geht meist nicht gut und ordinäre Ausdrücke werden nicht als reizvoll, sondern als abwertend erlebt – und damit auch als beängstigend.

ZEITmagazin Online: Angesichts der aktuellen Debatte um eine Verschärfung des Sexualstrafrechts: Kann ordinäre Sprache die Schwelle zu sexuellen Übergriffen senken?

Clement: Das erfordert eine klare Fähigkeit zur Unterscheidung: Ist man in einem konsensuellen erotischen Spiel, in dem beide Partner wertgeschätzt werden, und nutzt dabei auch die Sprache  – oder wird mit einer ordinären Sprache auch eine reale Verachtung ausgedrückt.

ZEITmagazin Online: Welche Rolle spielt Humor?

Clement: Eine große, wenn man welchen hat. Humor funktioniert nur bei Gegenseitigkeit. Sonst geht es schief und ein Scherz wird zur Kränkung.

ZEITmagazin Online: Man kann aber beim Sex schon lachen?

Clement: Ja. Wenn einer allerdings sehr lange lacht, kann es passieren, dass man auch wieder aus dem Spiel aussteigt.

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