© Frieder Schlaich

Aino Laberenz "Meine Antwort auf Angst ist Freiheit"

Sie leitet das Operndorf in Afrika und verwaltet den Nachlass von Christoph Schlingensief. Letztes Jahr stellte Aino Laberenz ihre eigenen Fotos aus. Ist sie glücklich? Ein Interview von

ZEITmagazin ONLINE: Frau Laberenz, was ist Glück?

Aino Laberenz: Glück wird schnell mit Zufriedenheit gleichgesetzt. Ich hingegen möchte ehrlich gesagt gar nicht zufrieden sein. Zufriedenheit klingt immer so, als hätte man alles. Ich bin nicht an diesem Punkt. Ich mag es, mich auseinanderzusetzen und auf der Suche zu sein.

ZEITmagazin ONLINE: Im vergangenen Jahr haben Sie Ihre Fotografien erstmals in einer eigenen Ausstellung gezeigt.

Laberenz: Das war der Versuch, mal etwas ohne Team zu machen. Ich will nicht sagen, ich habe das "für mich" getan, denn alles, was ich mache, bin ja auch ich. Aber die Ausstellung hatte eine andere Autonomie.

ZEITmagazin ONLINE: Gefällt Ihnen diese Autonomie?

Laberenz: Ich mag beides, Autonomie und Zusammenarbeit. Ich habe das schon immer gesucht, war aber nie jemand, der als Person ins Rampenlicht wollte. Das hat eigentlich noch nicht mal etwas mit Vordergrund oder Hintergrund zu tun, ich arbeite einfach sehr gern im Gespräch. Kunst ist ein anderer Moment. Es war ein Riesenluxus, mich ausprobieren zu können. Ich hatte die Freiheit, zu suchen, und das war unglaublich schön. Fast so, als wäre man noch einmal jung und könnte sich überlegen, was man werden will. Weil man nicht so festgeschrieben ist.

ZEITmagazin ONLINE: Sind Sie festgeschrieben, zum Beispiel mit dem Operndorf und dem Nachlass von Christoph Schlingensief?

Laberenz: Ich habe viele Verpflichtungen, aus denen ich nicht so einfach rauskomme. Und auch nicht rauskommen will. Ich habe diese Verantwortung gewählt.

ZEITmagazin ONLINE: Hindert die Sie nicht auch manchmal?

Laberenz: Nein, all diese Dinge sind ständig in Bewegung und ich mit ihnen. Ob es verschiedene Städte oder Theaterhäuser sind, an denen ich arbeite, oder das Operndorf, das sich entwickelt.

ZEITmagazin ONLINE: Sind Sie rastlos?

Laberenz: Ich mag neuen Input. Andere Menschen sind dabei sehr wichtig. Und natürlich ist mein Leben extrem geprägt durch Arbeit. Das ist aber für mich keine Belastung.

ZEITmagazin ONLINE: Gibt es auch Orte, an die Ihre Arbeit nicht kommt?

Laberenz: Ich habe natürlich keinen Nine-to-five-Job, bei dem man am Abend einfach nach Hause geht. Das will ich auch gar nicht. Natürlich gibt es trotzdem Momente, in denen ich nicht arbeite, und dennoch nachdenke. Das Bild des klassischen Feierabends ist ja auch eines, das nicht stimmt, glaube ich. In allen Berufen gibt es Menschen, die sich auch nach Feierabend mit ihrer Arbeit auseinandersetzen. Ich finde es gut, wenn sich solche Energien überschneiden. Alles, was man tut, hat immer auch damit zu tun, woher man kommt.

ZEITmagazin ONLINE: Fühlen Sie sich erfolgreich?

Laberenz: Am Operndorf arbeite ich seit sechs Jahren. Ich musste von null anfangen und mich zurechtfinden. Eine Form von Erfolg ist für mich, dass ich mit meiner Arbeit sichtbar bin und es nicht nur heißt: "Das Operndorf ist ein Projekt, das von Christoph Schlingensief gegründet wurde, einem bekannten Künstler mit einer Vision, die kein Mensch ad hoc greifen kann." Hinter dem Dorf steckt ein gedankliches Erbe. Und nun ist plötzlich dieser Künstler nicht mehr da, der das hinterlassen hat und hinter dem alle hergerannt sind. Am Anfang hatte ich einen Mitleidsbonus, der ist jetzt weg. Nun geht es um Inhalte.

ZEITmagazin ONLINE: Sie wurden nicht ernst genommen?

Laberenz: Es ging beim Operndorf nie um eine Persönlichkeit, die sich ein Monument bauen wollte. Das muss ich den Leuten häufig erklären und das ist wahnsinnig schwer. Mit allen Schwierigkeiten, die das Operndorf hat, weil es sich selbst finanzieren muss, habe ich aber Gelassenheit gelernt. Ich muss damit umgehen, sonst würde ich verrückt vor Sorge.

ZEITmagazin ONLINE: Andere würden vermutlich panisch durchdrehen …

Laberenz: Das kenne ich auch. Es ist nicht so, dass ich die Ruhe selbst bin und durch die Welt gehe und sage: Klappt schon alles. Man erlebt das in verschiedenen Phasen. Ich will nur nicht mehr ständig verteidigen, was eigentlich keine Verteidigung braucht.

ZEITmagazin ONLINE: Sie können also anerkennen, was Sie geschafft haben?

Laberenz: Das ist schwer. Ich bin niemand, der vor Selbstbewusstsein strotzt. Aber in den vergangenen sechs Jahren ist so viel passiert und ich möchte mal jemanden sehen, der so ein Projekt in einer so kleinen Struktur so weit entwickelt. Natürlich spürt man häufig nur die Berge von Aufgaben, aber manchmal ist es wichtig, sich mal kurz umzugucken und zu sehen, was man hinbekommen hat.

ZEITmagazin ONLINE: Können Sie stolz auf sich sein?

Laberenz: Das weiß ich gar nicht. Bei der Ausstellung bin ich unsicher, weil das Neuland für mich ist. Auch beim Kostüm, einem Job, den ich schon jahrelang mache, fällt es mir schwer zu sagen: Das war jetzt gut. In der Ausstellung ging es nur um mich und es war lustig, wie ich sofort einen Schritt von mir weg gemacht habe. Ich habe die Sachen angeschaut, als wären sie nicht von mir.

ZEITmagazin ONLINE: Sie gehen immer wieder in unsichere Situationen, in Gebiete, auf denen Sie sich nicht auskennen.

Laberenz: Wenn ich es gar nicht kann, suche ich mir auch Hilfe. Ich gehe da nicht einfach durch. Diese Ausstellung trotzdem zu machen, war eine sehr wichtige Erfahrung für mich. Nicht um zu sehen, wie sie besucht wird. Sondern weil ich meine eigenen Grenzen und Ängste überschritten habe.

ZEITmagazin ONLINE: Was machen Sie mit der Angst?

Laberenz: Ich habe gelernt, damit umzugehen. Angst ist ja auch nichts Schlimmes, sondern ein relativ ehrlicher Schutz. Wenn sie dich nicht übermannt. Die Angst zuzulassen, ist wichtig. Für mich heißt das zum Beispiel aber nicht, dass ich einen Zettel mit Dingen oder Menschen schreibe, an denen ich mich festhalten kann. Meine Antwort auf Angst ist Freiheit.

ZEITmagazin ONLINE: Wird die Angst weniger?

Laberenz: Ich habe gelernt, Angst zu überwinden, das musste ich aber erst herausfinden. Wenn ich ein Projekt oder eine Idee vertrete, an die ich glaube, ist es mittlerweile völlig okay für mich, auf einem Podium zu sprechen. Früher habe ich mir das nicht zugetraut. Ich suche es mir trotzdem noch nicht freiwillig. Nervös und aufgeregt bin ich immer noch. Das geht auch nicht weg.

ZEITmagazin ONLINE: Welche Art von Feedback brauchen Sie?

Laberenz: Ich will jedenfalls nicht hören: "Das war toll!"

ZEITmagazin ONLINE: Warum nicht?

Laberenz: Weil es zu einfach ist. Das bringt mir nichts. Ich brauche Austausch. Das ist ja dann auch wieder eine Form von Bewegung, die mich weiterbringt.

ZEITmagazin ONLINE: Gibt es Momente, in denen Sie mal stillstehen?

Laberenz: Ja, aber es fällt mir schwer. In Stressphasen muss ich mich zwingen, wieder runterzukommen. Ich habe ja auch keine Kinder, die mich an einen Alltag binden würden. Ich glaube, ohne Kinder kann man schneller verloren gehen. Wenn man immer in Bewegung ist, muss man aufpassen, dass sich das nicht verselbstständigt. Das hält man sonst – auch körperlich – nicht aus.

ZEITmagazin ONLINE: Ist die viele Arbeit eine Art von Selbstversicherung?

Laberenz: Man ist irrsinnig austauschbar. Ich sehe mich nicht als jemanden, der Weltbewegendes tut und bin auch kein karrieristischer Mensch, aber eine ziemliche Macherin.

ZEITmagazin ONLINE: Sind Sie glücklich?

Laberenz: Bin ich glücklich? Manchmal. Das spüre ich dann auch körperlich. Glück ist für mich etwas sehr Situatives, mehr ein Moment als ein Grundzustand. Gutes Essen macht mich glücklich. Und Glück hat für mich auch etwas mit Humor zu tun, ich bin fröhlich und lustig. Das ist befreiend. Aber ich bin kein grundzufriedener Mensch. Das liegt eben an den Dingen, die ich will.

ZEITmagazin ONLINE: Was wünschen Sie sich?

Laberenz: Wünsche … Da gibt es viele. Aber die meisten sind grenzüberschreitend oder nicht erfüllbar.

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren