Digitale Familie Technisches Versagen als Chance

Aus der Serie: Beziehungen

Die Frau sitzt auf dem Sofa und wartet darauf, dass ich loslege. Es ist Sonntagabend, die Jungs sind im Bett, unser regelmäßiger Termin. Sie scheint sich darauf zu freuen. "Na?", fragt sie und schaut mich erwartungsvoll an.

Wie alle vier Wochen sind wir verabredet, um das Thema der nächsten Kolumne zu besprechen. Unsere Digitale Familie ist schließlich ein Gemeinschaftsprojekt. Ich weiß selbst nicht genau, warum ich jetzt darauf komme, aber ich sage ihr, ich könnte mich doch mal mit Sex beschäftigen. Also mit Sex im Netz.

Mir fällt immer wieder auf, dass ungefähr ein Drittel der Menschen, die mit mir Kontakt auf Instagram aufnehmen, junge Frauen mit irritierend großem Interesse an Bikinis sind. Ich weiß nicht, warum sie auf mich aufmerksam werden. Ich poste dort meistens nur Sequenzen aus Drohnenfilmen, nicht sehr sexy. Mir ist schon klar, dass das wahrscheinlich Fake-Accounts sind – oder ist Bademode in Russland doch so ein großes Thema? Auf jeden Fall haben einige dieser Irinas und Nadeschdas einen auffallend exquisiten Fotogeschmack und super Filter, muss ich zugeben. "Nur so eine Beobachtung", sage ich. Die Frau schaut mich gelangweilt an.

Ich versuche es anders. Tinder, OKCupid und andere Onlinedatingplattformen seien doch auch ein Riesenthema, sage ich. Wenn ich mit meinen Freunden spreche, habe ich den Eindruck, alle außer mir benutzen das. Während ich E-Mails und Facebook-Nachrichten beantworte, swipen sie nach links oder rechts und chatten mit ihren matches. Für Sex, für Romantik, meistens beides.

Kürzlich war ich mit einem Kumpel in einer Bar, gegenüber stand ein Paar seltsam linkisch am Tresen. Ihr erstes Tinderdate, spekulierten wir, sie klopfen ihre Biografien ab, um zu schauen, was da noch gehen könnte. Irgendwann verschwanden die beiden, für den weiteren Verlauf des Abends hatten wir unterschiedliche Tipps. Ich fand, das sah ganz vielversprechend aus. Mein Freund winkte ab. Er habe durch OKCupid mehr über die moderne Frau gelernt, als ihm lieb sei, alles irre kompliziert. "Das hat doch mit unserer Familie nichts zu tun", sagt die Frau. Stimmt auch wieder.

Die Frau scheint die Lust verloren zu haben, sie steht auf und geht. "Du könntest zum Beispiel mal ehrlich aufzeichnen, wie viele Stunden du so jeden Tag bei Facebook verbringst, weil du doch angeblich nie Zeit hast", sagt sie. Ähm, ja … lieber nicht. Kurz vor der Tür dreht sie sich um. "Ich will mir übrigens einen neuen Computer kaufen." Ich werde hellhörig, mein Geist ist ein Schmetterling im Wind. In Gedanken sehe ich mich schon fröhlich ihren neuen Laptop zusammenstellen.

"Was denn für einen? Vielleicht kann ich dir ..."

"Einen Verhütungscomputer." 

"Ach so?"

Das Thema ist gerade aktuell bei uns, die Pille verträgt meine Frau nicht, die Spirale will sie nicht mehr. Von einem Verhütungscomputer höre ich aber das erste Mal. Digitalisierung in allen Lebensbereichen finde ich ja grundsätzlich sympathisch. Es erscheint mir auch viel sinnvoller, etwas so Existenzielles wie die Reproduktion technologisch zu unterstützen oder eben zu verhindern, statt den Kühlschrank die noch vorhandene Menge an Milch tracken zu lassen und dann automatisch Bestellungen per E-Mail an den Supermarkt zu schicken. Und mit meinen 40 Jahren ist mir das Thema Familienplanung nun auch nicht ganz fremd. Ich stelle nur fest, dass ich da etwas aus der Übung bin. In den vergangenen zehn Jahren lagen meine Kompetenzen mehr im Bereich Kinderkriegen und dem Großziehen selbiger, statt sie nicht zu bekommen. Gab es da nicht diese Geräte aus der Apotheke? Und wo genau muss man auf diese Minicomputer draufpinkeln? So viele Fragen, ich öffne die Suchmaschine. Wo bitteschön ist die Stiftung Warentest, wenn man sie wirklich braucht? 

Statt verlässlicher Testvergleiche finde ich haufenweise Werbeanzeigen für Shoppingseiten und Beratungschannels auf YouTube. Mir war nicht klar, dass sich derart viele YouTuber mit Sexualität beschäftigen. Und das derart dämlich. Ich lerne zum Beispiel, dass man auch beim Sex unter der Dusche schwanger werden kann. Total überraschend. Während ich mich durch vollgeplapperte Testvideos klicke, kommt eine neue Nachricht aus dem Nebenzimmer: "Die Clue-App!" Auf der Website wird eine App vorgeführt, mit der Frauen ihren Zyklus erfassen und verstehen lernen können. "Track your cycle, it's beautifully complex" steht dort. Das funktioniert ganz ohne Thermometer und Urinstreifen, lerne ich, nur durch das Eingeben von Daten. Die Nutzerin notiert regelmäßig, wie sie sich fühlt, wie stark ihre Blutung ist, wie sexuell aktiv sie ist, solche Sachen. Diese Daten werden in einem wirklich sehr schönen interaktiven Kreisdiagramm angezeigt, inklusive der fruchtbaren Tage. In der Phase mit zu erwartendem prämenstruellen Syndrom hängen Gewitterwolken über dem Kreis. Ich bin neidisch, so etwas hätte ich auch gerne. 

Auf dem Bildschirm ploppt eine Nachricht auf. "Die App hat ausdrücklich nichts mit Verhütung zu tun, das ist nur der erste Schritt...", erklärt mir die Frau und fragt, ob ich noch mal rüberkomme. "Gleich", schreibe ich, ich bin jetzt wirklich im Thema drin. Gerade lese ich, dass der Pearl-Index von Verhütungscomputern zwischen 3,8 und 10 liegt, was bedeutet, dass von 100 Frauen, die die Methode ein Jahr lang anwenden, zwischen 3,8 und zehn trotzdem schwanger werden. Die Antibabypille hat zum Vergleich einen Pearl-Index zwischen 0,1 und 0,9. Ich würde denken, dass da noch Optimierungsbedarf besteht. Allerdings, erfahre ich, lässt sich die Quote der Rechnermethode auf 0,6 senken, wenn man zusätzlich täglich die Temperatur misst und sich intensiv mit dem eigenen Körper auseinandersetzt.

"Funktioniert wie Autofahren mit Google Maps – da muss man auch noch aus dem Fenster gucken", schreibt die Frau. "Sag mir nie, wie meine Chancen stehen", antworte ich mit einem Zitat von Han Solo und klappe den Rechner zu. Technisches Versagen als Chance, denke ich. So ein kleines Mädchen würde eigentlich noch ganz gut zu uns passen. Sie bekommt dann im Zweifel den schönen zweiten Vornamen #Fail. 

Kommentare

11 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Würde mich bei der Verhütung nicht auf eine App verlassen.

Für Menschen außerhalb von festen Beziehungen ist Kondom sowieso zwingend.

Außer demnächst gibt es eine App, die ausrechnet, wie hoch das Risiko für Geschlechtskrankheiten mit einem bestimmten Partner ist. Könnte man auf Grund von Flirt App-Aktivität eigentlich machen. Hätte den Vorteil, dass diejenigen, die sonst weniger Glück beim Aufreißen haben, auch mal eine Chance haben, weil bei ihnen das Risiko kleiner ist ; -)

Meine Großtante letztens: "Wir waren letztens auf Rügen im Urlaub!" - "Und in welchem Ort?" - "Keine Ahnung, wie sind nach dem Navi gefahren."

Ich werde mir demnächst einen Straßenatlas kaufen, damit das Autofahren wieder interaktiver und ausfüllender wird. Und die nettesten Plätzchen entdeckt man manchmal gerade dann, wenn man mit der Karte am Straßenrand steht, weil man sich verfahren hat.

Den Weg in die Höschen von Damen finde ich sowieso nicht; da wird es auch keinen Unterschied machen, ob ich Google Maps benutze oder nicht, oder sie eben Verhütungscomputer.

Liest Google den Regelzyklus dann eigentlich auch mit und bestellt automatisch Hygieneartikel, wenn es wieder so weit ist?

Die besten Verhütungsmethoden sind gerade Netzwerke wie Tinder oder Kontaktseiten. Ein Haufen Männer, Fakes, Prostitution, Werbung, einige Frauen die schriftliche Aufmerksamkeit suchen. Dort wird der Männertraum weiterverkauft, weibliche Sexualität hätte sich nun aber wirklich verändert.
Wenn man den Sinn oder Unsinn dieser Netzwerke mit dem Zeitaufwand in Relation setzen würde, bliebe nicht viel übrig.
Aber es verkauft sich halt gut Themen wie Internet, oder wir würde in sexuell ausschweifenden Zeiten leben. Machen Sie mal eine Reportage vom Dahinter

Danke für Ihren Beitrag. Der Sexismus ist wirklich immer und überall. Im Artikel wird noch nicht einmal auf die Existenz alternativer Verhütungsmittel eingegangen, die keine drastischen Nebenwirkungen haben und nur den entscheidenden Nachteil, für manche Männer lästig zu sein. Das rechtfertigt, die Verantwortung für Verhütung samt großer Risiken allein den Frauen zu überlassen. Sogar die Krankenkassen unterstützen dieses perfide System: Die Kosten hormoneller Verhütung übernimmt sie für junge Frauen. Kondome werden nicht bezahlt.

Dabei muss die Kenntnis der fruchtbaren Zeit, was im Übrigen auch ein Zeichen des Respekts und der Wertschätzung der Partnerin ist, kein Hemnis für ein unbeschwertes Sexualleben sein. Vorfreude trägt beträchtlich zur Freude bei. Wer gut beobachtet, wird feststellen, dass die Konsistenz des Vaginalsekrets einer von mehreren Indikatoren für die in verhütungstechnischer Hinsicht kritische Zeit ist.

Es ist doch nicht zuviel verlangt, in dieser Zeit auf die klassische Penetration zu verzichten. Und an anderen Tagen schon einmal ein Kondom überzustreifen. Oder überstreifen zu lassen...