Endlich Vintage! Alte Schlampen

Manchmal wird mir ein bisschen klaustrophobisch. Man kriegt jetzt so viele Ratschläge, fast wie zu der Zeit, als ich noch ein Küken war, meine Mama sich vor mir aufplusterte und streng kundtat, wie ich meine Haare ins Gesicht frisieren sollte, um meine doch leider scharfe Nase zu kaschieren. In der neuen Ausgabe der Brigitte Woman empfehlen mir alte Damen, die nun plötzlich gleichaltrig sind, ihre Aging-Rezepte mit demselben Gestus der Entschiedenheit, wie ihn damals meine Mutter auszeichnete: "Du darfst dich nicht jünger machen! Du musst ganz natürlich sein! Kein Lippenstift, kein Faltenbooster, kein Bauchcrunch! Schönheitsabstinenz und zwar mit Disziplin, meine Liebe!"

Diese Beiträge haben den Sound einer Bekenntnisorgie. Etwa: "Ich war mal schlank und doch so krank!" Oder: "Ich war mal jung und blond und hatte zur Strafe eine ganz schreckliche Essstörung!" Da ist ein krasser Unterton von Drohung: "Du willst dich aufhübschen? Du wirst schon sehen! Und der Strafe nicht entgehen!" Oder auch: "Ich war mal superchic und zutiefst unglücklich!" Ebenso: "Ich hatte eine Designertasche und mich weit, weit von mir entfernt!"

Das alles tut mir natürlich schrecklich leid. Noch leider tut mir allerdings, dass ich damals in Bozen diese wahnsinnige Handtasche nicht gekauft habe: tiefes glattes Grau mit Überwurf aus bordeauxrotem Velours. Chance verpasst, zwei Jahre ist es her, selbst auf Vintage-Onlineportalen ist sie nicht zu haben. Heul! Das Alter, lerne ich erschrocken in der Zeitschrift, sei die Zeit, und zwar für alle, endlich zu lernen, sich von dem "allgegenwärtigen Schönheitsdruck" zu emanzipieren! "Eine straffe Hülle" gäbe doch keine Antwort auf die wichtigen Fragen des Lebens. Nun ja. Das erinnert mich an eine Postkarte, die ich neulich sah: "Alkohol löst keine Probleme, aber das tut Milch auch nicht."

Man ahnt, diese Damen verstehen keinen Spaß. Schönheit ist ihnen verdächtig. So wie damals, als die Nonnen uns Mädels zwangen, weite Röcke über unsere engen Hosen zu ziehen, um den Hintern zu kaschieren. Jeder Gestus von Eleganz verrate nicht Schönheit, sondern sei eine verachtenswerte Oberflächlichkeit, nur ein Symptom, dass da jemand "Selbstliebe durch Anerkennung von außen" ersetzen will. Pfui, pfui, pfui!

Und es hört nicht auf, dieses Ermahnen und Abkanzeln, nicht im Leben, nicht in den Zeitungen. Vom Jugendwahn ist die Rede und von der Notwendigkeit, "Perfektionspausen" einzulegen. Makellose glatte Looks, so Frau Professor Dr. Beate Wimmer-Puchinger, die sich der Frauengesundheit widmet, seien "Ausdruck einer sinnentleerten, narzisstischen Gesellschaft". In der Brigitte Woman werden auch schwierigste Dinge angesprochen, unter anderem die "Renaissance unreflektierter geschlechtsspezifischer Stereotype". Die Schauspielerin Anna Stieblich (51) ist unerbittlich gegenüber allen "Eingriffen, die über Haare- und Nägelschneiden herausgehen". In ihnen verrate sich ein "verzweifelter Ernst". Ich würde sagen: Nö. Eigentlich nicht.

Ich habe mir neulich diese silbernen Schühchen geschenkt, von Vivienne Westwood, niedliche Mary Janes mit einer Pfötchen-Silhouette, die nach den kleinen Zehen von Tracey Emin skulptiert ist. Leider mit großer Betonung auf klein, weshalb sie im Regal stehen. Da stehen sie wie kleine teure Skulpturen und erfreuen mich jeden Tag. Und ihre Haare, Frau Professor Dr. Beate, sehen doch auch ganz niedlich aus, so blond mit 67 Jahren!

Was darf man sagen zu seiner Rechtfertigung als Schönheitsadorantin? Schon als Kind wurde mir mit der Hölle gedroht, wenn ich mir etwa einen Petticoat wünschte, mit dem man sich drehen konnte, bis er zu den Ohren hochfliegt. Unter der Hölle stellte ich mir lodernde schmerzliche Flammen vor, in denen ich mich winden würde wie Christine Kaufmann in dem Film Taras Bulba in einem hübschen Fähnchen aus Seidenbatist auf dem Scheiterhaufen, bis sie von ihrem Tony Curtis gerettet wurde. Christinchen hatte sich der Liebe zu einem Fremden schuldig gemacht, darauf stand Todesstrafe. Ein Leben später mache ich mich offensichtlich schuldig, weil ich allmorgendlich auf der Yogamatte vom niederschauenden Hund über die Tänzerin in die Warrior Position gleite, Ohhhhhhm rufe und mit dem Einatmen lächle? Dabei vergeht mir jetzt leider gelegentlich das Lächeln und ich denke stattdessen: Dumme oberflächliche Susi! Sündiges Mädchen! Statt ergeben zuzuschauen, wie das Natürliche in der fleckigen Oberflächengestaltung alternder Haut wuchert, habe ich mir schon wieder ein Fläschchen aufhellende Nagellack-Foundation gegönnt, gegen die Vergilbung der Krallen. Ich gestehe!

Schönheit als Laster – das erinnert an dieses Old Germany, das ja auch eine Tradition hat im Stile von "Eine deutsche Frau schminkt sich nicht!" Wir überspringen die Müsliphase der 1980er Jahre, als über den Körpern der Arnika-Duft des Hauses Weleda lag und die Brüste schwappten, während wir auf unseren schwedischen Cloggs der Weltrevolution entgegengaloppierten, weil alle BHs geschrottet waren und der Push-up erst wieder neu erfunden werden musste. Natürlichkeit wurde weitergeschrieben als zertifiziertes Ökolabel, abgeschminkte Gesichter wurden zum Ausweis deutscher Authentizität. Diese Ideologie hat sich leider festgekrallt in den Köpfen, denen obenrum ein wenig Schnitt guttun würde. Darf man aber nicht laut denken. Selbst im Vintage-Shop gifteten neulich zwei Damen über dieses liederliche Wesen, das sich an die Spitze des Internationalen Währungsfonds spreize: Christine Lagarde. Dumm? Unqualifiziert? Auf Nachfrage war zu erfahren, ihre Dämlichkeit zeige sich darin, dass sie jeden Tag ein neues Outfit trägt.

Vintage! Ich hatte gedacht, endlich könne man tun und lassen, was man will. Das ist auch nicht ganz falsch, also man kann es versuchen, aber das gilt natürlich nur, bis die nächste Zicke einen ins Visier nimmt.

Kommentare

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Der ideologische Wesenskern der Moderne ist die Ablehnung des Dekorativen zugunsten des „ungeschminkt“ Wahren. Das gilt für Kunst, Kunsthandwerk und Architektur gleichermaßen – und eben auch für den Menschen.

Dazu kommt das linke Egalitätsstreben: Wenn nicht alle schön sein können, dann soll es niemand sein. (Siehe dazu auch ganz aktuell den Kampf gegen das Bild schöner Menschen in der Werbung).

Leider unterschlagen Sie, dass ganze Industrien davon leben, blutjungen Mädchen und erwachsenen Fraue einzureden, dass tausenderlei mit Ihnen nicht in Ordnung ist - für das man sich dann Cremes, Geräte, "kaschierende" Dingens kaufen soll. Das Ganze wird ja nun nach und nach auf für Männer ausprobiert - übrigens ziemlich erfolgreich schon.
Ihre frauenfeindlichen Äußerungen oben - Frauen "hassen" Frauen mehr als jeder andere, sinngemäß - sprechen nicht dafür, dass Ihnen daran gelegen ist, irgendeine realistische Haltung zwischen den Zumutungen der Schönheitsindustrien und der Lust am Malen, Kleiden, Schmücken, an Farben und sich Verändern etc. zu befürworten - die übrigens, wiederum, auch Männer kennen, obwohl es gerade Ihnen oft mit Gewalt ausgetrieben wird. Übrigens interessanterweise nicht selten von den gleichen Verfechtern vermeintlich "natürlichen" Geschlechtseigenschaften, die sich hier so redlich bemühen, Frauen als Frauen irgendwie und immer wieder verächtlich zu machen...

"Wer Falten beschminkt, gilt als schwach. Wieso darf man nicht mal jetzt tun und lassen, was man will?"

Wer sich so vom Urteil anderer abhängig macht, wird zwangsläufig auch in der Bevormundung durch das Urteil anderer hängen bleiben. Erwachsen sein bedeutet vor allem auch, die Freiheit und die Verantwortung für eigene Entscheidungen zu übernehmen. Wessen Grundlage für Entscheidungen aus dem Urteil anderer erwächst, wird in einer infantilen Unmündigkeit hängen bleiben.

Es stellt sich die Frage, ob man das will.

Es steckt ja mehr dahinter: regelrechter Hass auf Frauen, die „zu viel“ Make-up tragen, sich die Haare färben, zu figurbetonte Kleidung tragen, zu „nuttig“ aussehen. Das betrifft sogar schon Kinder, die öffentlich gedemütigt werden, weil sie in der Schule Hotpants oder zu knappe Leibchen tragen.

Und dieser Hass geht überwiegend von anderen Frauen aus.