Sexueller Übergriff Am besten schauen Sie einfach weg

Eine Frau wird in einem ICE Opfer sexueller Übergriffe durch betrunkene Fußballfans. Der Zugführer ruft Verstärkung. Wie viel Hilfe darf man von Polizisten erwarten? Von

Unsere Autorin ist an einem Wochenende im Mai mit der Deutschen Bahn etwa 400 Kilometer durch Deutschland gereist. Was sich auf der Fahrt ereignete, beschäftigt sie bis heute. Ihre Erinnerungen an die Fahrt hat sie für uns protokolliert. Die zuständige Landespolizei bestreitet einzelne Details dieser Schilderung.


Am Bahnsteig sehe ich eine Gruppe männlicher Fußballfans. Sie sind offensichtlich alkoholisiert, haben Bierflaschen dabei und singen die Hymne ihres Vereins. Ich steige absichtlich am anderen Ende des Zugs in einen Waggon.

Der Wagen ist angenehm leer. Ich habe zwei Sitzplätze für mich allein. Ich setze mich ans Fenster, klappe meinen Laptop auf, beginne zu arbeiten. Die anderen Reisenden lesen, unterhalten sich mit gedämpfter Stimme oder schauen aus dem Fenster und hören Musik.

Der Zug fährt schon, als die Gruppe Fußballfans doch in den Waggon kommt. Die Männer unterhalten sich laut über den Verlauf des Spiels. Der Wagen füllt sich schnell. Mit noch mehr Männern, mit Gegröle, mit Ausdünstungen und Bierflaschen. Zuerst denke ich: Das geht vorüber. Da kippt die erste volle Bierflasche aus. Der Geräuschpegel ist mittlerweile so hoch, dass es nicht mehr möglich ist, sich in Zimmerlautstärke zu unterhalten.

Die Situation strengt mich an. Ich frage mich, wie die übrigen Reisenden das aushalten. Ich stehe auf und schaue mich um. In ihren Gesichtern sehe ich keine Reaktion. Ist die Situation außer mir niemandem unangenehm? Oder haben sie Angst, etwas zu sagen? Ich versuche, mich zu entspannen. Dann betritt ein weiterer Fußballfan den Waggon. Er torkelt mehr als er läuft. Er lässt sich auf den Platz neben mir fallen. Ich glaube nicht, dass er mich wahrnimmt. Er schwankt, selbst wenn er sitzt. Sein Geruch bereitet mir Übelkeit. Ich klappe meinen Laptop zu und verstaue ihn. 

Ich denke, vielleicht muss ich toleranter werden.

Wenn sich der Zug in eine Kurve neigt, kippt der Oberkörper des Mannes zur Seite. Ein Mal kippt er an meine Schulter. Ich schäme mich dafür, dass mir übel wird.

Die Gespräche der anderen Fans werden aggressiver. Von den übrigen Reisenden immer noch keine Reaktion. Ich packe meine Sachen und verlasse den Wagen.

Komm her, Süße, setz dich zu mir!
Fußballfan

Da merke ich, dass die Fans überall sind: im nächsten Waggon, im übernächsten. Etwa 50 bis 70 Mann. Einer von ihnen sitzt breitbeinig im Gang. Ich frage, ob er mich vorbeilassen könne. Er lacht und sagt: "Komm her, Süße, setz dich zu mir." Er will mich auf seinen Schoß ziehen. Ich weiche aus und fahre mit meinem Rollkoffer über seine Füße. "Schlampe", brüllt er mir hinterher.

Ich laufe schneller, im nächsten Wagen ist das Bordbistro. Im Bordbistro herrscht Chaos. Hinter der Theke steht ein Mitarbeiter der Deutschen Bahn und gibt Plastikbecher mit Bier aus. Hier sind so viele Männer, dass es kaum möglich ist, sich vorwärts zu bewegen. Ich gerate in Panik. Ich versuche, weiterzulaufen. Die Männer grölen, einer sieht mich und ruft: "Ich fick dich in den Arsch, Hure." Alle lachen. Ein anderer sagt: "Ich helf dir hier durch", dann kippt er mir sein Bier über Rock und Rucksack, weil er sein Glas nicht mehr gerade halten kann.

Einer umfasst von hinten meine Hüften. Ich weiche zurück und brülle: "Können Sie mich bitte durchlassen, ohne mich anzufassen?" 

Die Männer um die Theke versperren den schmalen Durchgang zum Sitzbereich des Restaurants. Niemand bewegt sich. Alle schauen mich an. Ich nehme meinen Mut zusammen und drängle mich an ihnen vorbei. Von allen Seiten spüre ich Hände auf meinem Körper. An meiner Taille, meinem Po, meinen Brüsten. Ein Gerangel, Bier kippt über meine Schultern. Einer ruft: "Nein heißt Nein!" Wieder lachen alle anderen.

Es fühlt sich an wie ein Film, der in Zeitlupe abläuft. Irgendwann erreiche ich die erste Klasse. Eine Mitarbeiterin der Deutschen Bahn kontrolliert gerade die Tickets. Sie sieht mich und fragt: "Was ist denn passiert?" Ich stammle Satzbrocken. Bordbistro. Männer. Angst. Kann ich hier bleiben? Die Schaffnerin sagt: "Warten Sie, ich hole den Zugchef." Der Zugchef kommt und sagt: "Sie stehen unter Schock." Dann verspricht er, sich um das Problem zu kümmern. Die Schaffnerin bringt mir eine Flasche Wasser. 

Am besten, du schreibst mir das noch mal in Ruhe per Mail.
Landespolizist

Kurz darauf kommen eine Bundespolizistin und ihr Kollege zu mir, bitten mich, den Tathergang zu schildern und die Männer zu beschreiben. An ihr Aussehen kann ich mich kaum erinnern. Trikots in den entsprechenden Farben. Einer hatte lange Haare, einer war sehr groß und sehr dick, er trug ein schwarzes T-Shirt. Mehr weiß ich nicht. "Ohne eindeutige Identifizierung können wir nichts machen", sagt der Bundespolizist, "außerdem sind wir in der Unterzahl, es wäre besser, die Männer nicht zu provozieren." Er fragt, ob ich sie nicht doch ins Bordbistro begleiten wolle, wegen der Identifizierung.

Ich lehne ab. Ich möchte niemanden provozieren. Seine Kollegin sagt, ihr täte es leid, was passiert ist. Der Zugchef sagt, er sei verantwortlich für das Wohl seiner Fahrgäste. Über Lautsprecher lässt er durchgeben, dass es am nächsten Bahnhof eine Polizeikontrolle geben werde.

Tatsächlich trifft am nächsten Bahnhof Verstärkung von der Landespolizei ein. Einer der Landespolizisten kommt zu mir. Er stellt sich mir nicht vor. "Kannst du mir beschreiben, was vorgefallen ist", fragt er.

Ich erzähle alles von vorn. Der Landespolizist macht sich Notizen, mitten im Satz unterbricht er mich. Er sagt: "Am besten, du schreibst mir das noch mal in Ruhe per Mail. Dann habe ich deine Aussage im Wortlaut."

Ich wundere mich, warum mich der Landespolizist duzt. Ich bin 29 Jahre alt. "Also dann", sagt er, "deine Daten habe ich, ich schreibe dir, dann hast du meine Mailadresse." Ich sehe ihn nicht noch einmal.

Aus dem Lautsprecher kommt die Durchsage, dass sich die Weiterfahrt wegen eines Polizeieinsatzes um unbestimmte Zeit verzögern wird.

Ich darf für die restliche Fahrt in der ersten Klasse bleiben. Ich nehme meinen Koffer und suche mir einen Platz, den man vom Eingang des Waggons nicht sehen kann. Ich habe Angst, dass einer der Fußballfans mich finden könnte. Ich gehe an einer älteren Dame vorbei, die an einem Tisch sitzt und sich mit einem Mann unterhält. Sie mustert mich von oben bis unten und fragt in den Raum hinein: "Kommen die jetzt alle zu uns?" Ich bleibe stehen und drehe mich zu der Frau um. "Wen meinen Sie mit alle?", frage ich zurück. "Seien Sie nicht so empfindlich", antwortet die Frau, "ich meine nicht Sie persönlich, sondern mehr so … alle aus der zweiten Klasse." Ich setze mich zwei Reihen weiter. Wir stehen eine Dreiviertelstunde am Bahnhof. Die ältere Dame regt sich auf und wirft mir böse Blicke zu.

Als wir losfahren, kommt die Durchsage des Zugchefs, es habe Übergriffe im Bordbistro gegeben, die einen Polizeieinsatz zur Folge hatten. Für die Verzögerung bitte er um Entschuldigung; er werde sich umgehend um Informationen zu den Anschlusszügen kümmern.

Eine halbe Stunde später kommt er nochmals ins Abteil. Er fragt, ob er sich kurz setzen dürfe. Ich sage: "Selbstverständlich." Der Zugführer wirkt aufgelöst und fassungslos. Die Landespolizei sei wieder abgezogen, sagt er. Der Einsatzleiter hätte sich entschlossen, nicht einzugreifen, die Situation im Bordbistro sei für seine Truppe zu gefährlich gewesen. Auch er sei von den Fans angegangen und beleidigt worden. Er habe den Einsatzleiter gefragt, wie er sich verhalten solle, wenn nochmals eine junge Frau in seinem Zug sexuell belästigt werden würde. Der Einsatzleiter habe geantwortet: Am besten schauen Sie einfach weg.

Dann sei die Landespolizei wieder abgezogen. "Einfach so?", frage ich. Ja, sagt der Zugchef. Der Einsatzleiter hätte sich vorher noch bei den Fußballfans erkundigt und diese hätten ihm versichert, dass es keinen Grund zur Sorge gäbe und ein sexueller Übergriff niemals stattgefunden hätte. "Wenn alles so friedlich gewesen sein soll", frage ich, "warum war der Einsatz dem Einsatzleiter trotzdem zu gefährlich?" Der Zugchef zuckt mit den Schultern. Es täte ihm leid, sagt er, und dass die Kollegin und der Kollege von der Bundespolizei noch da wären.  

Der Bundespolizist kommt später noch einmal an meinem Platz vorbei. Ich erzähle ihm, was ich vom Zugchef erfahren habe. Der Bundespolizist setzt sich neben mich. Er sagt, er müsse mir mal etwas erklären. Bei der Polizei sei Sicherheit, und vor allem die Sicherheit der eigenen Männer, höchstes Gebot. Die Verantwortung trüge jeweils der Einsatzleiter.

Worauf er mit seiner Erklärung hinaus will, erfahre ich nicht mehr. Aus dem Lautsprecher kommt Stimmengewirr, der Zugchef bittet den Bundespolizisten in einen anderen Wagen. Der Bundespolizist entschuldigt sich und geht.

An der nächsten Station steigen die Fußballfans aus. 

Ich verstecke mich am Boden, sodass man mich vom Bahnsteig aus nicht sehen kann. Irgendwann treffen wir an meinem Zielbahnhof ein. Vor dem Bahnhof frage ich zwei Frauen nach dem Weg zu meinem Hotel. Eine von beiden fährt mich hin.

In der folgenden Woche rufe ich im Präsidium der Landespolizei an. Ich möchte wissen, an wen ich meine volle Aussage schicken kann, wie der Polizist heißt, der mich geduzt hat, und wer der Einsatzleiter gewesen ist, der das Gespräch mit dem Zugchef geführt haben soll. Niemand kann mir weiterhelfen. Ich werde mehrmals an andere Zuständige weitergeleitet, ohne Erfolg. Tage später bekomme ich eine Mail, in der mir eine Vorgangsnummer mitgeteilt wird, unter welcher mein Anliegen an die Bundespolizei weitergegeben worden sei.

Bei der Bundespolizei sagt man mir, die Vorgangsnummer ist unbekannt.


Anmerkung der Redaktion:

•    Die zuständige Behörde der Landespolizei erklärt, der Landespolizist habe die junge Frau aufgrund ihres jugendlichen Erscheinungsbildes geduzt, um eine entspannte Gesprächssituation herzustellen.

•    Die zuständige Behörde der Landespolizei gibt an, der jungen Frau sei aufgrund der Zustände im Zug angeboten worden, eine detaillierte Schilderung der Vorfälle nachzureichen. Dies sei ein gut gemeinter Hinweis gewesen. Eine Nachreichung der Aussage per E-Mail geschehe allerdings nur in absoluten Einzelfällen.

•    Die zuständige Landespolizei versichert, der Einsatz sei nicht abgebrochen, sondern nach Abschluss aller notwendigen polizeilichen Maßnahmen beendet worden.

•    Die zuständige Landespolizei erklärt, der Einsatzleiter hätte gegenüber dem Zugführer nicht geäußert, der Einsatz sei für seine Truppe zu gefährlich und dass man deshalb nicht eingreife.

•    Die zuständige Landespolizeibehörde versichert, dass keiner ihrer Beamten von dem Zugführer gefragt worden sei, wie er sich im Falle eines weiteren sexuellen Übergriffs verhalten sollte. Demzufolge habe der Einsatzleiter auch nicht geantwortet: Am besten schauen Sie einfach weg.

•    Der Zugführer darf sich nach Auskunft der Pressestelle der Deutschen Bahn nicht zu dem Vorfall äußern, da der Polizeieinsatz Anlass von behördlichen Ermittlungen ist.

•    Die Frage, ob der Zugführer Anzeige gegen die Fußballfans und/oder den Einsatzleiter der Landespolizei gestellt hat, konnte die Pressestelle nicht beantworten, weil dies eine persönliche Angelegenheit des Zugführers sei.

•    Einen Monat nach dem Vorfall bekam unsere Autorin einen Brief von der Bundespolizei und damit die Möglichkeit, nach Paragraf 185 StGB Anzeige wegen des Verdachts auf Beleidigung gegen die Fußballfans zu erstatten.

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