Camping Bis zur letzten Station und dann los

Manche suchen Abenteuer am anderen Ende der Welt. Marlen Mueller und Thomas Adler zelteten in Berlin. Was als spontane Idee begann, veränderte ihr ganzes Leben. Ein Interview von

Ihr erstes Zelt haben sie in einem ehemaligen Freibad in Berlin aufgestellt, seither haben Marlen Mueller (28) und Thomas Adler (34) ihren Radius auch über die Landesgrenzen ausgedehnt. Was ist so toll am Campen in und außerhalb der Stadt? Wir haben uns mit der Fotografin und dem Gestalter auf der Terrasse ihres kleinen Häuschens in Berlin-Adlershof unterhalten, bevor sie zu ihrem nächsten Trip nach Schweden und Norwegen aufbrechen.

ZEITmagazin ONLINE: Wieso stellt man in Berlin sein Zelt auf?

Marlen Mueller: Als wir uns kennenlernten, haben wir uns immer ein Wochenendziel gesucht. Wir hatten kein Auto. Deswegen haben wir alle S-Bahn-Linien ausprobiert und sind nach Norden, Süden, Osten, Westen gefahren. Bis zur letzten Station und dann sind wir einfach losgelaufen. Jedem, der die Stadt richtig kennenlernen will, empfehle ich den Speckgürtel. Nicht nur Mitte, Kreuzberg und Neukölln.

Thomas Adler: Irgendwann hatten wir diese romantische Vorstellung, zu zweit im Zelt zu übernachten. Aber es war schon sehr spät im Jahr und kühler. Deshalb blieben wir in der Stadt. In einem ehemaligen Freibad in Berlin-Britz haben wir zum ersten Mal unser Zelt aufgeschlagen. Und dann immer wieder. Den Radius haben wir peu á peu erweitert. Erst Brandenburg, dann die Ostsee. Vergangenes Jahr sind wir zum ersten Roadtrip aufgebrochen.

ZEITmagazin ONLINE: Ja, da steht nun ein Jeep in Ihrem Garten.

Mueller: Wir haben sogar ein Dachzelt.

ZEITmagazin ONLINE: Das ist der Porsche unter den Zelten.

Mueller: Ja, aber die Investition war es wert. Es ist Wahnsinn, was so ein Dachzelt kostet. Aber das Unterwegssein ist uns wichtig.

ZEITmagazin ONLINE: Momentan wenden sich viele Menschen wieder Dingen zu, die sich ursprünglich anfühlen. Was macht das mit einem?

Mueller: Wir leben bewusster, seitdem wir so viel in der Natur sind. Uns ist es wichtig, auf Plastik zu verzichten, soweit es geht. Wir ernähren uns vegetarisch.

Die beiden Fotografen Marlen Mueller und Thomas Adler betreiben gemeinsam das Blog "Urban Tenting". Dort dokumentieren sie ihre Reisen.

ZEITmagazin ONLINE: Fällt das zu zweit leichter?

Adler: Wenn einer permanent auf Plastiktüten verzichtet und der andere beim Einkauf jedes Mal welche mitnimmt, ist das schon ein Problem. Das Umweltbewusstsein kam durch das Reisen, die Liebe zur Natur. Zum Beispiel nehmen wir auch immer den fremden Müll mit, den wir finden, wenn wir zelten, und bringen ihn zur nächsten Tonne. So kam es, dass wir auch zu Hause anders mit Müll umgehen. Plastikflaschen sind für uns mittlerweile ausgeschlossen. Wir achten darauf, möglichst alles ohne Verpackung kaufen. Wenn man viel in unberührter Natur ist, versteht man, wie wichtig das ist.

Mueller: Die Natur überwältigt mich einfach sehr oft.

ZEITmagazin ONLINE: Wann denn zum Beispiel?

Mueller: Ich fürchte mich sehr vor Gewittern. Als wir letzten Sommer auf einem Campingplatz an der Ostsee in Stubbenfelde waren, zog ein Sturm auf. Wir waren beide im Zelt und ich spürte eine Mischung aus Angst und Geborgenheit. Unser Zelt stand unter hohen Pinien, und obwohl man bei Gewitter eigentlich nicht unter Bäumen Schutz suchen soll, habe ich mich sicher gefühlt. Thomas hat mir in der Situation geholfen, meine Angst zu überwinden. So etwas erlebe ich auf fast jeder Reise.

Über den Dächern muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.

ZEITmagazin ONLINE: Fliehen Sie durch das Reisen vor anderen Menschen? Ihre Bilder wirken häufig so. Selbst die, auf denen Sie in der Stadt zelten.

Mueller: Das ist eher eine fotografische Entscheidung. Wir sind eigentlich sehr gesellig.

Adler: Es geht auch um das Unberührte. Das Gefühl, dass der Ort, wo du gerade bist, von keinem anderen beeinflusst wird. Zelten hat sich ja sehr gewandelt. Das ist nicht mehr nur eine Notlösung wie früher, weil man kein Geld hatte. Ich bin als Kind in der DDR mit meinen Eltern und einem Klappfix-Anhänger an die Ostsee gefahren. Heute entscheiden sich die Leute bewusst dazu und man sieht Frauen mit Chanel-Tasche über den Campingplatz laufen. Ich glaube, viele genießen die Freiheit, alles ins Auto zu packen und einfach losfahren zu können. Es macht Spaß, für die Entfernung zu arbeiten, anstatt einfach aus einem Flugzeug zu steigen.

Mueller: Deswegen schreiben wir auch immer Fahrtenbuch mit Kilometerständen. Was ich besonders schätze, sind die Gespräche, die man im Auto hat. Die sind zum Teil ganz anders als sonst.

ZEITmagazin ONLINE: Warum?

Mueller: Wir vertiefen uns mehr in Geschichten. Man weiß: Die nächsten Stunden verbringen wir miteinander in diesem Auto. Dann lässt man los.

Adler: Wir vergessen sogar häufig, das Radio anzumachen. Oder schalten es absichtlich aus. Wir sind gezwungen, es auf engem Raum miteinander auszuhalten, man hat ja nur zwei Quadratmeter im Auto. Und es ist ein Gespräch, bei dem man sich nicht in die Augen schaut. Man darf abschweifen und bewegt sich. Gleichzeitig ist es extrem privat, im Zug hört ja zum Beispiel ständig jemand mit.

ZEITmagazin ONLINE: Hat Glück damit zu tun, im Moment zu sein?

Adler: Wir sind Menschen, die von Grund auf zufrieden sind. Ich bin eigentlich jeden Tag die meiste Zeit glücklich. Häufig ohne genau zu wissen, warum. Viele Leute häufen Geld auf einem Konto an für irgendwas, von dem sie noch nicht einmal wissen, was es ist. Ich glaube, das ist ein Fehler. Wir haben jetzt diesen 21 Jahre alten Jeep gekauft. Das war faktisch dumm. Aber er macht uns froh.

Mueller: Klar hat man immer im Kopf, was man machen könnte oder wo man vielleicht hin will. Aber diese Ziele sind total frei. Weiter als ein Jahr kann doch niemand realistisch planen. Letztendlich passieren die Dinge einfach und man muss reagieren. Ich glaube, viele Menschen setzen sich ein einziges, großes Ziel und haben die unbedingte Hoffnung, dann glücklich zu werden, wenn sie es erreicht haben. Bei uns sind es eher sehr kleine Dinge, wegen der wir sehr glücklich sind.

ZEITmagazin ONLINE: Zum Beispiel?

Mueller: Wir kochen jeden Sonntag Spaghetti mit Tomatensauce. Darauf freuen wir uns sonntags schon den ganzen Tag. Uns gibt das ein gutes Gefühl, weil es eine der wenigen festen Konstanten in unserem Leben ist. Wir sind beide Freiberufler und jeder Tag ist anders. Spaghetti mit Tomatensauce sind dann einfach die Bestätigung dessen, was uns schon vor einer Woche glücklich gemacht hat.

Marlen Mueller auf dem Berliner Drachenberg

ZEITmagazin ONLINE: Sie essen also jeden Sonntag Spaghetti mit Tomatensauce hier in Ihrem kleinen Berliner Häuschen mit Garten und Hund. Andere würden das jetzt als spießig bezeichnen …

Mueller: Ich würde es eher nostalgisch nennen. Ich habe auch gute Kindheitserinnerungen an das Dorf, in dem meine Oma lebte. Ich war glücklich damals. Und jetzt baue ich eben selbst Gemüse an.

Adler: Ich merke auch, dass ich immer weniger mitreden kann, wenn wir uns mit Serienjunkies unterhalten. Seitdem wir hier leben, sind wir kaum noch drinnen. Mir fällt immer noch etwas ein, was ich draußen tun könnte, bevor ich eine Serie schaue.

ZEITmagazin ONLINE: Ist das für Sie komisch?

Adler: Nein, so soll's sein. Ich bin ja auch in einem Haus mit Garten aufgewachsen. Meine Eltern haben sich getrennt, da war ich schon erwachsen. Danach wohnten sie in Wohnungen in unterschiedlichen Städten. Das Gefühl von Nach-Hause-Kommen kannte ich nicht mehr. Bis jetzt. Das hatte ich vorher in keiner Wohnung.

ZEITmagazin ONLINE: Und trotzdem fahren Sie immer wieder los.

Adler: Ja, aber der Drang auszubrechen ist jetzt kleiner. Vorher lebten wir zu zweit in einem Zimmer auf 30 Quadratmetern. Jetzt haben wir ein Freiluftzimmer von 600 Quadratmetern. Wir sind hier erst Anfang des Jahres eingezogen, dass es je mal wieder anders sein könnte, kann ich mir gerade nicht vorstellen.

Mueller: Vielleicht sind wir irgendwann einfach nur noch unterwegs. Das wäre doch eine schöne Vorstellung.

ZEITmagazin ONLINE: Wäre das dieses große Glück, von dem immer alle reden?

Adler: Ich glaube, man darf gar nicht zu viel über Glück nachdenken, sollte auf seinen Bauch hören und manchmal auch ein bisschen naiv sein ...

Mueller: ... auch wenn das Wort eigentlich eher negativ besetzt ist. Aber das hat mir in gewisser Weise geholfen. Vorher nicht zu wissen, dass etwas schiefgehen könnte. Einfach zu machen und sich was zu trauen. So wurde ich erzogen. Es gibt viele Eltern, die ihre Kinder ständig ausbremsen. Meine Mutter sagte mir und meiner Schwester immer: Ihr macht das schon. Ich kann selbstständig arbeiten, weil ich das Vertrauen habe, dass es immer weitergeht.

Adler: Dass wir hier geboren sind und all diese Möglichkeiten haben, ist schon ein großer Luxus. Neulich hörte ich im Radio, der deutsche Reisepass sei einer der wertvollsten der Welt. Einfach ins Auto steigen zu können und irgendwohin zu fahren, macht frei.

Mueller: Zumindest das Wissen, dass man es könnte ...

Adler: Es gibt viele Menschen, die mit einem anderen Gefühl aufstehen und nicht wissen, ob sie den Tag überleben. Auch das muss man erst einmal begreifen. Bei uns hier streben Menschen nach großen Wohnungen, in die sie dann ihre Besitztümer stellen können. Dabei braucht der Mensch eigentlich nicht viel Platz. Wenn wir mit unserem Auto und dem Dachzelt unterwegs sind, haben wir nicht viel. Und doch alles. Wir sitzen da und haben die Weite. Mehr geht eigentlich nicht.

Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

In dem Text steht, dass der 21 Jahre alt ist (nach Bild offenbar ein Lada Niva, also ein echter, wenn auch winziger Geländewagen, kein proletiger Life-Style-SUV). Ich finde es gut, wenn Leute gebrauchte Autos so lange verwenden, wie es geht. Die wurden mal mit einer Menge Material und Energie hergestellt. Ich fahre ebenfalls nur ältere Gebrauchte, bis sie den TÜV nicht mehr überleben.

"Wir sind Menschen, die von Grund auf zufrieden sind."
Wie schön, so etwas zu lesen. Gehöre zur gleichen Generation und da gehört das Meckern für viele dazu (Job uninteressant, zu schlecht bezahlt, zu wenig Zeit, ...). Damit kann ich immer weniger anfangen - man hat doch nur ein Leben und kann das selbst so gestalten, wie man möchte! Also: Mut zur Zufriedenheit! Mit Geld etc. hat das weniger zu tun, als man meinen möchte. : )