© Katharina Langer für ZEITmagazin ONLINE

Bisexualität Ein Penisträger aus Nahost

Unser Autor ist 18 Jahre alt und bisexuell. Sein Leben lang ist er schon auf der Flucht – vor dem Krieg in seiner Heimat und vor dem Männlichkeitsbild des Islam. Von

Im Sommer 1997 erfüllte Jubel die Straßen der syrischen Hauptstadt: Ein Kind war geboren worden von einer elenden, ängstlichen, ruhelosen Mutter. Ich hörte die Rufe meines schnurrbärtigen Onkels, der das große Ereignis feierte. Er starrte auf meine dunklen nahöstlichen Augen mit den langen Wimpern, und er fürchtete, weiter unten eine Vagina sehen zu müssen. Er musterte meine feminine Stirn und suchte nach etwas, das seiner Idee von Männlichkeit entsprach.

Meine großen dunklen Augen ließen die Tränen meiner Mutter trocknen, aber die Augen meines Onkels füllten sich mit Tränen der Frustration, Bestürzung und Panik. Wie von einem Sprungbrett blickte er hinunter, auf die weiche Wölbung meines Unterbauches, die eines Tages eine Schwangerschaft verheißen könnte. Seine Schreie drangen zum Rest der Familie als Gerücht, dass ein Mädchen geboren worden war und der Familienname nie auf alle künftigen Nachfahren vererbt werden würde. Sie fanden erst ihren Frieden mit mir, als sie das längliche Körperteil mit dem rosafarbenen Köpfchen entdeckten: Auf ihm lastete all ihr Drang, einen Mann in der Familie zu haben, der ihren Namen und ihr Ansehen weitergibt und sie vor dem verfluchten blutigen Stigma des Weiblichen beschützt.

Sie entschieden sich für blaue Bänder, die mich in den Straßen von Damaskus willkommen hießen. Eines schlangen sie mir um den Hals, und eines banden sie um das versteckte rosafarbene Köpfchen, um ein religiöses Verbrechen daran zu begehen, einen Körper zu kontrollieren und ihn zu zerteilen. Meine Vorhaut ersetzen sie durch die Bürde der Indoktrination. In meinen Ohren hallten ihre hässlichen Sprüche über die Grundsätze der Männlichkeit, über Redegewandtheit in Gegenwart von Frauen. Sie setzten mir ihren abscheulichen Ehrbegriff vor, wie ein Mann zu gehen, zu sprechen, zu handeln habe. Wo war mein Vater? Wo war mein Vater? Nur in den Tränen meiner verletzten Mutter, die schrie und sich nach ihm sehnte. Diese Männer hatten keine Geschichte, außer der, der sich meine Ohren zuneigten, sie flüsterten ihre Koran-Verse hinein, um mich zu einem "wahren Muslim" zu machen. Ihr monotheistischer Glaube radierte die Identität des Jüngsten aus.

Ihr Männlichkeitsbild und ich, eine weibliche Kopie meines Bruders, prallten aufeinander. Als mein Vater zurückkehrte, sah er mich an, erhörte das Gerede meiner nichtsnutzigen Onkel, und fortan benutzten sie das Wort "schwul", um meine Weiblichkeit zu brandmarken. Ich behielt mein Begehren für mich, aber der Anblick meines nackten Onkels ließ meinen Penis beschämend in die Länge wachsen. An meinem Geburtstag konnte ich den Onkel, diesen grotesken Helden, nicht finden. Die weiße Flüssigkeit stand für Freude, Glück und das Verlangen, meinen Penis in eine wunderbare Vagina zu führen, als Ausdruck der Vollkommenheit. Aber das Verlangen dehnte sich von meinem nichtsnutzigen Onkel bis zur perfekten Vagina.

Auf meinen großen Augen lastete der Druck ihrer einschüchternd muskulösen Arme. Ich konnte der Misshandlung nicht länger widerstehen. In den Straßen Kairos, der rauesten Stadt in der arabischen Welt, wurde ich zum Ziel ihrer Anmachen und Anzüglichkeiten, und es gefiel mir. Gut sahen sie aus mit ihrer gebräunten, männlichen Stirn, aber ihre Bösartigkeit empörte mich.

Ich stehe dazu: zu meinem rosafarbenen Hemd, mit dem ich nun durch eure Straßen gehe, weil ich ein Mann bin, egal welche Farben ich mag. Ich bin ein Mann, unabhängig von eurem widerlichen sexistischen Auftreten. Mit einem bisexuellen Verlangen steht mein Penis eurer Religion entgegen. Ich bin ein Mann, der keine Angst hat vor eurer Schikane. Mit meinen eigenen Farben, Wünschen, meinem eigenen Stil, meiner eigenen Erscheinung bin ich ein Mann. Meine Männlichkeit lässt sich nicht schmälern durch eure abschätzigen Blicke, noch wird sie gemindert durch einen Moment Geringschätzung in den üblen Straßen des Nahen Ostens.

Und solltet ihr eines Tages eure Männlichkeit in mir finden wollen, habe ich sie längst ins Höllenfeuer geworfen, zusammen mit den spärlichen Erinnerungen an meinen Vater, also sucht sie dort! Ich bin ein Mann.

Übersetzt aus dem englischsprachigen Original von Rabea Weihser

Kommentare

18 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Dass die völlig verkorkste Sexualmoral des Islams für unzähliges Leid und Terror verantwortlich ist, dafür brauch man eigentlich nicht mehr solche Artikel. Nichtsdestotrotz wünsche ich dem Autor alles Gute und möge er verschont bleiben vor durchgeknallten Muslimen. Ohne ein Koran-update wird niemals in dieser Hinsicht ein Fortschritt geschehen, vielmehr dient der Koran auch heute noch oftmals nur als Rechtfertigung für sexuelle Gewalt frustrierter Männer gegenüber Frauen oder Homosexuller.

Dass die völlig verkorkste Sexualmoral des Christentums für unzähliges Leid und Terror verantwortlich ist, dafür brauch man eigentlich nicht mehr solche Artikel. Nichtsdestotrotz wünsche ich dem Autor alles Gute und möge er verschont bleiben vor durchgeknallten Christen. Ohne ein Bibel-update wird niemals in dieser Hinsicht ein Fortschritt geschehen, vielmehr dient die Bibel auch heute noch oftmals nur als Rechtfertigung für sexuelle Gewalt frustrierter Männer gegenüber Frauen oder Homosexuller.

(Schreibfehler wie im Original)