Wir müssen reden "Muss man jede Berührung absegnen?"

Mit dem neuen Sexualstrafrecht ziehe das Misstrauen ins Schlafzimmer, fürchten manche. Der Sexualtherapeut Ulrich Clement erklärt, ob unbeschwerter Sex nun gefährdet ist. Von

ZEITmagazin ONLINE: Wird künftig in den Schlafzimmern nicht mehr nur leises Stöhnen zu hören sein, sondern auch immer ein klares Ja oder Nein, weil die Unsicherheit darüber, wie das Stöhnen nun gemeint sein könnte – wohlig oder leidend – zu groß wird?

Ulrich Clement: Das wird natürlich nicht so kommen. Was Sie mit Schlafzimmer meinen, ist ja eine konsensuelle Situation, in der zwar nicht immer mit einem Ja gerechnet werden kann, aber wo das Nein üblicherweise übereinstimmend abgehandelt wird. Das heißt, der Partner geht darauf ein. Wobei er im Falle einer Ablehnung auch mit Kränkung reagieren kann.

ZEITmagazin ONLINE: Das neue Strafrecht besagt, künftig können ein ausgesprochenes Nein oder entsprechende andere Willensäußerungen ausreichen, um jemanden wegen eines sexuellen Übergriffs zu belangen. Deshalb fürchten Kritiker dieser Neuerung, mit ihr würde ein Klima des Misstrauens ins Schlafzimmer einziehen.

Ulrich Clement

Prof. Dr. Ulrich Clement ist systemischer Paartherapeut und Sexualforscher. Sein Buch Think Love. Das indiskrete Fragebuch erschien 2015 bei Rogner & Bernhard, gerade hat er Dynamik des Begehrens im Carl-Auer Verlag veröffentlicht. In Heidelberg betreibt Ulrich Clement eine Privatpraxis für Coaching, Paar- und Sexualtherapie.

Clement: Ich sehe nicht so sehr das Problem in einem Klima des Misstrauens, sondern eher darin, dass ein Vereindeutigungszwang entstehen könnte in einer Situation, in der man auch spielen könnte. Hier kann ein Nein auch bedeuten: "Jetzt nicht", "So nicht", "Ich überleg's mir noch mal" oder "Mach langsam". Dann ist das Nein weniger ein verhinderndes Nein, als eher ein aufschiebendes Ja. Diese Mehrdeutigkeiten spielen eine wichtige Rolle für eine lebendige Erotik. In der aktuellen Debatte wird immer vorausgesetzt, dass die Nein sagende Person darin klar wäre und tatsächlich "Stop!" meint. Wenn sie mit ihrem Nein tatsächlich "Stop!" meint, dann greift das erneuerte Strafrecht. Oft ist das Nein aber nicht so klar, und ein "So nicht, aber vielleicht anders, es wäre jedenfalls schade, wenn du aufgibst" ist mit dem Gesetz natürlich nicht gemeint.

ZEITmagazin ONLINE: Andererseits muss sich heute keine Frau mehr zieren. Ist der Reiz der erotisch-moralischen Ambivalenz eines verführerisch gemeinten Neins nicht sowieso längst passé, da wir heute mehrheitlich sexuell selbstbestimmt sind? Ist ein zweideutiges Nein mithin nicht mehr als eine altbackene Fantasie?

Clement: Überhaupt nicht. Zieren im altmodischen Sinn wird sich heute zwar kaum noch eine Frau, aber sie möchte das Tempo bestimmen. Gerade die Verlangsamung ist ein wichtiges erotisches Moment. Dabei spielt das Nein eine Rolle. Das ist kein Zieren, sondern ein Spiel mit dem Gegenüber. Wie reagiert er darauf? Hört er ganz auf oder lässt er sich etwas anderes einfallen? In diesem Zusammenhang muss man auch die zeitliche Gültigkeit eines solchen Neins genau beachten. Es bedeutet: "In diesem Moment ist die Situation nicht so, wie ich sie haben möchte." Während des erotischen Flirts kann sich ein solches Nein später aber auch in ein "Jetzt ja" auflösen.

ZEITmagazin ONLINE: Im internationalen Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes lief jüngst ein Film, der in der Cliquenwelt amerikanischer Jugendlicher spielt. Zwei Protagonisten, die ineinander verliebt sind, haben darin irgendwann auch das erste Mal Sex miteinander, angetrunken, übermüdet und spontan aus einer euphorisierenden Situation heraus. Dabei fragt der junge Mann seine Partnerin mehrfach während des Sex: "Willst du wirklich?" Und sie antwortet jedes Mal: "Ja!" Das wirkt auf mich künstlich, obwohl der Film ganz offensichtlich viel Wert auf eine authentische Wiedergabe des geschilderten Milieus legt. Ist das – heute in den USA und künftig bei uns – tatsächlich so? Wird dann im 30-Sekunden-Takt die Zustimmung aller abgefragt? Und falls ja, wäre das schlimm?

Clement: Wenn man es ganz korrekt machen wollte, müsste man das eigentlich.

ZEITmagazin ONLINE: Aber reagieren wir nicht sowieso beim Sex intuitiv die ganze Zeit auf das, was der andere gerade so tut? Nicht verbal, sondern mit sämtlichen anderen, der Kommunikation sonst noch zur Verfügung stehenden Mitteln wie Blicken und Körpersprache?

Clement: Sicher, und das ist viel subtiler als Nein und Ja. Die Kunst besteht natürlich darin, zu unterscheiden. Dazu brauchen wir ein Minimum an sozialer Intelligenz.

ZEITmagazin ONLINE: Was genau läuft ab, wenn ich spielerisch-neckisch zu meinem Partner sage: "Ach, hör doch auf", aber insgeheim das Gegenteil meine? Wie und wo haben wir gelernt, das richtig zu interpretieren? Und an welcher Stelle kann es dann zu Missverständnissen kommen?

Clement: Dieses Interpretieren von Gesagtem und Gemeintem lernt man generell. Dabei handelt es sich nicht um einen speziell sexuellen Code. Wir hören immer, in jeder Situation, auf das Gemeinte hinter dem Gesagten. Wobei sich diese Kompetenz nicht nur auf das Sprachliche, sondern auch auf alles Nichtsprachliche erstreckt: auf das Atmosphärische, auf Mimik und Gestik.

ZEITmagazin ONLINE: Besteht an dieser Kompetenz heute ein Mangel? Lernen wir dieses Unterscheiden schlechter? Oder sind wir nur unsicherer geworden? Falls ja, warum – wo wir doch heute viel aufgeklärter und offener sind?

Clement: Ich gehe nicht davon aus, dass früher die Kompetenz größer gewesen ist.

ZEITmagazin ONLINE: Die Kulturpessimistin in mir sagt: Vielleicht lernen wir das nicht mehr so zuverlässig, weil wir nicht mehr so viel direkten Umgang miteinander haben, sondern mehr und mehr virtuellen?

Clement: Nichtsdestotrotz kommunizieren wir ständig. Wir können gar nicht nicht kommunizieren. Wir können uns dabei jedoch missverstehen.

ZEITmagazin ONLINE: Wenn zum Beispiel unterschiedliche Sozialisationen oder Kulturen aufeinanderprallen?

Clement: Darin sehe ich das größte Problem.

Kommentare

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Naja, bei mir ist die Erfahrung anders. Ich kenne vielleicht zwei, die als Kind vergewaltigt worden sind - es gab Konsequenzen für die Väter - und keine die jemals oder mehrmals sexuell belästigt wurde. (Und ich kenne genug Frauen).

Im Übrigen ist es mitnichten so, dass eine Anzeige für eine Straftat im Verborgenen keinen Sinn macht. So ziemlich jede Verurteilung wegen Vergewaltigung beruht auf eine reine Aussagesituation.

Dem Therapeuten ist eindeutig nicht klar das es in Zukunft keines "Neins" bedarf.
Der erkennbare Wille reicht in Zukunft aus.
Und dieser kann durch Gesten und Geräusche oder durch das unterlassen Selbiger gezeigt werden.
Auch die Aussage wenn das Nein wirklich Stop meint... stimmt so nicht.
Auch das "Jetzt Nicht", "So nicht" ist nach neuem Strafrecht ein eindeutiges Stop! und ich muss die aktuelle Handlung sofort(!) einstellen, wenn ich dieses Ablehnung ignoriere um meine/n Partner/in doch noch zu verführen, mache ich mich nach neuer Gesetzeslage mindestens für den Versuch der sexuellen Nötigung strafbar.

Liebe ZON warum fragt ihr einen Sexualtherapeuten zu Dingen des Sexualstrafrechts,
Man frägt doch auch keinen Astrologen wenn man fragen zur Astrophysik hat nur weil beide Worte mit "Astro" anfangen.

nd wenn ich diese nicht sofort Respektiere und meine Handlung einstelle sondern